Wenn wir schlafen, tauchen wir in eine fremde Welt ein. In diesem Traumland können wir die bizarrsten Dinge erleben, aber auch erstaunlich realitätsnahe Situationen durchlaufen. Oft sind diese Erlebnisse beim Aufwachen bereits verblasst und entziehen sich alsbald unserer Erinnerung. Doch manchmal beschäftigen sie uns noch tagelang. Forscher fasziniert dieses Phänomen seit jeher: Wie kommen Träume zustande? Und welche biologische Funktion erfüllen sie? Eine Theorie geht davon aus, dass uns Träume bei der Bewältigung des Wacherlebens helfen. Demnach verarbeiten wir dabei Probleme aus dem Alltag und setzen uns mit unseren Emotionen auseinander.
Angst im Schlaf
Virginie Sterpenich von der Universität Genf und ihre Kollegen haben sich der Funktion eines besonders starken Gefühls gewidmet: der Angst. Sie wollten wissen: Was passiert, wenn wir im Traum Angsterfahrungen machen und wie wirkt sich dies auf unseren Umgang mit dieser Emotion im wachen Zustand aus? Um das herauszufinden, blickten die Wissenschaftler 18 Probanden mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) beim Schlafen ins Gehirn. Dabei weckten sie die Testpersonen immer wieder auf und befragten sie zu ihrem Traumerleben. In Kombination mit der gemessenen Hirnaktivität lieferten die Antworten der Teilnehmer Hinweise darauf, welche Bereiche des Denkorgans bei schlechten Träumen aktiv sind. “Wir identifizierten zwei Hirnregionen, die für im Traum erlebte Angst eine Rolle spielen: die Insula und der cinguläre Cortex”, berichtet Sterpenichs Kollege Lampros Perogamvros.
Das Spannende daran: Beide Gehirnbereiche werden auch in Angstsituationen des realen Alltags aktiviert. So sind die Neuronen in der Insula für die Bewertung von Emotionen zuständig und feuern automatisch, sobald jemand Angst verspürt. Der cinguläre Cortex wiederum bereitet uns auf die adäquate Reaktion in solchen Situationen vor. Er steuert mit, wie wir uns im Angesicht von Gefahr und Bedrohung verhalten. “Zum ersten Mal zeigen wir damit, dass beim Erleben von Angst im Schlaf und im wachen Zustand ähnliche Regionen aktiviert werden”, sagt Perogamvros. Doch welcher Zusammenhang besteht zwischen der Angst in diesen beiden doch so unterschiedlichen Welten?
Training für den Wachzustand
Auf der Suche nach einer Antwort forderten die Forscher in einem zweiten Experiment 89 Probanden dazu auf, eine Woche lang ein Traumtagebuch zu führen. Jeden Morgen notierten die Teilnehmer darin direkt nach dem Aufwachen, ob sie sich an einen nächtlichen Traum erinnern konnten und wenn ja, von welchen Emotionen dieser geprägt gewesen war. Am Ende der Testwoche untersuchten die Wissenschaftler die Probanden dann mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT). Dabei zeigten sie ihnen sowohl neutrale als auch angstauslösende Bilder – etwa von einem Überfall. Das frappierende Ergebnis: Wer in seinen Träumen häufiger und länger Angst erlebt hatte, reagierte auf diese negativen Bilder deutlich weniger stark.





