1999 beschrieben die amerikanischen Psychologen David Dunning und Justin Kruger einen psychologischen Effekt, demzufolge diejenigen Personen, die in Multiple-Choice-Tests am schlechtesten abschneiden, ihre eigene Leistung am stärksten überschätzen, während sich diejenigen mit den besten Ergebnissen etwas schlechter einschätzen als sie sind. Vor allem in populärwissenschaftlichen Darstellungen und sozialen Medien wird dieser Effekt gerne zitiert, um auf ungerechtfertigtes Selbstvertrauen bei mangelnder Kompetenz hinzuweisen – sei es bei Internet-Trollen, Klimawandelleugnern oder schlechten Chefs.
Statistisches Artefakt statt psychologischer Effekt?
Viele der behaupteten Anwendungsfälle haben mit der ursprünglichen Studie von Dunning und Kruger allerdings wenig zu tun und wurden nie wissenschaftlich untermauert. Doch auch die ursprüngliche Analyse der beiden Psychologen gerät nun ins Wanken. Chris Dawson von der University of Bath und David de Meza von der London School of Economics and Political Science haben Daten, die den Dunning-Kruger-Effekt zu belegen scheinen, neu analysiert. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass er wahrscheinlich eher auf einer statistischen Verzerrung beruht als auf einem tatsächlichen psychologischen Effekt.
„Unsere Forschung zeigt, dass die ursprüngliche Methodik einer statistischen Illusion zum Opfer fiel. Das gängige Bild der inkompetenten Person, die vor Selbstvertrauen nur so strotzt, sagt weniger über die menschliche Psychologie aus als über die versteckten Fallstricke in der statistischen Analyse“, sagt Dawson. Wie er und sein Kollege erklären, kann die Leistung von Menschen in Multiple-Choice-Tests unabhängig von ihrer tatsächlichen Kompetenz stark schwanken. „Wenn ein Testergebnis außergewöhnlich niedrig ist, liegt das oft daran, dass die Person bei den Fragen einfach Pech hatte – was bedeutet, dass ihre geschätzte Leistung naturgemäß viel zu hoch ausfällt. Genau das Gegenteil passiert bei Spitzenreitern, die von einem Glücksfall profitieren“, erklärt de Meza.
Bei Wiederholungsstudien schneiden die vormalig besten und schlechtesten oft eher durchschnittlich ab – ein Phänomen, das in der Sozialpsychologie als Regression zur Mitte bekannt ist. Berücksichtigen die Forscher bei der Auswertung solche Zufallseffekte, verschwand das scheinbare Muster. „Stattdessen sehen wir, dass Selbstüberschätzung eine universelle menschliche Eigenschaft ist, die jedoch gerade bei den Fähigsten unter uns am stärksten ausgeprägt ist“, berichtet Dawson.
Große Klappe als Zeichen großer Kompetenz?
Aus evolutionärer Perspektive ist dieses Ergebnis laut Dawson und de Meza plausibel. Demnach kann eine Selbstüberschätzung individuell nützlich sein, um auch von anderen als kompetenter wahrgenommen zu werden und dadurch beispielsweise einen höheren sozialen Status zu erreichen. Zugleich birgt das übertriebene Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten allerdings auch die Gefahr, zu hohe Risiken einzugehen und dadurch Verluste zu erleiden. „Beispielsweise kann übermäßige Selbstsicherheit zu unternehmerischen Misserfolgen, riskantem Fahrverhalten und problematischen Glücksspiel führen“, erläutern die Forscher.
Ein anderer, entgegengesetzter psychologischer Effekt, hält die negativen Auswirkungen der Selbstüberschätzung normalerweise in Grenzen: Die Angst vor Verlust sorgt dafür, dass Menschen stärker versuchen, potenzielle Verluste zu vermeiden als potenzielle Gewinne zu erzielen. „Der Prozess, durch den sich Selbstüberschätzung und Verlustaversion entwickeln, mag genetisch oder kulturell bedingt sein, doch beide ergänzen sich“, schreiben Dawson und de Meza. „Das Ergebnis ist, dass man zwar große Töne spuckt, aber nicht vollständig danach handelt – was die ideale Verhaltenskombination darstellt, um erfolgreich zu sein.“
Gerade für besonders kompetente Personen funktioniert das Zusammenspiel aus Selbstüberschätzung und Verlustaversion so gut, dass die Kosten des übermäßigen Selbstvertrauens für sie gering sind. Zudem können solche Menschen am meisten davon profitieren, wenn andere sie als fähig wahrnehmen. Hohes Selbstvertrauen ist demnach üblicherweise keine Täuschung gegenüber sich selbst und anderen, sondern meist ein ehrliches Signal für tatsächliche Kompetenz – auch wenn diese nicht unbedingt ganz so hoch ist, wie nach innen und außen dargestellt.
Quelle: Chris Dawson (University of Bath, UK) und David de Meza (London School of Economics and Political Science, UK), Psychological Review, doi: 10.1037/rev0000644





