JULE SPECHT
Wie wir wurden, was wir sind, ist weniger durch unsere Gene bestimmt als vielmehr durch Ereignisse in unserem Leben, meint Jule Specht. „Die Persönlichkeit ist nicht von Geburt an festgelegt. Und sie kann sich bis ins hohe Alter verändern”, ist sie überzeugt. Die Psychologin hat die SOEP-Daten von etwa 15 000 Befragten analysiert und erkannt: Einschneidende Ereignisse wie der Tod eines Partners, der erste Job oder die Geburt eines Kindes wirken sich deutlich auf den Charakter aus.
Mit 27 Jahren ist die Psychologin, die in Münster studiert und promoviert hat, nicht nur zweifache Mutter, sondern auch schon Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin. Bevor die Entscheidung für die Psychologie fiel, habe sie auch mit dem Journalismus geliebäugelt, erzählt sie. Aber da hätte ihr auf Dauer die Statistik gefehlt. Dieses Faible kann sie bei ihrer Forschung nun richtig ausleben. Aber nicht nur deshalb arbeitet sie gerne mit den Zahlen und Fakten der Längsschnittstudie: „Die Daten sind perfekt aufbereitet und dokumentiert. Zudem sind sie umfangreich und repräsentativ.” Das fehle vielen Untersuchungen ihres Fachs leider. Jule Specht ist sicher, dass ihre Studien noch viele überraschende Erkenntnisse über die Menschen in Deutschland zutage fördern werden.
NICOLAS R. ZIEBARTH
„Wer lange Zeit krank ist, macht meist nicht blau”, räumt Nicolas Ziebarth mit seiner Forschung ein weit verbreitetes Vorurteil aus dem Weg. „Eine Langzeiterkrankung dauert im Durchschnitt vier Monate – und zwar unabhängig davon, wie hoch das Krankengeld in dieser Zeit ist.” Der Gesundheitsökonom hat sich in seiner Dissertation mit den Auswirkungen mehrerer Gesundheitsreformen in den 1990er-Jahren beschäftigt. Als Grundlage dienten dem Forscher die Zahlen des SOEP, die für ihn so wertvoll sind wie für einen Naturwissenschaftler ein optimal ausgestattetes Labor.
Dass vor ihm niemand auf die Idee kam, die Effekte solcher Reformen zu untersuchen, wundert ihn: „Die Reformen betrafen schließlich Millionen von Menschen und riefen heftige Kontroversen hervor. Außerdem waren die Daten für solche Analysen doch da.” Die Arbeit bescherte ihm neben dem Doktortitel viele Auszeichnungen und die Aufmerksamkeit der Forschergemeinde. So erhielt er 2011 den Ruf als Assistant Professor an die US-amerikanische Cornell University in Ithaca, wo er vor allem zu Gesundheitsökonomie lehrt und forscht. Der 31-Jährige untersucht Fragen zu gesundheitsrelevantem Verhalten und Prävention, und er erforscht, welchen Einfluss extremes Wetter auf Sterberaten oder Krankenhausaufenthalte hat. Sich auf ein Thema zu beschränken, war noch nie etwas für ihn. Auch nach dem Abitur konnte er sich nicht zwischen Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft entscheiden. Also machte er kurzerhand in beiden Fächern sein Diplom an der TU Berlin und entschied sich erst bei der Promotion im Rahmen des Doktorandenprogramms des DIW Berlin für VWL.
FABIAN T. PFEFFER
Dass die Herkunft prägt, hat Fabian Pfeffer selbst erfahren. „ Mein Vater hat eine soziale Ader”, sagt er und erzählt, dass sich seine Familie zu Schulzeiten der Betreuung eines Mitschülers annahm. „Der war vor allem in Mathematik begabter als ich, hatte aber das Pech, in einer benachteiligten Familie aufzuwachsen.” Doch die Bemühungen um den Schulkameraden blieben erfolglos. Er landete auf der Hauptschule, während Pfeffer nach dem Abitur zunächst in Köln studierte, dann im Hauptstudium mit einem Fulbright-Stipendium in die USA ging, wo er seinen Master und den Doktortitel in Soziologie erhielt. Inzwischen ist der 33-Jährige Assistant Professor an der University of Michigan und mit zahlreichen wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet – unter anderem für seine Forschungen zur sozialen Ungleichheit.
Pfeffer, selbst seit drei Jahren Familienvater, will verstehen, warum Herkunft entscheidender ist als Begabung. So hat er inzwischen mithilfe der SOEP-Daten neben elterlichem Einkommen, Bildung und Beruf einen vierten Indikator nachgewiesen, der über den sozialen Aufstieg von Kindern entscheidet: das Vermögen der Eltern. Das, sagt er, ist in Deutschland wie in den USA weitaus ungleicher verteilt als das Einkommen. „Wer vermögende Eltern hat, entscheidet sich nicht nur eher für ein Studium, sondern studiert auch anders, weil ein Scheitern weniger gravierende Folgen hat”, erklärt Pfeffer und nennt dieses Phänomen die „Versicherungsfunktion” des Vermögens. Am liebsten würde er mit seiner Forschung dazu beitragen, dass Kinder wie sein Klassenkamerad unabhängig von ihrer Herkunft den sozialen Aufstieg schaffen.
MAIKE LUHMANN
Scheiden tut weh … beim zweiten Mal aber offenbar nicht mehr so sehr. Sinkt nach der ersten Scheidung die Lebenszufriedenheit noch rapide, ist dies bei weiteren Trennungen nicht mehr der Fall. Ein Ergebnis, mit dem Maike Luhmann nicht gerechnet hatte. Schließlich wirken andere negative Erlebnisse wie der Verlust der Arbeit beim wiederholten Mal negativer auf das Wohlbefinden. Das hat die 32-jährige Psychologin empirisch belegt. Eine Arbeit, für die sie 2011 den Preis für die beste wissenschaftliche Publikation auf SOEP-Datenbasis erhielt.
Die Psychologin, die an der Universität Koblenz-Landau studierte und an der FU Berlin promovierte, arbeitet derzeit an der University of Illinois in Chicago. „Es sind ganz alltägliche Themen, die mich zu meiner Arbeit inspirieren”, sagt Luhmann. Was macht Menschen glücklich? Und: Können wir selbst an unserer Glücksschraube drehen? Fragen, auf die sie mithilfe großer Längsschnittstudien Antworten gefunden hat.
Und nicht nur das: Auch Vorhersagen lassen sich mit den Daten treffen. Zum Beispiel: Wer unzufrieden mit seiner Lebenssituation ist, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit in den nächsten zwei Jahren etwas ändern als ein glücklicher Mensch – umziehen zum Beispiel oder den Job wechseln. Beim Glücklichen ist es dagegen wahrscheinlicher, dass er in den folgenden zwei Jahren heiratet oder ein Kind bekommt. Maike Luhmann muss demnach vor zwei Jahren sehr zufrieden gewesen sein: Diesen Sommer ist sie Mutter einer kleinen Tochter geworden.





