Wer als Kind in Armut aufwächst, hat geringere Bildungschancen, ein höheres Risiko für zahlreiche chronische Krankheiten und eine verringerte Lebenserwartung. Sogar im Erbgut hinterlässt die Armut ihre Spuren: Studien zufolge haben Kinder und Jugendliche aus sozialschwachen Familien zahlreiche epigenetische Analgerungen an ihre DNA, die ihre biologische Alterung beschleunigen. „Die festgestellten Korrelationen allein erlauben jedoch keine Aussage darüber, ob sich dieser Prozess durch gezielte Maßnahmen verlangsamen lässt“, erklärt Laurel Raffington vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
Bedingungslose Geldgeschenke
Um herauszufinden, inwieweit mehr Geld einen direkten Einfluss auf die Epigenetik von Kindern hat, analysierten Raffington und ihr Team Daten aus der US-Studie „Baby’s First Years“, die seit 2019 Zusammenhänge zwischen Armut und Kindergesundheit untersucht. Im Rahmen der Studie erhielten 400 zufällig ausgewählte einkommensschwache Mütter ab der Geburt ihres Kindes bis kurz nach seinem sechsten Geburtstag monatlich ein bedingungsloses Geldgeschenk in Höhe von 333 Dollar (rund 287 Euro). Die Kontrollgruppe erhielt dagegen monatlich nur 20 Dollar.
Die biologische Alterung der Kinder maßen die Forschenden mit dem sogenannten DunedinPACE-Wert. Dieser erfasst anhand von Speichelproben zahlreiche epigenetische Veränderungen und ermittelt daraus, wie stark eine Person pro Jahr altert. „Bei Erwachsenen sagt ein höherer DunedinPACE-Wert altersbedingte Erkrankungen und Mortalität voraus“, erklären Raffington und ihre Kollegen. Entsprechende Veränderungen bei Kindern könnten also ebenfalls auf eine schlechtere Gesundheit im späteren Leben hindeuten.
Unterschiede schon bei Vierjährigen
Aber lässt sich daran mit ein paar Hundert Dollar etwas ändern? Ja, sagt die Studie. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass höhere Geldgeschenke das epigenetische Tempo der biologischen Alterung bei den Kindern verlangsamten“, berichten Raffington und ihre Kollegen. Obwohl der geschenkte Betrag von 333 Dollar in den meisten Familien nicht ausreichte, um beispielsweise die eigene Wohnsituation zu verbessern, waren die Kinder aus der Geld-Gruppe im Alter von vier Jahren epigenetisch weniger stark gealtert als diejenigen aus der Kontrollgruppe.
Frühere Auswertungen aus dem Projekt hatten bereits ergeben, dass die Mütter, die monatlich 333 Dollar bekamen, durchschnittlich mehr Zeit mit ihren Kindern verbrachten und mehr Geld für sie ausgaben. Unmittelbare Auswirkungen auf die verhaltensbezogene oder kognitive Entwicklung der Kinder stellten die Forschenden aber nicht fest.
Kleiner Effekt, großer möglicher Nutzen
Doch auch ohne direkt feststellbare psychosoziale Einflüsse könnten die Erkenntnisse relevant für politische Entscheidungen sein. „Die Tatsache, dass wir bereits bei vierjährigen Kindern Unterschiede in ihrer biologischen Alterung feststellen, ist bemerkenswert“, sagt Co-Autorin Kathryn Paige Harden von der University of Texas in Austin. „Da beschleunigtes Altern kumulative biologische Kosten verursacht, könnten wirtschaftliche und gesundheitliche Vorteile besonders ausgeprägt sein, wenn die Zellalterung früh im Leben verlangsamt wird.“ Selbst moderate Verringerungen könnten überproportionale Vorteile für die öffentliche Gesundheit mit sich bringen.
Bei den Müttern der Kinder dagegen hatten die Geldzahlungen keinen Einfluss auf die epigenetische Alterung – ein Hinweis darauf, dass gerade die Kindheit eine kritische Phase ist, in der sich sowohl Armut als auch Gegenmaßnahmen besonders stark auswirken.
Unklar ist allerdings noch, wie lang der beobachtete epigenetische Effekt anhält und inwieweit er tatsächlich mit der Gesundheit der Kinder verbunden ist. „Sollten diese Unterschiede weiterhin bestehen, könnte diese Arbeit Impulse für frühkindliche Fördermaßnahmen liefern, die darauf abzielen, Ungleichheiten in Bezug auf Gesundheit, Krankheit und Lebenserwartung zu verringern“, sagt Co-Autorin Kimberly Noble von der Columbia University in New York.
Quelle: Laurel Raffington (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin) et al., Nature Human Behaviour, doi: 10.1038/s41562-026-02568-4





