Laut einem am Dienstag, 25. August 2026 bekannt gewordenen Eckpunktepapier des Finanzministeriums könnte eine für Deutschland geplante Zuckersteuer womöglich nicht nur für zuckerhaltige Getränke wie Softdrinks betreffen, sondern auch für weitere Produktgruppen gelten. Angesprochen wurden unter anderem Fruchtnektar, Smoothies, pflanzliche Milchalternativen und alkoholfreies Bier. Auch zuckerfreie Getränke, die stattdessen mit Süßstoff gesüßt sind, sollten demnach besteuert werden.
Inzwischen hat Finanzminister Lars Klingbeil jedoch betont, dass es sich bei dem Eckpunktepapier lediglich um einen internen Arbeitsstand handelte und er keine Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke befürworte. Dennoch sorgen die Vorschläge für Gesprächsstoff: Welche Maßnahmen wären aus gesundheitspolitischer Sicht sinnvoll? Und welche könnten das eigentliche Ziel – eine Senkung des Zuckerkonsums – sogar gefährden?
Welche Gesundheitsrisiken bergen zuckerhaltige Softdrinks?
„Die negativen gesundheitlichen Auswirkungen zuckergesüßter Getränke sind gut untersucht“, erklärt Peter von Philipsborn, Leiter des Lehrstuhls für Public Health Nutrition an der Universität Bayreuth. „Zuckergesüßte Getränke fördern die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas – vor allem bei Menschen, die ein erhöhtes genetisches Risiko haben. Auch Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 treten häufiger auf.“ Zahnärzte berichten zudem über ein erhöhtes Kariesrisiko durch einen zu hohen Zuckerkonsum schon im Kindesalter.
Zuckerhaltige Softdrinks gelten als besonders problematisch, weil man mit solchen Getränken sehr schnell sehr viel Zucker aufnimmt, ohne dass es einem bewusst ist. So enthält allein ein Liter handelsüblicher Limonade rund 100 Gramm Zucker – ähnlich viel wie zwei Tafeln Schokolade.
Was soll eine Zuckersteuer bringen?
Zahlreiche Studien sowie Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass eine Zuckersteuer ein wirksames Instrument sein kann, um den Zuckerkonsum zu reduzieren. Gerade bei einer gestaffelten Steuer, bei der Getränke mit wenig Zucker geringer besteuert werden als solche mit viel Zucker, entsteht ein Anreiz für Hersteller, die Rezepturen ihrer Getränke zu ändern und den Anteil an zugesetztem Zucker zu reduzieren. In Großbritannien ist dadurch der durchschnittliche Zuckergehalt von Softdrinks um rund 46 Prozent zurückgegangen.
Eine Zuckersteuer könnte aber auch das Kaufverhalten positiv verändern: „Das Konsumverhalten wird durch eine Steuer auf gezielt zuckergesüßte Getränke (Softdrinks) vor allem auf preiswertere Alternativen gelenkt, also ungesüßten Tee, Wasser oder Softdrinks mit Süßstoffen. Alle drei Produktgruppen sind kalorienfrei und gesundheitlich vorteilhaft im Vergleich zu zuckrigen Getränken“, erklärt Stefan Kabisch von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Dadurch werden vor allem Menschen mit geringerem Einkommen und hohem Limonadenkonsum dazu animiert, auf günstigere, zuckerärmere Getränke auszuweichen – zum Vorteil ihrer Gesundheit.
Welche finanziellen Vorteile sind zu erwarten?
Indem eine Zuckersteuer der Entstehung zahlreicher gesundheitlicher Probleme vorbeugt, soll sie vor allem die gesetzlichen Krankenkassen entlasten. Eine Studie der TU München kam 2023 zu dem Ergebnis, dass durch die Entlastung des Gesundheitssystems und weniger Arbeitsausfälle innerhalb von 20 Jahren bis zu 16 Milliarden Euro eingespart werden könnten. Die Bundesregierung erhofft sich zudem, mit den zusätzlichen Steuereinnahmen den Haushalt aufzubessern. Allein 2027 soll die Zuckersteuer rund 650 Millionen Euro einbringen. Würde die Steuer wie in dem Eckpunktepapier vorgeschlagen auch auf weitere zuckerhaltige und zuckerfreie ausgeweitet, könnten sich die Einnahmen vervielfachen.
Welche Konsequenzen könnte eine Ausweitung der Zuckersteuer haben?
In Fachkreisen stößt die angedachte Ausweitung der Zuckersteuer jedoch auf Kritik. „Eine Zuckersteuer darf kein beliebiges Instrument zur Erhöhung der Staatseinnahmen werden. Sie muss zielgenau dort ansetzen, wo besonders hohe Zuckergehalte die Mund- und Allgemeingesundheit belasten“, erklärt Romy Ermler, die Präsidentin der Bundeszahnärztekammer.
