Sprachen sind in der Regel keine Neuschöpfungen – wir erlernen sie von unseren Mitmenschen und sie haben meist Jahrtausende alte Wurzeln. Dadurch lässt sich schwer erkennen, was die ursprünglichen Grundlagen dieser Entwicklung waren. Doch es gibt interessante Ausnahmen: Frühere Studien haben dokumentiert, dass Gruppen aus gehörlosen Menschen innerhalb von kurzer Zeit eine eigene Gebärdensprache entwickeln können. Das wohl berühmteste Beispiel ist dabei die nicaraguanische Gebärdensprache, die in den 1980er Jahren neu entstanden ist. Interessanterweise zeichnete sich bei dieser Neuentwicklung ab: Besonders Kinder schienen sie voranzutreiben. Die Details des Ablaufs bei dieser Sprachentstehung blieben aber unklar. „Wir wissen relativ wenig darüber, wie aus sozialer Interaktion Sprache wird. An diesem Punkt setzt unsere neue Studie an“, sagt Manuel Bohn von der Universität Leipzig.
Im Rahmen ihrer Studie haben er und seine Kollegen versucht, den Entwicklungsprozess einer neuen Gehörlosensprache nachzustellen. Der Fokus richtete sich dabei auf Kinder. Die Herausforderung war es, Paare von 198 Kindern im Alter von drei bis acht Jahren zu einer Kommunikation anzuregen, ohne dass sie miteinander sprechen konnten. Die Lösung war eine Art Spiel: Die jungen Probanden befanden sich in zwei unterschiedlichen Räumen, die durch eine Skype-Verbindung verknüpft waren. Auf einem Monitor konnten sich die Kinder dadurch sehen und zunächst auch hören. Später schalteten die Forscher den Ton dann ab, um zu beobachten, wie die Kinder neue Wege finden, miteinander rein visuell zu kommunizieren.
Ein Code entsteht
Die Aufgabe der Probanden war es dabei, dem Partner den Inhalt eines Bildes zu vermitteln. Mal besaß der eine, mal der andere die Erklärer-Rolle. Bei konkreten Dingen wie einem Hammer oder einer Gabel fanden die Kinder schnell eine Lösung, indem sie die dazugehörige Handlung – wie etwa essen – durch Gesten nachahmten. Es zeichnete sich dabei ab, dass die Kinder die zuvor beim Partner gesehenen Gesten übernahmen – es stellte sich eine Art Konvention über die Bedeutung bestimmter Gebärden ein.
Im Laufe der Studie stellten die Forscher die Kinder jedoch immer wieder vor neue Herausforderungen. Zum Beispiel führten sie als abstraktes Element ein weißes Blatt Papier als Bild ein. Das dargestellte „Nichts“ lässt sich natürlich schwer darstellen. Doch auch für dieses Problem fanden einige Probanden offenbar Lösungen: „Eine Erklärerin versuchte beispielsweise zunächst allerhand verschiedene Gesten, aber ihre Partnerin gab ihr zu verstehen, dass sie nicht verstand, was gemeint war. Plötzlich zog sie dann ihr T-Shirt zur Seite und zeigte auf einen weißen Punkt auf ihrem farbigen T-Shirt. Da hatten die beiden einen echten Durchbruch: Natürlich! Weiß! Wie das weiße Papier!“, berichtet Co-Autor Gregor Kachel. Als die Rollen getauscht wurden, hatte die vorherige Empfängerin zwar keinen weißen Fleck auf dem T-Shirt, dennoch wählte sie aber die gleiche Herangehensweise, sagt der Forscher: Sie zog ihr T-Shirt zur Seite und zeigte darauf. Sofort wusste ihre Partnerin wieder, was gemeint war. Die beiden hatten somit in kurzer Zeit ein losgelöstes Zeichen für die Darstellung eines abstrakten Sachverhalts etabliert.





