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Wie Bildung und Gene zusammenwirken
Gesellschaft & Psychologie

Wie Bildung und Gene zusammenwirken

Zusätzliche Bildung kann die kognitiven Fähigkeiten bis ins Alter beeinflussen. In welchem Maße, hängt von der individuellen genetischen Ausstattung ab. · Foto: © Khanchit Khirisutchalual/ iStock

Sowohl unsere Bildung als auch unsere genetische Ausstattung beeinflussen, wie geistig fit wir bis ins Alter sind. Aber wie wirken diese Faktoren zusammen? Ein natürliches Experiment ermöglicht eine Antwort auf diese Frage: 1947 wurde in England die Schulzeit um ein Jahr verlängert. Die Effekte der zusätzlichen Bildung lassen sich noch bei den heute 70- bis 80-jährigen damaligen Schulkindern nachweisen. Doch nicht alle profitierten gleichermaßen, zeigt eine Studie.
Autor
Elena Bernard
31. Juli 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Gesellschaft & Psychologie

Im Jahr 1947 führte England eine Schulreform durch. Fortan mussten alle Jugendlichen die Schule mindestens bis zu einem Alter von 15 Jahren besuchen, ein Jahr länger als zuvor. Gingen zuvor nur etwa 40 Prozent der 15-Jährigen noch zur Schule, sprang die Quote durch die Reform auf nahezu 100 Prozent. Andere Charakteristiken der Schulkinder, etwa ihre sozioökonomische Zusammensetzung und ihre Lebensumstände, blieben dagegen weitgehend unverändert. Für Forschende bietet diese Reform ein willkommenes natürliches Experiment, um die Effekte zusätzlicher Bildung zu untersuchen.

Schulreform als natürliches Experiment

Ein Team um Johannes Hollenbach vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hat nun Daten von Menschen ausgewertet, die kurz vor und kurz nach der Bildungsreform in England zur Schule gingen. „Wir haben den Einfluss der zusätzlichen Bildung auf die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter untersucht, und zwar für Menschen mit unterschiedlicher genetischer Veranlagung“, berichten die Forschenden. Für ihre Analyse nutzten Hollenbach und seine Kollegen Daten aus einer großen englischen Langzeitstudie zum Altern. Im Rahmen dieser Studie stellten die Teilnehmenden unter anderem genetische Informationen zur Verfügung und absolvierten zudem einen Wort-Erinnerungstest, bei dem sie sich zehn Alltagswörter merken und nach fünf Minuten wiedergeben sollten.

Insgesamt bezog das Team Daten von mehr als 3000 Personen ein, die zwischen 1923 und 1943 geboren wurden und den Erinnerungstest zwischen 2002 und 2013 absolviert hatten, jeweils im Alter zwischen 70 und 80 Jahren. Für die Auswertung teilten die Forschenden die Testpersonen fünf gleich große Gruppen mit unterschiedlichen genetischen Veranlagungen für Bildung ein. Auch wenn die genetische Ausstattung keine festen Grenzen für den individuellen Lebensweg setzt, zeigen Assoziationsstudien, dass Personen mit einer ungünstigen genetischen Ausstattung eher zu Schwierigkeiten beim Lernen und einem kürzeren Schulbesuch neigen, während diejenigen mit vorteilhafteren „Bildungsgenen“ häufiger höhere Bildungsabschlüsse erreichen.

Bildung wirkt individuell unterschiedlich

Doch wie hat sich die Schulreform auf diese genetisch unterschiedlich veranlagten Gruppen ausgewirkt? „Bei denjenigen mit einer geringeren genetischen Neigung zum Schulbesuch hat die Reform zur deutlichsten Verlängerung der Schulzeit geführt[NP1.1]“, berichtet das Team. Personen mit höherer genetisch bedingter Bildungsneigung hatten die Schule bereits vor der Reform häufig freiwillig länger als vorgeschrieben besucht. Das zusätzliche Pflichtjahr beeinflusste also diejenigen am meisten, die die Schule so früh wie möglich verließen. „Für diese Personen zeigen sich jedoch keine positiven Auswirkungen der Schulbildung auf die kognitiven Fähigkeiten.“ Egal ob sie vor oder nach dem Stichtag der Schulreform geboren wurden: Bei ihrem Erinnerungsvermögen im Alter zeigte sich kaum ein Unterschied.

Ganz anders sieht es den Forschenden zufolge bei Menschen mit einer höheren genetischen Bildungsaffinität aus: „Der Bildungseffekt ist umso größer, je leichter es Menschen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung fällt zu lernen“, berichtet Hollenbachs Kollege Matthias Westphal. „Der kausale Effekt von Bildung wächst um etwa ein halbes Wort im Erinnerungsvermögen pro Stufe – in der höchsten Gruppe werden bis zu zwei Wörter mehr erinnert.“

Damit liefern die Ergebnisse neue Hinweise zum kognitiven Abbau im Alter. Demnach können sich Bildungsentscheidungen im Zusammenspiel mit individuellen genetischen Voraussetzungen noch Jahrzehnte später auf die geistige Fitness auswirken. Zudem etabliert die Studie ein neues statistisches Verfahren, das berücksichtigt, dass Umwelteffekte nicht auf alle gleichermaßen wirken. „Methodisch ist es uns gelungen, den Interaktionseffekt kausal zu isolieren – ohne das klassische Äpfel-Birnen-Problem zwischen unterschiedlichen Vergleichsgruppen“, sagt Westphal.

Quelle: Johannes Hollenbach (RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Essen) et al., The Economic Journal, doi: 10.1093/ej/ueag010

AlternBildungGenetikkognitive FähigkeitenSchule
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