von CHRISTIAN JUNG
Im Dürrejahr 2018 wurde es auch hierzulande zum ersten Mal ernst. Das Ergebnis der Ernte zeigte mit einem Minus von 14,2 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Vorjahre deutlich die negative Tendenz an. Schon länger bereiten zunehmende Trockenheit und höhere Temperaturen weltweit Grund zur Sorge, verbunden mit der Frage: Wie kommen der Weizen und seine Varianten als ausgesprochen wärmesensible Pflanzen mit solchem Trockenstress zurecht? Und: Wie könnte eine Lösung für den Nahrungslieferanten Nummer 1 aussehen? Eine mögliche Antwort: Ihm könnte ein anderes Getreide an die Seite gestellt werden, der Roggen.
Deutschland ist mit einer Erntemenge von 3,5 Millionen Tonnen Roggen Weltmarktführer. Hierzulande bedeckt das Getreide aktuell eine Fläche von etwa 0,6 Millionen Hektar – 5,2 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Anbaufläche. Insgesamt wird Roggen im Unterschied zu anderen Getreidearten vergleichsweise wenig angebaut: Von 1961 bis 2021 ging die weltweit für Roggen verwendete landwirtschaftliche Anbaufläche von 30 Millionen Hektar auf 4,8 Millionen Hektar zurück. Und das, obwohl das Getreide als widerstandsfähig, anspruchslos und unempfindlich gegen Trockenheit gilt. Seine Robustheit verdankt die Pflanze ihrem hoch entwickelten Wurzelsystem. Doppelt so lang wie beispielsweise das des Weizens, erschließt sich der Roggen damit Wasserreserven und Nährstoffe, an die andere Nutzpflanzen nicht herankommen.
Den für das üppige, tief reichende Wurzelwerk kodierenden genetischen Abschnitt kennen Forschende schon seit rund hundert Jahren. Im Laufe der Zeit gelangte dieser wohl aufgrund nicht ganz präzise dokumentierter Züchtung in ein paar Weizenpflanzen, die fortan ebenfalls sichtlich längere Wurzeln ausbildeten als ihre Artgenossen. Doch so sehr dem Weizen die erworbene Roggeneigenschaft auf der einen Seite half, so wenig bekam sie ihm andererseits. Denn der Einbau des Roggengens ins Genom des Weizens verschlechtert zugleich dessen Backeigenschaften erheblich. Lange Zeit wurde dieser Züchtungsansatz daher nicht weiterverfolgt. Doch bis heute blieben einige Nachfahren jener Exemplare erhalten, die die spezifische genetische Sequenz vom Roggen in ihr Erbgut eingelagert haben.
Inzwischen haben Wissenschaftler vom Julius Kühn-Institut für Züchtungsforschung an landwirtschaftlichen Kulturen gemeinsam mit weiteren Akteuren aus der Landwirtschaft die Züchtungsexperimente in einem Betrieb nahe Rostock neu aufgesetzt. Sie haben einen Qualitätsweizen gezüchtet, der den für die längere Wurzel kodierenden Genomabschnitt nicht nur komplett integriert, sondern auch eine funktionstüchtige „roggentypische Wurzel“ ausbildet. Zudem sollen sich auch die Backeigenschaften im Zuge einiger Nachfolgegenerationen bereits gebessert haben. Trotz enormer Trockenheit in einigen Regionen könnten damit absehbar Weizensorten auf den Markt kommen, die für das Getreide bislang nicht besiedelbare Gebiete zu erschließen vermögen. Diese „Wurzelweizensorten“ würden deutlich höhere Erträge liefern als andere.





