Das Muster von Krawatten, die Farben von Tassen, die Gesichter von Beteiligten: An Szenen und Eindrücke im Zusammenhang mit stressigen Erlebnissen, wie etwa bei einer Prüfungssituation, können sich Menschen oft noch lange erstaunlich detailliert erinnern. Die Eindrücke eines Spaziergangs durch den Park am selben Tag vergisst man hingegen schnell wieder. Was hat es mit diesem Unterschied auf sich? Den Hintergründen dieses Gedächtnisphänomens gehen Forscher der Ruhr-Universität Bochum nach. Wie sie erklären, könnte diese Forschung neben grundlegenden Einblicken in die Arbeitsweise des Gehirns auch zu einem Verständnis von psychologischen Störungen beitragen, die mit problematischen – traumatischen – Erinnerungen verbunden sind.
Stress-Erinnerungen im Visier
Grundlegend ist bereits bekannt, dass bei der gesteigerten Gedächtnisleistung im Rahmen von Stresssituationen die verstärkte Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter im Gehirn eine Rolle spielt. Diese Botenstoffe bewirken offenbar Veränderungen in den neuronalen Repräsentationen bei diesen Erfahrungen. Frühere Studien und theoretische Überlegungen hatten dabei bisher aber zu unterschiedlichen Erklärungsansätzen dafür geführt, wie sich Erinnerungen an stressige Erlebnisse von neutralen unterscheiden. Um weitere Einblicke zu gewinnen, haben die Bochumer Wissenschaftler deshalb nun die Erinnerungsspuren im Zusammenhang mit realen Stresssituationen durch eine Studie mit insgesamt 65 Freiwilligen erfasst.
Um für experimentelle Belastung zu sorgen, kam der sogenannte Trier Social Stress Test zum Einsatz: Bei einem fiktiven Bewerbungsgespräch mussten die Probanden zwei Personen Fragen beantworten, die regungslos dreinblickten und kein positives Feedback gaben. Zudem wurden sie bei der Situation demonstrativ gefilmt. Anschließende Speicheltests zeigten, dass dies bei den Testpersonen tatsächlich Stress auslöste. Während der unangenehmen Situation waren in dem Raum insgesamt 26 Objekte zu sehen: vom Mülleimer über eine Coladose bis zu einem Ventilator. Einige „zentrale Objekte“ benutzte das „Komitee“: Es wurde beispielsweise aus bestimmten Gefäßen etwas getrunken. In der Kontrollgruppe waren die Probanden mit den gleichen Objekten und Handlungen konfrontiert, aber keinem Stress ausgesetzt: Es handelte sich um eine freundliche Gesprächssituation ohne Videoaufnahmen.
Besonderheiten bei Stress zeichnen sich ab
Am Tag nach dem Test zeigten die Forschenden den Studienteilnehmern beider Gruppen dann die gesehenen Objekte, während sie deren Gehirnaktivität in einem Magnetresonanztomografen erfassten. Der Fokus lag dabei auf der Amygdala – einer Hirnregion, die unter anderem für das emotionale Lernen wichtig ist. Der Vergleich der neuronalen Spuren zeigte: Bei der Kontrollgruppe unterschieden sich die nervlichen Muster im Fall der in der entspannten Gesprächssituation verwendeten Objekte kaum von denen bei den nicht zentralen Gegenständen im Raum. Bei den Probanden mit der Stresserfahrung unterschieden sich die Gedächtnisspuren zwischen den verwendeten und nicht verwendeten Objekten hingegen deutlich: Objekte, die im Mittelpunkt der stressigen Episode standen, weil sie von den Experimentatoren manipuliert wurden, besaßen ähnliche Repräsentationen in der Amygdala. Das bedeutet: Die neuronale Verankerung der wichtigen Objekte aus den Stresssituationen erscheinen gruppiert und sind von anderen Eindrücken deutlich abgegrenzt, erklären die Wissenschaftler.





