bild der wissenschaft: Herr von Soest, heutzutage brechen meist Bürger- und Guerillakriege aus, kaum noch Staatenkriege. Müssen Sie und Ihre Kollegen deshalb neue Thesen entwickeln, wie Krisen innerhalb von Ländern gelöst werden können?
von Soest: Die Bedingungen bei einem Bürgerkrieg sind andere als bei einem Krieg zwischen Staaten. Innerhalb eines Landes kommt es auf das Verhältnis von Regierung, Gesellschaft und oppositioneller Gruppen an. Dabei spielt auch eine Rolle, ob es sich um Konflikte mit großer Einwirkung von außen handelt, oder um solche, die wenig Aufmerksamkeit finden und um die sich kaum ein fremder Akteur kümmert. Was das betrifft, ist in der Forschung der letzten Jahre neben anderen Entwicklungen wie der Nutzung von immer präziseren Konfliktdaten ein wesentlicher Trend zu beobachten, der sogenannte “local turn”. Damit ist gemeint: Viele Wissenschaftler aber auch Praktiker stellen das “liberal peacebuildung” infrage, also liberale Konzepte zur Friedensbildung – das heißt die Intervention von außen und die Anwendung der westlichen Staaten als Blaupause für Krisengebiete.
Was wäre ein Gegenmodell?
Ein klares Gegenmodell gibt es nicht, außer der Beachtung von lokalen Gegebenheiten. Aber unabhängig davon, wie man eingreift, ist unumstritten, dass den Bürgern bestimmte Grundrechte zustehen, die ein Staat einhalten muss. Etwas mehr Zurückhaltung zeigen Praktiker und Forscher inzwischen jedoch mit Forderungen, wie schnell und ausgedehnt eine Demokratie entstehen muss.
Ist es nicht eine Zumutung für Länder, ihnen von außen ein Staatsmodell aufzudrücken?
Natürlich kann man nicht einfach von außen ein Modell einführen – und fertig. Das haben die Erfahrungen in Afghanistan und im Irak gezeigt. Grundsätzlich darf man nicht erwarten, dass sich in wenigen Jahren eine Demokratie nach westlichem Vorbild aufbauen lässt. Andererseits gibt es Grundprinzipien, die erfüllt werden müssen: Menschen- und Freiheitsrechte.
Sie beschäftigen sich in Ihren Forschungen zu Frieden und Sicherheit auch mit Sanktionen. Was genau untersuchen Sie?
Die Wirkung von Sanktionen auf die Stabilität von autoritären Regimen. Bevor man untersucht, wie Sanktionen wirken, muss klar sein, wie diese Regime versuchen, Stabilität herzustellen. Das heißt, unter welchen Bedingungen kann ein politisches System überleben und ab welchem Punkt nicht mehr? Darauf nehmen verschiedene Faktoren Einfluss: das Wirtschaftswachstum, der Handel mit anderen Ländern, das Ausmaß der Unterdrückung, oder auch die Frage, ob die Regierung über genügend Mittel zur Versorgung zumindest von Teilen der Bevölkerung verfügt, beispielsweise durch Sozialprogramme. Sanktionen vermindern den Fluss von Finanzen und Waren können nicht mehr exportiert werden. Beispiel Myanmar: Das Land durfte lange Zeit keine Tropenhölzer mehr ausführen. Also musste die Regierung neue Einkommensquellen und Abnehmer finden – oder die Einnahmen verringern sich. Und das kann gefährlich für die Regierung sein.






