Stress ist auf Dauer körperlich und geistig ungesund, das haben mittlerweile viele Studien gezeigt. Wer ständig unter Spannung steht, hat demnach ein erhöhtes Risiko, verschiedene psychische Probleme wie Angstzustände, Burnout oder Depressionen zu entwickeln. Außerdem ist eine andauernde Stressbelastung mit zahlreichen körperlichen Erkrankungen verbunden. Deshalb gilt die Devise, die Belastung möglichst in Grenzen zu halten. Dabei ist bereits bekannt, dass ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen das Stressniveau von Menschen deutlich senken kann. So kann sich etwa am Arbeitsplatz ein gesundes Wir-Gefühl günstig auf die psychische Gesundheit und damit Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern auswirken, haben Untersuchungen gezeigt. Das Wir-Gefühl gilt sogar als ein „soziales Heilmittel“. Doch dabei haben Psychologen bereits betont, dass das Wir-Gefühl auch einen gegenteiligen Effekt mit sich bringen kann. Denn auch eine Verstärkung der Übertragung von negativen Emotionen zwischen Menschen ist dadurch möglich.
Stressiges Wir-Gefühl?
Die Forscher um Jan Häusser von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) haben sich nun mit dem Zusammenhang von Wir-Gefühl und der Übertragung von Stressbelastungen beschäftigt. Dass Stress grundsätzlich ansteckend sein kann, ist bereits belegt. Doch dies wurde bisher vor allem bei engen zwischenmenschlichen Beziehungen wie Partnerschaften oder Mutter-Kind-Beziehungen aufgezeigt. Die Psychologen sind nun der Frage nachgegangen, inwieweit wir uns schneller vom Stress anderer Personen anstecken lassen, wenn uns nur Grundmuster eines Gefühls von Zusammengehörigkeit oder Gemeinsamkeit verbinden.
Im Rahmen der experimentellen Studie wurden Probanden in Kleingruppen von jeweils vier oder fünf Personen aufgeteilt. Bei einigen dieser Gruppen stellten die Forscher durch einen psychologischen Trick gezielt ein Wir-Gefühl her: Die Teilnehmer saßen gemeinsam an einem Tisch, wurden als Gruppe angesprochen und die Beteiligten sollten überlegen, was sie als Gruppe verbindet beziehungsweise was sie mit den anderen Mitgliedern gemeinsam haben. In den Vergleichsgruppen regten die Forscher hingegen die Bildung eines Ich-Gefühls bei den Mitgliedern an: Sie saßen im Raum jeweils allein an einem Einzeltisch, wurden separat voneinander angesprochen und sollten überlegen, was sie als Individuen auszeichnet und was sie von den anderen Studienteilnehmern im Raum unterscheidet.
Verstärktes Mit-Stressen
Anschließend wurde in jeder Kleingruppe eine Versuchsperson ausgelost, die allein stressige Herausforderungen bewältigen sollte: Die Betroffenen mussten in einem simulierten Bewerbungsgespräch mit zwei strengen Befragern überzeugend darlegen, warum sie für eine fiktive Stelle besonders gut geeignet seien. Im zweiten Teil der Aufgabe sollten sie dann anspruchsvolle Kopfrechenaufgaben lösen. Bei diesen Stresssituationen wurden sie von den anderen Versuchsteilnehmern beobachtet. Um Einblicke in das Stressniveau aller Probanden im Verlauf der Studie zu erhalten, wurden mehrfach Speichelproben von ihnen genommen, um diese im Labor auf das Niveau des Stresshormons Cortisol zu untersuchen.





