Für Jugendliche sind TikTok, WhatsApp, Instagram und Co. wichtige Kommunikationskanäle und Teil ihres Alltags. Doch schon länger mehren sich die Hinweise darauf, dass sich vor allem Social Media negativ auswirken können: Sie begünstigen Mobbing, verbreiten Hass und Fake News und können Stress, Sucht und psychische Störungen fördern. Unter anderem deshalb haben einige Länder inzwischen eine Altersbeschränkung auf 15 oder 16 Jahre für den Zugang zu sozialen Medien eingeführt oder geplant, darunter Australien, Spanien, Frankreich, Großbritannien und Norwegen.
In Deutschland ist eine solche pauschale Altersbeschränkung stark umstritten. Während einige für die Einführung einer Altersbeschränkung plädieren, sprach sich der Deutsche Ethikrat im Juni 2026 gegen ein pauschales Social-Media-Verbot aus. Stattdessen empfahl er eine stärkere Regulierung der Plattform-Algorithmen und mehr Aufklärung und Unterstützung für Eltern. Aber reicht das?
Langzeitvergleich über vier Schuljahre hinweg
Jetzt liefert eine Studie aus Italien neue Fakten dazu, welche negativen Folgen eine frühe Social-Media-Nutzung haben kann. Das Team um Marco Gui von der Universität Mailand-Bicocca hatte dafür den schulischen Werdegang von 5.227 Schülerinnen und Schülern in Norditalien über mehrere Schuljahre hinweg verfolgt. Alle hatten in der zweiten, fünften, achten und zehnten Klasse an standardisierten nationalen Leistungstests in Italienisch, Mathematik und Englisch teilgenommen.
Für ihre Analyse sammelten die Forschenden zunächst durch Befragungen der Jugendlichen und ihrer Eltern Daten zum familiären und sozioökonomischen Hintergrund. Sie befragten sie zudem danach, seit wann die Schulkinder ein Smartphone besitzen, in welchem Alter sie sich erstmals bei Social Media angemeldet haben und wie oft und wie lange sie welche Apps nutzen. Dann verglichen Gui und sein Team, ob Jugendliche mit frühem Social-Media-Beginn in den Leistungstests anders abschnitten als solche mit späterem.
Social-Media-Frühstarter hängen ein halbes Schuljahr hinterher
Tatsächlich zeigte sich eine deutliche Korrelation: Schulkinder, die schon in der sechsten Klasse Zugang zu sozialen Medien bekamen, schnitten in späteren Leistungstests signifikant schlechter ab als Altersgenossen mit einem Social-Media-Start erst in der neunten Klasse . Konkret lagen die „Frühstarter“ beim Leistungstest der achten Klasse in Italienisch um 0,18 Standardabweichungen hinten, in Mathematik um 0,22. Dieser Abstand vergrößerte sich bis zur zehnten Klasse auf 0,22 in Italienisch und 0,27 in Mathematik.
„Dieser Leistungsunterschied ist bemerkenswert. In der Fachliteratur gilt ein Abstand von 0,2 Standardabweichungen im Bildungsbereich als groß. Einige Bildungseinrichtungen setzen den Wert von 0,4 Standardabweichungen mit einem Schuljahr gleich“, erklären Gui und seine Kollegen. Das bedeutet: Wenn Jugendliche schon ab elf oder zwölf Jahren soziale Medien nutzen, mindert dies ihren Lernerfolg im Schnitt um rund ein halbes Schuljahr. Hinzu kommt: Auch das Sitzenbleiben kam bei den Frühstartern deutlich häufiger vor als bei Jugendlichen, die erst mit 14 Jahren begannen, Social Media zu nutzen.
Interessant auch: In Englisch zeigte sich ein solcher Rückstand der „Frühstarter“ nicht. Den Grund dafür sehen die Forschenden darin, dass viele Inhalte bei TikTok, Instagram und Co. auf Englisch sind. Dies fördert daher das Sprachverständnis der Nutzenden und könnte Lerndefizite ausgleichen.
Je früher, desto deutlicher
„Insgesamt liefert unsere Studie robuste empirische Belege für die Auswirkungen einer frühen Social-Media-Nutzung auf den schulischen Erfolg von Kindern“, konstatieren Gui und sein Team. „Dies bestätigt und erweitert frühere Studien, nach denen solche digitalen Ablenkungen das Lernen und den Schulerfolg von Kindern stören.“ Ihren Daten nach ist dieser negative Effekt umso deutlicher, je früher Kinder mit sozialen Medien beginnen.
Allerdings räumen die Forschenden ein, dass ihre Daten zwar eine deutliche Korrelation belegen, nicht aber den kausalen Zusammenhang. Das ist schon aufgrund der vielen und komplexen Einflussfaktoren kaum möglich. Gui und sein Team haben aber versucht, so viele weitere Einflussfaktoren wie möglich zu berücksichtigen, darunter den Bildungsstand und das Einkommen der Eltern oder das Abschneiden der Kinder in früheren Leistungstests.
„Altersbeschränkung vorteilhaft“
Dennoch sehen Gui und sein Team in ihren Ergebnissen starke Argumente dafür, den Social-Media-Zugang von Kindern und Jugendlichen stärker zu reglementieren. „Unsere Resultate haben große Relevanz für Eltern, Lehrkräfte und politische Entscheider“, schreiben sie. Sie stützen die Notwendigkeit von strengeren Richtlinien und mehr digitaler Aufklärung an Schulen, zeigen aber auch, dass die Plattformen und ihre Algorithmen strenger reguliert werden müssen.
„Kurzfristig könnte es aber vorteilhaft sein, den Zugang zu sozialen Medien für Kinder zu beschränken – bis diese geistig reif genug sind, um mit den potenziellen Ablenkungen umzugehen“, so Gui und seine Kollegen. Ihren Ergebnissen zufolge wäre ein Social-Media-Zugang frühestens ab 14 oder 15 Jahren empfehlenswert.
Was sagen andere Experten?
Ähnlich sehen es auch nicht an der Studie beteiligte Wissenschaftler: „Die vorliegende Studie gehört methodisch zu den interessantesten, die bislang in diesem Kontext veröffentlicht wurden“, kommentiert Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. „Zweifelsfrei sind aus meiner Sicht aus den Ergebnissen direkte Handlungsbedarfe abzuleiten. Die Ergebnisse der aktuellen Studie liefern wichtige Daten für die Befürworter einer Regulierung.“
Die Psychologin Yvonne Anders vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt sieht in der Studie ebenfalls einen wichtigen Beitrag: „Die Studie weist auf die Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen bei einer frühen uneingeschränkten Nutzung sozialer Medien hin“, erklärt sie. Allerdings lasse sich ein verantwortungsbewusster und ressourcenorientierter Umgang mit sozialen Medien nicht allein mit Altersgrenzen herbeiführen. „Wichtig ist der Dreiklang aus Schutz, Befähigung und Teilhabe“, so Anders.
Quelle: Marco Gui (University of Milano-Bicocca, Mailand) et al., Nature Human Behaviour, 2026; doi: 10.1038/s41562-026-02522-4; Science Media Center





