Ob in den Medien, in Filmen oder im Alltag: Emotional negativ aufgeladene Wörter oder Bilder erregen meist automatisch unsere Aufmerksamkeit, wir scheinen sie kaum ignorieren zu können. Ohne es zu wollen, beschäftigen wir uns mit den negativen Inhalten – und haben dadurch weniger kognitive Kapazität für andere Aufgaben übrig. „Es gibt zahlreiche Daten, die zeigen, dass man langsamer wird oder mehr Fehler macht, wenn man etwas Negatives sieht oder hört“, sagt Gal Chen von der Hebräischen Universität Jerusalem.
Selektive Aufmerksamkeit
Doch wie entscheidet unser Gehirn, welche auditiven Informationen überhaupt in unser Bewusstsein gelangen? Um diese Frage zu klären, ließen Chen und sein Team 29 hebräischsprachige Studierende eine visuelle Aufgabe erledigen, während im Hintergrund ein Strom bedeutungsloser Pseudowörter lief. Gelegentlich streuten sie in dieses Hintergrundgemurmel ein echtes hebräisches Wort ein, das entweder emotional negativ oder neutral war. Jeweils kurz danach fragten sie die Testpersonen, ob sie innerhalb der letzten fünf Sekunden ein echtes Wort gehört hätten und ob sie es wiederholen könnten.
„Wir gingen zunächst davon aus, dass Menschen die negativen Dinge stärker wahrnehmen würden, weil das unserer bewussten Annahme entspricht“, berichtet Chen. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Testpersonen nahmen die neutralen Wörter deutlich häufiger wahr als die negativen. „Wir dachten, es handele sich um einen Fehler“, erzählt Chen. „Also wiederholten wir die Studie und fügten neue Wörter hinzu.“ Insgesamt 101 Testpersonen nahmen schließlich an den Experimenten teil. „Die Ergebnisse zeigten denselben Trend: Menschen nehmen negative Wörter weniger wahr.“ Das galt auch für Durchläufe, bei denen die visuelle Aufgabe weniger anspruchsvoll war, sodass die Teilnehmenden mehr kognitive Kapazität frei hatten.
Schützendes Unterbewusstsein
„Diese Studie ist ein gutes Beispiel dafür, dass unsere bewussten Annahmen darüber, was wir wahrnehmen, nicht immer mit dem übereinstimmen, was unser Unterbewusstsein tut“, sagt Chen. „Eine mögliche Erklärung könnte darin liegen, dass das bewusste Erleben negativer Informationen aufwendig ist und das kognitive System sich manchmal dafür entscheidet, diesen Preis nicht zu zahlen. Es könnte die Grundeinstellung des Unbewussten sein, Informationen zu unterdrücken, die uns schaden könnten.“ Demnach würde unser Unterbewusstsein Informationen bereits bewerten, bevor wir sie bewusst wahrnehmen – und erst auf Basis des Ergebnisses bestimmen, was wirklich in unser Bewusstsein gelangt.
Aus Sicht der Forschenden könnten diese Erkenntnisse auch neue Ansätze für die Erforschung psychischer Erkrankungen bieten. Denn womöglich funktioniert diese unbewusste Selektion bei Menschen mit Angststörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen oder anderen psychischen Erkrankungen weniger gut. „Wenn man sich das Unbewusste als Gatekeeper vorstellt, der uns vor Dingen schützt, die uns schaden oder unsere Entscheidungen beeinflussen könnten, fragt man sich, was passiert, wenn dieser Gatekeeper versagt“, sagt Chen.
Eine Einschränkung der Studie besteht zum einen darin, dass nur neutrale und negative Wörter getestet wurden, nicht aber emotional positiv besetzte Begriffe oder Tabuwörter, die womöglich auf andere Weise verarbeitet werden. Zum anderen können die Forschenden nicht vollständig ausschließen, dass die beobachteten Effekte in Wirklichkeit auf ein selektives Gedächtnis statt auf eine selektive Wahrnehmung zurückgehen. „Das würde bedeuten, dass die Teilnehmenden die Wörter zwar bewusst hörten, aber trotz ihrer Relevanz sofort wieder vergaßen“, erklärt das Forschungsteam. Da die Abfrage allerdings innerhalb weniger Sekunden nach dem Wort erfolgte, wäre auch ein solcher Effekt laut Chen und seinen Kollegen beeindruckend. In zukünftigen Studien wollen sie das Phänomen weiter erforschen und dabei auch ganze Sätze und realistischere Hörumgebungen einbeziehen.
Quelle: Gal Chen (The Hebrew University of Jerusalem, Israel) et al., Psychological Science, doi: 10.1177/09567976261434113





