Die Sprache bildet ein zentrales Erfolgskonzept unserer Spezies – durch unsere hochentwickelten Kommunikationsfähigkeiten können wir unseren Mitmenschen komplexe Informationen vermitteln. Dabei muss man allerdings feststellen: Sprache ist nicht unbedingt mit Sprechen gleichzusetzen. Über 70 Millionen Menschen auf der ganzen Welt verwenden komplexe Bewegungsabläufe von Händen, Gesicht und Körper als vollwertiges Kommunikationssystem. Die mehr als 200 verschiedenen Gebärdensprachen vermitteln dabei ebenfalls Informationen auf mehreren sprachlichen Ebenen wie Grammatik und Bedeutung. Aus Sicht der Hirnforschung stellt sich dabei die Frage, wie unser Denkorgan mit diesem Kommunikationssystem umgeht.
Spezielle Hirnaktivität nötig?
Verschiedene Untersuchungen haben zwar bereits einige Aspekte zu dieser Frage aufgedeckt. Doch bisher ergab sich aus dem Forschungsfeld kein einheitliches Bild, berichten die Forscher um Emiliano Zaccarella vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig (MPI CBS). Deshalb haben sie nun aus allen relevanten Studien gezielt herausgearbeitet, welche Hirnregionen bei Gebärdensprache relevant sind und wie groß dabei die Überschneidung mit der Lautsprachverarbeitung bei den Hörenden ist. „Diese Metastudie hat es uns ermöglicht, ein Gesamtbild der neuronalen Grundlagen von Gebärdensprache zu bekommen. Wir konnten also erstmals statistisch robust die Hirnregionen identifizieren, die über alle Studien hinweg an der Verarbeitung von Gebärdensprache beteiligt waren“, erklärt Zaccarella.
Die Wissenschaftler stellten fest: In fast jeder der ausgewerteten Studien berichteten Forscher über eine Funktion des sogenannten Broca-Areals im Stirnhirn der linken Hirnhälfte bei der Verarbeitung von Gebärdensprache. Von dieser Hirnregion ist bereits bekannt, dass sie auch eine zentrale Rolle in der Lautsprache sowie beim Erfassen von Schrift spielt und dabei etwa bei der Verarbeitung von Grammatik und Bedeutung zum Einsatz kommt. Um die Resultate aus der Metastudie weiter zu untermauern und umfassender einzuordnen, glichen die Wissenschaftler ihre Ergebnisse anschließend mit einer Datenbank ab, die Informationen aus mehreren tausend Studien mit Hirnscans enthält.
Ein Knotenpunkt im Sprachnetzwerk
So konnten sie nun erstmals eindeutig aufzeigen: Es gibt eine Überschneidung zwischen Laut- und Gebärdensprache im Broca-Areal. Wie sie weiter berichten, zeichnete sich zudem ab, welche Bedeutung das Pendant zum Broca-Areal im rechten Stirnhirn hat, das ebenfalls in vielen der ausgewerteten Studien zur Gebärdensprache eine Rolle spielt. Wie die Forscher erklären, erfasst dieser Hirnbereich beim Menschen üblicherweise räumliche Bewegungsabläufe. Das bedeutet, dass Gehörlose und Hörende die Bewegungen von Händen, Gesicht und Körper prinzipiell ähnlich wahrnehmen. Bei Gehörlosen aktivieren sie jedoch zusätzlich das Sprachnetzwerk in der linken Hirnhälfte, inklusive des Broca-Areals. Sie nehmen die Gesten demnach als Gebärden mit sprachlichem Inhalt wahr – statt als pure Bewegungsabläufe, wie es bei Hörenden der Fall wäre, legen die Ergebnisse nahe.





