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Social-Media-Verbot für Jugendliche? Was der Ethikrat empfiehlt
Gesellschaft & Psychologie

Social-Media-Verbot für Jugendliche? Was der Ethikrat empfiehlt

Soziale Medien erfreuen sich bei Kindern und Jugendlichen großer Beliebtheit, bergen aber auch Gefahren. Nun hat der Deutsche Ethikrat Empfehlungen für den Schutz junger Menschen im Netz veröffentlicht. Ein pauschales Social-Media-Verbot für Jugendliche lehnen die Fachleute ab. Stattdessen präsentieren sie ein…
Autor
Redaktion
12. Juni 2026
Lesezeit
5 Minuten
Rubrik
Gesellschaft & Psychologie

TikTok, Instagram und Co gehören für junge Menschen heute selbstverständlich zu ihrem Alltag. Doch nicht alle Inhalte sind für Kinder und Jugendliche geeignet und Studien deuten darauf hin, dass eine exzessive Nutzung sozialer Medien mit schwerwiegenden psychischen Problemen bis hin zum Selbstmord in Verbindung stehen kann. In vielen Ländern weltweit werden deshalb derzeit mögliche Altersbeschränkungen für den Zugang zu Social-Media-Plattformen diskutiert. Australien hat Ende 2025 als erstes Land der Welt ein generelles Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. In Deutschland hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner den Deutschen Ethikrat gebeten, sich mit dem Thema zu befassen. Nun hat das Sachverständigengremium seine Empfehlungen veröffentlicht.

Welche Risiken bergen digitale Medien für Kinder und Jugendliche?

Depressionen, Ängste, Essstörungen, Schlafprobleme, Stress und suizidale Gedanken: Immer mehr Studien legen nahe, dass soziale Medien die Gesundheit junger Menschen ernsthaft gefährden können. So werden Kinder und Jugendliche beispielsweise mit Texten, Bildern und Videos konfrontiert, die Verhaltensweisen wie Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten normalisieren. Auch Gewaltdarstellungen und Pornografie sind unzureichend reguliert. Hinzu kommt die Gefahr von Mobbing in der digitalen Welt.

Besonders problematisch ist aus Sicht von Fachleuten das Suchtpotenzial vieler Anwendungen. „Social-Media-Plattformen agieren nach dem Profitgenerierungsmodell. Sie wollen die Nutzer so lange wie möglich am Ball halten, damit diese die Plattform immer weiter nutzen“, erklärt Julia Brailovskaia vom Deutschen Zentrum für psychische Gesundheit. „Unterschiedliche Aspekte sollen zum Auf-der-Plattform-Bleiben führen: das Scrollen, die Likes, die Push-Nachrichten. Auch visuelle und auditive Reize können anziehend sein. Und natürlich der soziale Faktor.“

Warum spricht sich der Ethikrat gegen ein gesetzliches Mindestalter für Social Media aus?

Trotz dieser Risiken lehnt der Deutsche Ethikrat ein gesetzlich vorgeschriebenes Mindestalter für die Social-Media-Nutzung ab. „Kinder und Jugendliche wachsen heute mit vielen digitalen Angeboten auf, die eine wichtige Rolle bei der Erfüllung ihrer Kommunikations- und Informationsbedürfnisse spielen“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Helmut Frister. „Die Aufgabe ist, den hier notwendigen Schutz junger Menschen mit ihren digitalen Teilhabe- und Befähigungsinteressen in Ausgleich zu bringen. Die Einführung eines gesetzlichen Mindestalters für soziale Medien ist dafür aus Sicht des Deutschen Ethikrates nicht geeignet.“

Eine generelle Altersbeschränkung würde aus Sicht der Fachleute das Recht auf Teilhabe der Kinder und Jugendlichen unverhältnismäßig einschränken und es ihnen zudem erschweren, Medienkompetenz aufzubauen. Zudem würden entsprechende Verbote dem Ethikrat zufolge einen Eingriff in die Erziehungsfreiheit der Eltern bedeuten und nicht berücksichtigen, dass sich Kinder in ihrem Reifegrad deutlich unterscheiden können.

