So nützlich und weltverbindend das Internet und im Speziellen die sozialen Medien sind – gerade in jüngster Zeit geraten Facebook, Twitter und Co auch immer wieder in die Kritik. Denn über diese Plattformen finden sich nicht nur Freunde und Gleichgesinnte zum netten Austausch: Immer häufiger entstehen auch virtuelle Gemeinschaften mit extremistischen Ansichten und Ideologien – Zentren des Hasses. “Einige Menschen finden es attraktiv, einer solchen Hass-Gruppe oder Gemeinschaft beizutreten, weil ihre soziale Struktur das Risiko verringert, von außen kontrolliert oder mit gegnerischen Ansichten konfrontiert zu werden”, erklären Neil Johnson von der George Washington University in Washington DC und seine Kollegen. Zwar versuchen einzelne Plattformen wie Facebook, Hass-Posts und Hass-Kommentare einzudämmen und beispielsweise rassistische und antisemitische Gruppen auszuschließen. Doch diese Maßnahmen erweisen sich bisher eher als ineffektiv gegen die Flut solcher extremistischen Ideologien.
Hass online
“Hass zerstört Leben – nicht nur konkret, wie wir es in El Paso, Orlando und Christchurch gesehen haben-, sondern auch psychologisch durch Online-Mobbing und Hass-Rhetorik”, sagt Johnson. “Wir wollten daher wissen, warum dieser Hass so widerstandsfähig ist und wie man ihn besser bekämpfen könnte.” Für ihre Studie analysierten die Forscher exemplarisch rassistische und rechtsextreme Gruppen und virtuelle Gemeinschaften auf Facebook und dem mehrsprachigen, in Russland und Teilen Mitteleuropas verbreiteten Netzwerk VKontakte. In diesen Plattformen begannen die Forscher zunächst mit einem Hass-Cluster und folgten dann von dort aus den Verknüpfungen zu weiteren Clustern. “Statt ‘Love is in the Air’ fanden wir ‘Hass im Äther'”, sagt Johnson.
Insgesamt stießen die Forscher so auf mehr als 760 solcher Meinungsknoten mit zusammen mehr als einer Million Teilnehmern, die über die ganze Welt verteilt waren. “Wir haben dabei Cluster jeder Größe gefunden”, berichten die Wissenschaftler. So hat beispielsweise der größte Klu-Klux-Clan-Cluster 10.000 Follower, der kleinste aber weniger als zehn. Ihrer Ansicht nach spricht dies dafür, dass die Online-Hass-Ökologie selbstorganisiert ist – eine solche Verteilung sei nahezu unmöglich durch zentrale Kontrolle zu erzeugen. Die Analysen ergaben zudem, dass dieses Netzwerk von Hass-Clustern über Sprachgrenzen, Länder und kulturelle Hintergründe hinweg reicht.
Hass-“Autobahnen” über Kontinente hinweg
“Europa zeigt dabei eine besonders komplexe Hass-Ökologie, deren miteinander verwobene Inhalte über Sprachgrenzen und konkrete Anliegen hinaus reichen”, so die Forscher. So finden sich beispielsweise in Neonazi-Clustern auch Inhalte zu Football, Brexit oder Musik. Diese Vielfalt mache es diesen Gruppierungen leicht, neue Rekruten von anderen Plattformen, Sprachen oder Ländern zu gewinnen, vor allem wenn diese Nutzer noch keinen klaren Fokus für ihren Hass haben. “Diese Hass-Ökologie wirkt wie eine globale Fliegenfalle”, beschreiben Johnson und seine Kollegen das Phänomen. Erleichtert wird dies dadurch, dass die miteinander verknüpften Hass-Cluster wiederum über “Hass-Autobahnen” verbunden sind, die über Kontinente hinweg reichen. “Über diese Autobahnen werden Hass-Inhalte mit nur einem Klick übertragen”, berichten Johnson und seine Kollegen.





