Der Mensch ist ein soziales Wesen – übermäßiges Alleinsein tut uns nicht gut. Bei der Einsamkeit handelt es sich um ein großes gesellschaftliches Problem, das sich durch die soziale Distanzierung im Rahmen der Corona-Pandemie nun auch noch deutlich verstärkt hat. Studien haben bereits gezeigt, dass durch Einsamkeit ausgelöster Stress sowie psychische Effekte die körperliche und geistige Gesundheit von Menschen bedrohen. Vor allem Ältere sind vom Alleinsein und seinen Folgen betroffen: Studien haben gezeigt, dass Gefühle der Einsamkeit mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer verbunden sind. Zu verstehen, was Einsamkeit im Gehirn auslöst, könnte somit auch Möglichkeiten zur Vorbeugung oder Behandlung von neurologischen Erkrankungen aufzeigen.
Der neuronalen Signatur der Einsamkeit auf der Spur
Diesem Forschungsthema haben sich nun die Wissenschaftler um Nathan Spreng von der McGill University in Montreal gewidmet. Sie werteten dazu eine Datenbank aus, die Informationen über Merkmale des Gehirns sowie psychologische Selbsteinschätzungen von 40.000 Erwachsenen mittleren und höheren Alter umfasst. Wie die Forscher berichten, hatten 13,1 Prozent der Teilnehmer die Frage „Fühlen Sie sich oft einsam?“ mit Ja beantwortet. Deren Ergebnisse von Hirnscans konnten sie somit mit den neuronalen Merkmalen derjenigen Personen vergleichen, die sich nicht als einsam bezeichnet hatten. Um charakteristische Unterschiede aufzudecken, setzten die Forscher auch künstliche Intelligenz ein: Ein lernfähiges Computersystem suchte automatisch nach Besonderheiten im Gehirn der einsamen Menschen.
Wie aus den Auswertungen hervorgeht, scheint sich die Einsamkeit in neuronalen Merkmalen widerzuspiegeln, die mit dem sogenannten Ruhezustandsnetzwerk (default network) zu tun haben. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Hirnregionen, die an Gedankenprozessen wie Erinnerungen, Zukunftsplanung, Vorstellungskraft und Gedanken über andere beteiligt sind. Die Forscher fanden heraus, dass die Teile des Ruhezustandsnetzwerks von einsamen Menschen eine besonders intensive Verdrahtung aufweisen. Außerdem war das Volumen der grauen Substanz in den beteiligten Hirnregionen im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöht. Die Einsamkeit korrelierte zudem mit strukturellen Besonderheiten der sogenannten Fornix – einem Bündel von Nervenfasern, das Signale vom Hippocampus zum Ruhezustandsnetzwerk leitet. Bei einsamen Menschen war diese Struktur stärker ausgebildet, geht aus den Auswertungen hervor.
Grüblerischer Trainingseffekt?
Wie die Wissenschaftler erklären, erscheinen die Ergebnisse vor dem Hintergrund der psychologischen Effekte von Einsamkeit plausibel: Dass die Struktur und Funktion des Ruhezustandsnetzwerks vergleichsweise stark ausgebildet ist, könnte demnach daran liegen, dass einsame Menschen besonders intensiv ihre Vorstellungskraft nutzen, um in Erinnerungen an die Vergangenheit zu schwelgen oder hoffnungsvolle Gedanken an die Zukunft zu entwickeln.





