Bis ins 17. Jahrhundert gab es Dodos auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean. Einige Jahrzehnte nach der Besiedlung der Insel durch Menschen im Jahr 1598 starben diese etwa einen Meter großen, flugunfähigen Vögel jedoch aus. Historischen Berichten zufolge zeigte der Dodo keine Scheu vor Menschen und war damit eine leichte Beute für Jäger. Das brachte ihm den Ruf ein, dumm zu sein. Über seine Lebensweise ist allerdings wenig bekannt und auch biologische Überreste sind rar. Weltweit sind nur zwei vollständige Dodo-Schädel erhalten, einer im Naturhistorischen Museum in Kopenhagen, der andere im Oxford University Museum of Natural History.
Digitale Rekonstruktion des Dodo-Schädels
Den Kopenhagener Dodo-Schädel hat nun ein Team um Sara Citron von der University of Lethbridge in Kanada genauer untersucht. „Bei ausgestorbenen Arten können die Merkmale des Schädels Rückschlüsse auf ihre sensorischen Fähigkeiten ermöglichen“, erklären die Forschenden. „Da die Sinnesorgane bestimmen, was Tiere wahrnehmen und wie sie mit ihrer Umgebung und miteinander interagieren, kann die Einschätzung ihrer Wahrnehmungsfähigkeiten Einblicke in ihr Verhalten und ihre Ökologie liefern.“
Mit hochauflösenden CT-Scans erstellten Citron und ihre Kollegen eine dreidimensionale Rekonstruktion des Kopenhagener Dodo-Schädels. Diese verglichen sie mit dem Exemplar aus Oxford sowie mit den Schädeln zahlreicher weiterer Vögel. Dazu zählte unter anderem die ebenfalls ausgestorbene Schwesterart des Dodos, der einst auf der Insel Rodrigues verbreitete Rodrigues-Solitär, sowie 36 Arten von Taubenvögeln, den nächsten heute lebenden Verwandten von Dodo und Solitär.

Der für die aktuelle Studie untersuchte Dodo-Schädel befindet sich im Naturhistorischen Museum in Kopenhagen. Ein lebensgroßes Modell zeigt, wie der ausgestorbene Vogel aussah. — © Natural History Museum Denmark
Nachtaktiver Super-Riecher?
„Die Erforschung ausgestorbener Tiere gleicht ein wenig der Arbeit eines Detektivs“, sagt Co-Autorin Christy Anna Hipsley von der Universität Kopenhagen. „Obwohl das Gehirn des Dodos schon vor Jahrhunderten verschwunden ist, hat es im Inneren des Schädels Spuren hinterlassen. Indem wir diese Räume digital rekonstruieren und mit den Gehirnen lebender Vögel vergleichen, können wir beginnen, zusammenzusetzen, wie der Dodo seine Umgebung wahrnahm, sich verhielt und mit ihr interagierte.“
Diese Rekonstruktion ergab: In vieler Hinsicht unterschied sich der Schädel des Dodos deutlich von heute lebenden Taubenvögeln. Zumindest das Kopenhagener Exemplar weist einen wesentlich größeren Riechkolben auf – ein Hinweis auf einen hervorragend ausgeprägten Geruchssinn. Die Augen waren dagegen im Verhältnis zum übrigen Schädel eher klein. Diese Kombination ist eher für dämmerungs- und nachtaktive Tiere typisch, die sich stärker an Gerüchen als an visuellen Informationen orientieren. „Möglicherweise zeigte der Dodo ein flexibles Aktivitätsmuster bis in die Dämmerung hinein“, mutmaßen die Forschenden.
Klüger als gedacht
Das Volumen des Großhirns im Verhältnis zur Körpergröße war beim Dodo dagegen ähnlich groß wie bei heutigen Tauben – ein Hinweis darauf, dass er wahrscheinlich über ähnliche kognitive Fähigkeiten verfügte. „Die Annahme, Dodos wären im Vergleich zu anderen Taubenvögeln dumm gewesen, stimmt somit nicht mit den empirischen Befunden überein“, folgern Citron und ihr Team. Dass der ausgerottete Vogel keine Scheu gegenüber Menschen zeigte, ist den Forschenden zufolge kein Zeichen von mangelnder Intelligenz, sondern typisch für Inselarten, die nie mit Säugetier-Prädatoren konfrontiert waren.
Um noch tiefere Einblicke in das Leben der Dodos zu gewinnen, wären laut Citron und ihren Kollegen genomische Analysen erforderlich. „Wir werden die Wahrnehmungsfähigkeiten des Dodos vielleicht nie mit Sicherheit bestimmen können, doch durch die Kombination aus quantitativen anatomischen Ansätzen, fortschrittlicher Bildgebung und Genomik besteht das Potenzial, mehr über sein Verhalten und seine Ökologie zu erfahren“, schreiben sie.
Quelle: Sara Citron (University of Lethbridge, Kanada) et al., Zoological Journal of the Linnean Society, doi: 10.1093/zoolinnean/zlag123





