Überwachungskameras sollen an gefährlichen Plätzen für mehr Sicherheit sorgen. Doch die heimlichen Beobachter sind umstritten.
Sie sehen uns zu – überall: beim Tanken, beim Einkaufen, am Geldautomaten, auf dem Bahnsteig. Ständig haben uns die Linsen von Überwachungskameras im Visier. Die Polizei braucht nur noch fernzusehen, um zu fahnden. Die Erwartungen an die elektronischen Wächter sind enorm. Selbst die gefährlichsten Orte sollen wieder sicher werden, wenn Kameras sie Tag und Nacht bis in den letzten Winkel kontrollieren. Die Polizei setzt dabei in erster Linie auf Abschreckung: Oft soll allein die Präsenz einer Kamera Diebe, Autoknacker und Vergewaltiger davon abhalten, ihre Pläne zu verwirklichen. Und wenn es dennoch zu einer Straftat kommt, dann ist der Täter anhand der Videoaufzeichnung schnell erkannt und gefasst – so die Hoffnung. Zu dumm nur, dass die meisten Verbrecher offenbar äußerst kamerascheu sind und wissen, wie man der Linse entkommt. „Selbst nach über 30 Jahren Videoüberwachung in Deutschland ist keine seriöse wissenschaftliche Studie bekannt, die belegt, dass sich die Sicherheitslage tatsächlich gebessert hätte”, kritisiert Thilo Weichert, Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Datenschutz. Vielmehr wirke Videoüberwachung oft sogar kontraproduktiv: „Dort, wo Videokameras eingesetzt werden, scheint wirklich die Kriminalität zunächst einmal eklatant zurückzugehen. Häufig muss man aber feststellen, dass ein Verdrängungswettbewerb stattfindet. Im Klartext: Das Verbrechen wird schlicht ein paar Straßen weiter verübt.” Zudem sei eine vollständige Videoüberwachung aller Risiko-Orte kaum zu gewährleisten. Ob Videokameras wirklich geeignete Waffen gegen das Verbrechen sind, wird zum Beispiel in Berlin schon seit Jahren heftig diskutiert. Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) plant dazu ein Pilotprojekt an gefährlichen Orten: am Breitscheidplatz vor dem Europacenter und am Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo. Zehn schwenk- und drehbare Zoom-Kameras sollen aufnehmen, was dort geschieht. Im Fokus: vor allem Drogenhändler und Taschendiebe. In Leipzig ist die Videoüberwachung bereits Realität. Dort hat die Polizeidirektion Anfang 1996 ein Projekt zur „Videoüberwachung von Kriminalitätsschwerpunkten” begonnen. Seitdem hat eine Kamera das Gebiet rund um den Hauptbahnhof Tag und Nacht im Visier. Auf der Fahndungsliste stehen Fahrraddiebe, Autoknacker und Drogendealer. Die ganze nördliche Innenstadt wird beträgt. Der Schwenkbereich der Kamera umfasst mehrere tausend Meter, und selbst aus einer Entfernung von 600 Metern ist die Aufschrift auf einer Zigarettenschachtel noch problemlos zu entziffern. So ist jede Person, jedes Nummernschild klar zu erkennen und kann über ein elektronisches Fahndungssystem sofort überprüft werden. Die Polizei lobt die Videoüberwachung: Diebstähle und Drogendelikte seien in diesem Viertel um 50 Prozent zurückgegangen. Nun ist geplant, die ganze Innenstadt mit Kameras zu umgeben. In Berlin begrüßen die Einzelhändler einhellig das geplante Projekt, während die verantwortlichen Politiker geteilter Meinung sind. Die CDU unterstützt das Vorhaben, PDS und Bündnis 90/Grüne sind dagegen. Die FDP fordert mehr Polizeipräsenz auf der Straße statt vor dem Monitor, und die SPD mahnt zur Vorsicht, da der Datenschutz unterwandert werden könnte. Die Datenschützer selbst sind nicht grundsätzlich gegen das Überwachen gefährlicher Orte per Kamera. „Wir sehen das Bemühen der Industrie, technische Lösungen zu erarbeiten, denen wir zustimmen können”, sagt Roland Bachmeier, Direktor beim Bundesbeauftragten für den Datenschutz. Das soll heißen: Nur wenige Beamte sollen auf die Zoom-Funktion der Kameras und das elektronische Fahndungssystem zugreifen können. Es dürfe