Überdies zeigen erste Erfahrungen aus Australien, dass viele Jugendliche das Verbot ohnehin umgehen. Die heimliche Nutzung sozialer Medien könne den Fachleuten zufolge sogar noch größere Risiken bergen. Hinzu kämen weitere problematische Anwendungen abseits sozialer Medien, die bislang noch kaum reguliert sind: „Generative KI, wie Chatbots und Bildgeneratoren, wird zunehmend von Kindern und Jugendlichen genutzt – mit nicht minder gewichtigen Risiken“, sagt Judith Simon, Sprecherin für die Stellungnahme des Ethikrats.

Was empfiehlt der Ethikrat stattdessen?

Statt für Altersgrenzen plädiert der Ethikrat für ein differenziertes Schutzkonzept. „Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen sollten vorrangig darauf abzielen, Risiken in digitalen Umgebungen zu verringern und kontrollierbar zu halten, statt die Nutzung umfassend zu unterbinden“, heißt es in der Stellungnahme. Dabei müsse die Politik die Plattformbetreiber stärker als bisher in die Pflicht nehmen. Beispielsweise schlagen die Fachleute vor, Elemente wie endlose Feeds, die suchtähnliches Verhalten fördern, generell zu verbieten. Wichtig seien zudem bessere Möglichkeiten, um ungewollte Kontakte zu potenziell böswilligen Akteuren zu verhindern und um problematische Inhalte zu filtern, zu blockieren und zu melden.

„Für ein solches Schutzkonzept bietet die seit Februar 2024 geltende Regulierung der Onlineplattformen im Digital Services Act der Europäischen Union bereits eine gute Grundlage“, sagt Helmut Frister. „Die Vorgaben, um Gefahren für Kinder und Jugendliche im Netz zu reduzieren, müssen aber noch wesentlich effektiver umgesetzt und Anbieter stärker in die Pflicht genommen werden.“ Anwendungen, die als besonders risikoreich eingestuft werden, könnten auch in dem nun vorgeschlagenen Konzept mit Altersgrenzen versehen werden. Diese könnten auch auf bestimmte KI-Anwendungen ausgeweitet werden.

Welche Rolle sollen die Eltern spielen?

Neben Plattformbetreibern und Politik möchte der Ethikrat auch Eltern verstärkt in die Pflicht nehmen und damit ihre Erziehungsfreiheit stärken. So sollen die Erziehungsberechtigten laut den Vorschlägen des Gremiums die Möglichkeit haben, auf den Geräten ihrer Kinder bestimmte Funktionen freizuschalten, selbst wenn diese eigentlich erst für höhere Altersstufen empfohlen sind. Eine Grundvoraussetzung dafür seien zuverlässige technische Lösungen.

„Außerdem brauchen Eltern seriöse und unabhängige Informationen über Gefahren im Netz, klare Altersempfehlungen für digitale Angebote von Institutionen der Freiwilligen Selbstkontrolle sowie die Möglichkeit, sich von Digitalpaten beraten und helfen zu lassen“, sagt Simon. Auch die Kinder und Jugendlichen selbst sollten in die Entscheidungen mit einbezogen werden, so der Ethikrat.

Was empfiehlt der Ethikrat außerdem?

Als weitere Maßnahmen plädieren die Sachverständigen für weitere Forschung zu den Auswirkungen digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche sowie für die Entwicklung neuer Plattformen nach europäischen Standards, die eine Alternative zu den Angeboten großer Social-Media-Konzerne bieten können.

Bei der Förderung der Medienkompetenz der Heranwachsenden sollen Schulen eine bedeutende Rolle spielen. Sowohl in der Schule als auch im außerschulischen Alltag sollten zudem analoge Aktivitäten und soziale Interaktionen gestärkt werden – beispielsweise durch attraktive Jugendbegegnungsräume sowie naturpädagogische, kulturelle und sportliche Freizeitangebote auf lokaler Ebene. „Bereits ein bisschen weniger Social-Media-Nutzung verbessert die psychische Gesundheit“, sagt Brailovskaia.

Quelle: Deutscher Ethikrat, Science Media Center Germany

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