Eigentlich sind Atombombentests verboten, seitdem sich die Atommächte im Jahr 1996 auf ein entsprechendes Abkommen einigten. Doch Nordkorea gehört zu den Ländern, die diesen Vertrag nie unterzeichnet haben. – und die aktiv Atomwaffen entwickeln. Seit 2006 hat das Land sechs unterirdische Atombombentests durchgeführt, den stärksten und bislang letzten im September 2017. Alle fanden in einer geheimen Testanlage statt, die mehrere hundert Meter unter dem Gipfel des Mount Mantap im Nordosten Nordkoreas liegt.
Nordkoreanische Atomexplosion zehnmal stärker als in Hiroshima
Der Atomtest vom September 2017 setzte Schätzungen zufolge eine Energie von rund 100 bis 250 Kilotonnen TNT frei, das entspricht etwa dem Zehnfachen der Atombombe von Hiroshima. Die Atomexplosion verdampfte einen Teil des Granitgesteins im Berginneren und ließ achteinhalb Minuten später große Teile des unterirdischen Tunnelsystems der Testanlage kollabieren. Der gesamte Berg senkte sich dadurch um rund 50 Zentimeter ab. Westliche Messstationen detektierten seismische Erschütterungen der Magnitude 6,3.
„Typischerweise klingen die Erschütterungen nach einem solchen Kernwaffentest aber sehr schnell ab, weil die erzeugten Spannungen im Untergrund sich verteilen und nachlassen“, erklären Xingli Fan von der Technischen Universität Chengdu in China und seine Kollegen. Auch nach der Atomexplosion im September 2017 gab es in den ersten Tagen und Wochen danach kaum Nachbeben oder andere seismische Auffälligkeiten. Dabei blieb es jedoch nicht.
Immer häufigere und stärkere Erdbeben nach dem letzten Test
Neue Analysen enthüllen nun, dass der nordkoreanische Atomtest eine unerwartete Spätfolge hatte. Für ihre Studie hatten Fan und sein Team seismologische Daten von chinesischen und südkoreanischen Messtationen aus der Zeit von 2008 bis 2025 ausgewertet. In diesen waren die kurzfristigen Erschütterungen durch die Atomtests deutlich erkennbar, aber auch eine weitere Auffälligkeit: „Am 23. September 2017, rund drei Wochen nach dem sechsten Atomtest, begann eine Phase anhaltender seismischer Aktivität, die bis zum Ende unserer Untersuchungsperiode anhielt“, berichtet das Team.
In den knapp sieben Jahren seit dem letzten Atomtest ereigneten sich in der Nähe der Testanlage mehr als 1399 Erdbeben - für diese Region ist dies extrem ungewöhnlich: „Erdbebenkatalogen zufolge hat es im Umkreis von rund 50 Kilometer um die Testanlage seit 1904 keine Krustenbeben gegeben – bis zum September 2017“, schreiben die Forschenden. Die neuen Erdbeben werden zudem immer stärker und häufiger. „Das zeigt, dass sich die Erdkruste nach der letzten Explosion nicht einfach wieder entspannte, wie sonst üblich“, erklären Fan und seine Kollegen.
Ruhende Schwächezonen reaktiviert
Stattdessen muss die Wucht der Atomexplosion die Erdkruste rund um die Testanlage nachhaltig geschädigt und verändert haben. Nähere Analysen verrieten, dass die Epizentren der mehr als tausend neuen Erdbeben nicht zufällig verteilt sind. Sie bilden nordwestlich der nordkoreanischen Atomtestanlage zwei langgestreckte, fast parallele Muster. Wie die Geologen erklären, folgen diese Ereignisse offenbar zwei zuvor unerkannten Schwächezonen in der Erdkruste, die jahrzehntelang inaktiv waren.
„Die Testanlage am Mount Mantap liegt inmitten einer stabilen kontinentalen Kruste, die sich nur wenig verformt. Tektonische Verwerfungen bleiben hier oft lange Zeit seismisch ruhig“, schreibt das Team. Solche ruhenden, aber latent unter Spannung stehenden Schwächezonen können jedoch wieder aktiv werden, wenn der Untergrund durch starke, plötzliche Druckwellen geschädigt wird. Genau dies scheint durch die nordkoreanischen Atomtests geschehen zu sein: Die Atomexplosionen verursachten sich aufstauende Spannungen, die dann die beiden Verwerfungen reaktivierten.
„Die Ergebnisse zeigen, dass unterirdische Kernwaffentests langanhaltende Auswirkungen auf die Erdkruste haben können. Anstatt nur kurzlebige Nachbeben auszulösen, können sie über Jahre hinweg Intraplatten-Störungen reaktivieren“, schreiben die Forschenden.
Und nun?
Was aber bedeutet diese neuentdeckte Spätfolge von Atomtests für die Region rund um die Atomtestanlage? Noch sind die Erdbeben nicht so stark, dass Schäden drohen, zudem ist das betroffene Gebiet in Nordkorea Sperrgebiet und daher kaum besiedelt. In der Nähe gibt es jedoch ein Arbeitslager der nordkoreanischen Regierung, in dem mehr als 20.000 größtenteils politische Häftlinge inhaftiert sein sollen und Zwangsarbeit leisten müssen. Es wird vermutet, dass Häftlinge dieses Lagers auch am Bau der nahen Atomtestanlage beteiligt waren.
Relevant ist die neuentdeckte seismische Spätfolge aber vor allem für die globale Überwachung des Atomtestverbots. Denn wenn sich auch Jahre nach einer Atombombenexplosion Erdbeben rund um eine Testanlage häufen können, dann überdeckt diese seismische Aktivität die verräterischen Erschütterungen durch neue, verbotene Atomtests. „Das würde die Unterscheidung zwischen explosionsbedingten und tektonischen Ereignissen verwischen“, erklären Fan und sein Team.
Quelle: Xingli Fan (Chengdu University of Technology , China) et al., Science, 2026; doi: 10.1126/science.adx5917