aber nicht so weit kommen, dass die Menschen nicht wüssten, ob, von wem und zu welchem Zweck sie gefilmt werden und was mit den Aufzeichnungen anschließend geschieht, betont Bachmeier. Jeder Bürger habe schließlich das Recht zu wissen, ob er in irgendeiner Bilddatenbank verdächtiger Personen gelandet ist, nur weil der tägliche Weg zur Arbeit mit gehetzten Schritten vom Parkplatz zu den Bahnsteigen am Bahnhof Zoo beginnt. Laut Bundesdatenschutzgesetz müssen Schilder auf eine Videoüberwachung von öffentlich zugänglichem Gelände hinweisen, und die gefilmten Personen dürfen anhand der Aufnahmen nicht identifizierbar sein. Allein die Möglichkeit, jemanden auf den Videobildern zu erkennen, reicht aus, um einen Eingriff in das Recht auf informelle Selbstbestimmung anzunehmen. Doch wenn es um die eigene Sicherheit geht, nehmen die Deutschen eine Videoüberwachung offenbar gern in Kauf. Nach einer aktuellen EMNID-Umfrage befürworten 79 Prozent der Bundesbürger eine Kameraüberwachung an gefährlichen Orten, wenn sie zu mehr Sicherheit beiträgt. Damit Videokameras diesen Anspruch erfüllen können, müssen die Sicherheitsbeamten ihre Monitore entweder permanent beobachten, oder die Bilder müssen aufgezeichnet und später ausgewertet werden. An dieser Stelle sehen Bürgerrechtler die größte Gefahr in der Überwachung, denn hier entscheidet die subjektive Sicht des Polizisten darüber, ob jemand ein Kandidat für eine Aufnahme wird oder nicht. Welche Personen sind suspekt und wer ist über jeden Verdacht erhaben? Wird der breitschultrige Türsteher mit den gleichen Augen gesehen wie der abgehalfterte Punk? Werden auch Polizisten zur Ordnung gerufen, wenn sie unverhältnismäßige Gewalt anwenden? Da nur der visuelle Eindruck von Personen zur Verfügung steht, dürften Frisur und Kleidung, Sauberkeit und Auffälligkeit des Verhaltens darüber entscheiden, wer ins Visier der Ordnungshüter kommt. Die Auswertung durch Menschen ist allerdings eine äußerst personalintensive Angelegenheit. Deshalb ist im Zeitalter von Hochleistungsrechnern und High-Tech-Software die automatische Bildauswertung der große Renner. Die technischen Möglichkeiten, Videokameras mit Software zur Mustererkennung zu koppeln, sind schon jetzt recht weit entwickelt. Entsprechende Programme liefern die amerikanische Firma Visionics (Face-It), Siemens-Nixdorf (Face-VACS) und der Berliner Software-Hersteller BioID (BioID). Die BioID AG war das erste Unternehmen, das eine Software zur eindeutigen Personenerkennung auf den Markt brachte. Aus den Aufnahmen einer handelsüblichen Webkamera und eines einfachen Mikrofons identifiziert das Programm die erfassten Personen sekundenschnell anhand ihres Gesichts, ihrer Stimme und ihrer Lippenbewegungen beim Sprechen. Moderne Programme scannen die aufgenommenen Gesichter so detailliert, dass sie nicht einmal mehr auf Grimassen, angeklebte Bärte, Perücken oder Make-up hereinfallen. Allerdings können sie nur etwas erkennen, was bekannt ist. Es müssen also bereits Aufnahmen von den gefilmten Personen vorliegen, und zwar möglichst viele. Auf den Festplatten der Kasseler Firma Cobion gibt es reichlich davon. Die weltweit größte Bilddatenbank umfasst rund 500 Millionen ausgewertete Aufnahmen von Plätzen, Straßen und Personen – und täglich werden es mehr. So wundert es nicht, dass BioID nach den Terroranschlägen am 11. September eine Kooperation mit Cobion bekannt gab, um in der Videofahndung nach Terroristen und Verbrechern die Nase vorn zu haben. Doch auch ohne Anschluss an eine Datenbank kann die Kameraüberwachung sehr effektiv sein. Neuere Programme zur Gesichtserkennung, wie die an der Ruhr-Universität Bochum entwickelten „PersonSpotter” und „ Beholder”, sind inzwischen sogar lernfähig: Wen die Kamera einmal gesehen hat, den erkennt sie jederzeit