„Die Lenkungswirkung der Steuer entfällt, wenn sie nicht nur auf zuckrige Softdrinks, sondern auf eine Vielzahl natürlich zuckerhaltiger Getränke – also auch Fruchtschorlen, Pflanzenmilch und weitere – und sogar süßstoffgesüßte Getränke ausgeweitet wird“, warnt auch Kabisch. „Ein Umstieg auf gesündere Getränke ist dann erschwert. Schlimmstenfalls entsteht sogar ein Anreiz, vermehrt zuckerfreie alkoholische Getränke wie Bier oder Wein zu konsumieren, die dann preislich bessergestellt sind als zuckrige Softdrinks.“
Warum sind Säfte, Milchgetränke und Co weniger problematisch als Limonaden?
„Fruchtsäfte, Milch und pflanzliche Milch enthalten diverse Vitamine, Mineralien, Ballaststoffe und weitere Nährstoffe, die im Vergleich zu reinen Zuckerdrinks Vorteile bieten“, erklärt Kabisch. Obwohl insbesondere Fruchtsäfte teils ähnlich viel Zucker enthalten wie Softdrinks, sind sie deshalb für den Stoffwechsel günstiger.
Sind Süßstoffe nicht auch gesundheitsschädlich?
Manche Süßstoffe stehen im Verdacht, ähnlich wie Zucker das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs zu erhöhen. Zudem wird ihnen nachgesagt, Heißhungerattacken zu fördern und so die Gewichtszunahme indirekt zu begünstigen. Viele dieser Vermutungen stammen allerdings aus Beobachtungsstudien, die zwar Korrelationen, aber keine ursächlichen Zusammenhänge nachweisen können. „Interventionsstudien am Menschen – insbesondere randomisiert kontrollierte Studien – zeigen für Süßstoffe im Vergleich zu Zucker eine bessere Herz-Kreislauf-Entwicklung, etwa für Körpergewicht, Nüchternglukose, Blutfette, Blutdruck oder Fettleber“, sagt Kabisch. „Diese Daten entkräften somit das vermeintliche Gefahrenpotenzial von Süßstoffen aus Sicht von Beobachtungsstudien.“
Tierversuche sowie neurowissenschaftliche Studien zum Einfluss auf das Essverhalten liefern keine einheitlichen Ergebnisse, die gegen einen Einsatz von Süßstoffen sprechen. Die in der EU zugelassenen Tageshöchstdosen liegen zudem weit unterhalb der Mengen, bei denen möglicherweise schädliche Effekte zu erwarten wären. „Die Gesamtevidenz präsentiert somit Süßstoffe als gesundheitlich eindeutig besser als Zucker“, fasst Kabisch zusammen. „Es gibt keinen Grund, die Tageshöchstdosen abzusenken oder den Konsum dieser Süßstoffe anderweitig stärker zu reglementieren, etwa durch eine Steuer.“
Welche Erfahrungen gibt es aus Großbritannien?
In Großbritannien wurde 2018 eine gestaffelte Steuer auf Softdrinks mit einem Zuckergehalt ab fünf Gramm pro 100 Milliliter eingeführt. Bereits infolge der Ankündigung reduzierten viele Hersteller den Zuckergehalt ihrer Getränke, um unter die steuerpflichtigen Grenzwerte zu kommen. Zwischen 2015 und 2020 sank der Zuckergehalt der von der Abgabe erfassten Getränke um 46 Prozent. In Deutschland dagegen führten freiwillige Selbstverpflichtungen der Hersteller dagegen zwischen 2015 und 2021 lediglich zu einer Reduktion von durchschnittlich 5,3 auf 5,2 Gramm pro 100 Milliliter.
In Großbritannien hat sich der Zuckerkonsum bei Kindern und Erwachsenen im Jahr nach Einführung der Zuckersteuer um fünf und elf Gramm pro Tag reduziert. „Konsummengen zuckerreicher Getränke sind messbar zurückgegangen, vor allem bei ärmeren Haushalten mit hohem Zuckerkonsum – also genau jenen, bei denen die Lenkungswirkung besonders große gesundheitliche Vorteile erwarten lässt“, berichtet Kabisch. „Konkrete gesundheitliche Verbesserungen in der Bevölkerung betreffen den Rückgang von Karies.“
Bei anderen Gesundheitsproblemen wie Adipositas und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Effekte bislang weniger deutlich. „Die Messung von Stoffwechsel-Gesundheitseffekten durch die Steuer ist allerdings immer erschwert, da parallel ablaufende gesellschaftliche Veränderungen diese Erkrankungen mitbeeinflussen – zum Beispiel der Brexit, Pandemien und steigende Armut“, erklärt Kabisch. „Wenn die Konsummengen und der Zuckergehalt der Getränke zurückgehen, ist aber ein gesundheitlicher Vorteil anzunehmen.“
Quellen: Science Media Center Germany, Bundeszahnärztekammer





