In vielerlei Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich – doch ein wichtiger Aspekt unterscheidet den Menschen von seinen nächsten Verwandten im Tierreich: Wir nutzen komplexe Lautsysteme zur Verständigung – die Sprache gilt als ein Schlüsselelement des Erfolgs unserer Spezies. Affen und Menschenaffen geben zwar ebenfalls einige aussagekräftige Laute von sich, doch diese Kommunikationsform besitzt ein vergleichsweise bescheidenes Niveau. Ob es möglich ist, jungen Schimpansen gezielt das Sprechen beizubringen, haben Forscher bereits in den 1930er und 1950er Jahren getestet. Ohne Erfolg: Trotz aller Bemühungen hat nie ein Affe etwas gesagt.
Warum Affen angeblich nicht sprechen können
So stand die Frage nach dem Warum im Raum. Der Forscher Philip Lieberman schien dann 1969 die Erklärung gefunden zu haben. Er kam zu der Überzeugung, dass es einen anatomischen Grund gibt, warum Affen keine Sprachlaute hervorbringen können. Durch den Vergleich des menschlichen Vokaltrakts mit dem von Affen stellte Lieberman fest: Beim Menschen sitzt der Kehlkopf auffällig niedrig. Affen besitzen hingegen einen kleinen Rachen mit einer hohen Position des Kehlkopfs. Dieses Merkmal repräsentiert eine anatomische Blockade, meinte Lieberman: Die Kehlkopfposition verhindert die Bildung von differenzierten Lauten, so die Erklärung.
Diese Theorie über die Ursache der Sprachunfähigkeit von Affen setzte sich anschließend fest und avancierte zur offiziellen Lehrmeinung. Dies hatte weitere Auswirkungen: Da der tiefsitzende Kehlkopf als einzigartig für den Homo sapiens galt, beeinflusste die Theorie auch die Annahmen zur Entstehungsgeschichte der Sprache. Sie konnte sich demnach erst in den letzten 200.000 Jahren entwickelt haben, als der menschliche Kehlkopf seine tiefe Position erreichte, so die Schlussfolgerung.
Im Rahmen ihrer Review-Studie haben die internationalen Forscher um Louis-Jean Boë von der Université Grenoble Alpe nun systematisch Untersuchungsdaten der letzten Jahre ausgewertet, die sich mit dem Verhalten von Primaten, ihren Fähigkeiten zu Lautäußerungen und zur Kommunikation beschäftigt haben. Es flossen auch Daten aus eigenen Untersuchungen der Forscher ein sowie Ergebnisse von akustischen Modellierungen.
Wie sie erklären, verdeutlichen ihre Auswertungen drei wichtige Aspekte, die der bisherigen Theorie widersprechen: Erstens geht aus einigen Studien hervor, dass der tief sitzende Kehlkopf unter den Primaten nicht ausschließlich beim Menschen vorkommt. Zweitens ist er auch gar nicht erforderlich, um kontrastierende Muster für Lautäußerungen zu erzeugen. Drittens gibt es durchaus nichtmenschliche Primaten, die Lautäußerungen mit kontrastierenden Formantenmustern erzeugen können. Unterm Strich entzieht dies damit der bisherigen Lehrmeinung die Grundlage, resümieren die Wissenschaftler.