wieder. Eine äußerst umstrittene Möglichkeit, potenzielle Straftäter zu enttarnen, ist die elektronische Erkennung von Bewegungen. Wer sich so bewegt, wie es nach Meinung der Software-Entwickler Diebe oder Kriminelle für gewöhnlich tun, hat gleich einen Bewacher zur Seite. Dafür werden die Aufnahmen mit genormten Bewegungsmustern verglichen, wobei bestimmte Vorstellungen von „normalem” und „richtigem” Verhalten entscheidend für die Normsetzung sind. Wer sich etwa auf einem Parkplatz schnellen Schrittes von seinem Wagen entfernt, hat sich vielleicht bereits als ein potenzieller Autoknacker geoutet und wird von der Kamera mit einem Schnappschuss bedacht. Die Software „VideoObjectTracker”, die Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Informations- und Datenverarbeitung in Karlsruhe entwickelt haben, funktioniert besonders ökonomisch: Sie zeichnet nur auf, wenn tatsächlich jemand in das Blickfeld ihrer Linse tritt. Anschließend entscheidet der Computer, ob sich die Person in krimineller Absicht nähert. Neue Technik macht die Videokameras kleiner, die Software intelligenter und das Überwachen billiger. So ermöglicht das Windows-Programm „Gotcha!” die Kontrolle von Räumen mit einer gewöhnlichen PC-Kamera und ist schon für 70 Euro zu haben. Bei solchen Preisen haben neben dem Staat inzwischen auch Unternehmer und einzelne Bürger die Lust am Überwachen entdeckt. Übers Internet lassen sich die Kamerabilder überall abrufen. „Längst setzen Unternehmen Webcams und andere Minikameras dazu ein, um ihre Beschäftigten zu bespitzeln”, heißt es im jüngsten Bericht des Bundesbeauftragten für Datenschutz. So hatte in einer Berliner Arztpraxis einer der Ärzte versteckte Digitalkameras anbringen lassen, um seine Mitarbeiter während seiner regelmäßigen Auslandsreisen via Internet überwachen zu können. In einer Tankstelle in Berlin installierte der Pächter eine versteckte Kamera im Verkaufsraum – nicht, um Ladendiebe zu überführen, sondern zum Bespitzeln der Kassierer, falls sie mal einen Griff in die Kasse wagen sollten. „Bei den Bediensteten gibt es keinen großen Widerstand, solange die Aufnahmen nicht gegen sie verwendet werden”, sagt Roland Tremper von der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG). „Wir sind zwar keine glühenden Anhänger von Überwachung, sehen aber auch ihre Notwendigkeit.” In den USA ist eine solche Webcam-Überwachung bereits salonfähig. Immer mehr amerikanische Kindergärten installieren Webcams in ihren Räumen. So können sich Eltern jederzeit bei Internetdiensten wie ParentNet oder KinderCam einschalten, um sich online über das Wohlbefinden ihrer Kids zu informieren – oder um zu kontrollieren, ob das Kindergartenpersonal hält, was es auf Elternabenden verspricht. Ob Büros, Kaufhäuser, Bahnsteige oder Spielplätze – mit geschätzten 400000 Kameras in Deutschland ist die Videoüberwachung auch hierzulande inzwischen heimliche Normalität. Aber wer überwacht eigentlich die Überwacher? Immer wieder sorgen Meldungen über Video-Voyeure in Umkleidekabinen für Empörung. Auch im Berliner Stadtbad Lankwitz gucken Objektive den Männern seit vergangenem Jahr beim Umkleiden zu. Gestört hat das bislang kaum jemanden. Die Frauen lehnen die Kameras allerdings ab, weshalb man bei ihren Kabinen darauf verzichtet hat. Angst vor Spannern müssen sie daher nicht haben – dafür werden ihre Garderobenschränke nun bevorzugt geknackt.
Kompakt
In Leipzig hat eine einzige Kamera große Teile der Innenstadt rund um den Hauptbahnhof im Visier. Ähnliche Projekte, etwa in Berlin, sollen folgen. Ein Unternehmen in Kassel besitzt mit rund 500 Millionen Aufnahmen von Videokameras die größte Bilddatenbank der Welt. Moderne Software zur automatischen Bildauswertung erkennt einmal erblickte Gesichter zuverlässig wieder.
Thomas Niemann





