Der Zweite Weltkrieg sorgte dafür, dass viele Lebensmittel, darunter auch Zucker, in Großbritannien Mangelware waren. Ab 1942 wurden Süßigkeiten daher rationiert. Erst 1953, acht Jahre nach Kriegsende, hob Großbritannien die Rationierung wieder auf. Schlagartig stieg daraufhin der Zuckerkonsum in der Bevölkerung an: von durchschnittlich 41 Gramm pro Tag auf 80 Gramm pro Tag. „Durch die Rationierung wurde der Zuckerkonsum auf ein Niveau beschränkt, das den aktuellen Ernährungsrichtlinien der Weltgesundheitsorganisation entspricht, doch unmittelbar nach der Rationierung verdoppelte sich der Konsum nahezu“, beschreibt ein Team um Tadeja Gracner von der University of Southern California in Los Angeles.
Natürliches Experiment
Für Wissenschaftler stellt diese historische Periode daher ein einzigartiges natürliches Experiment dar, um die gesundheitlichen Auswirkungen des Zuckerkonsums zu untersuchen. Gracner und ihr Team fokussierten sich dabei auf Menschen, die kurz vor oder kurz nach Ende der Zuckerrationierung geboren wurden und somit die ersten 1000 Tage ihrer Existenz – von der Zeugung über die Zeit im Mutterleib bis zu ihrem zweiten Geburtstag – unterschiedlich hohen Zuckerkonzentrationen ausgesetzt waren. Insgesamt wertete das Team die Daten von mehr als 60.000 Erwachsenen aus, die zwischen Oktober 1951 und März 1956 gezeugt wurden und die ihre Gesundheitsdaten der UK Biobank zur Verfügung stellten.
Das Ergebnis: „Wir fanden heraus, dass eine Zuckerrationierung in den ersten 1000 Lebenstagen das Risiko für Diabetes um 35 Prozent und das Risiko für Bluthochdruck um 20 Prozent reduziert“, berichtet das Team. „Zudem verzögerte sich das Auftreten dieser Krankheiten um etwa vier beziehungsweise zwei Jahre.“ Demnach hat die frühkindliche Ernährung einen deutlichen Einfluss auf die spätere Gesundheit. Auch die Geschmacksvorlieben werden offenbar durch die Erfahrungen bis zum zweiten Lebensjahr geprägt: Wer im Mutterleib und als Kleinkind wenig Zucker ausgesetzt war, gab auch als Erwachsener an, weniger Zucker zu konsumieren.
Prägung schon vor der Geburt
Der Effekt reduzierten Zuckerkonsums zeigte sich auch bei Personen, die unmittelbar nach Ende der Zuckerrationierung geboren wurden und die dadurch im Mutterleib wenig Zucker ausgesetzt waren, aber im Kleinkindalter bereits Süßigkeiten zur Verfügung hatten. Sie hatten gesundheitliche Vorteile im Vergleich zu denen, deren Mütter bereits wieder reichlich Zucker zu sich nahmen. Allein die Zeit vor der Geburt ist demnach für etwa ein Drittel des verringerten Krankheitsrisikos verantwortlich. „Die größte Risikoreduktion trat aber auf, wenn die Rationierung über das Alter von sechs Monaten hinaus andauerte“, so das Forschungsteam.





