Sie galten lange als Keulen-schwingende Primitivlinge, die vielleicht irgendein simples Grunzen von sich gaben. So schien es nicht verwunderlich, dass unsere cleveren Vorfahren sie schnell aus Europa verdrängen konnten. Doch dieses Bild entspricht schon lange nicht mehr dem Stand der Forschung. Es wird immer deutlicher, dass die Neandertaler dem modernen Menschen durchaus ähnlicher waren als lange angenommen. Es ist beispielsweise belegt, dass sie geschickte Werkzeugmacher waren, sich schmückten, ihre Toten bestatteten und möglicherweise sogar Höhlenkunst schufen. Und nicht zuletzt haben genetische Studien gezeigt, dass sich unsere Vorfahren mit einigen ihrer archaischen Cousins vermischt haben. Warum die Neandertaler dennoch langfristig unterlegen waren, gilt bisher als unklar. Ein Aspekt könnte dabei eine geringere Fähigkeit zur Kommunikation gewesen sein.
Waren Neandertaler sprachbegabt?
“Seit Jahrzehnten ist eine der zentralen Fragen in der menschlichen Evolutionsforschung, ob unsere Form der Kommunikation, die gesprochene Sprache, auch bei anderen Vertretern unseres Stammbaums vorhanden war – insbesondere bei den Neandertalern”, sagt Juan Luis Arsuaga von der Universidad Complutense de Madrid. Was archaische Menschenformen einst von sich gegeben haben, ist natürlich längst verklungen. Doch durch die Untersuchung anatomischer Merkmale sind zumindest indirekte Hinweise auf die Fähigkeiten zur Lautkommunikation möglich. Aus bisherigen Untersuchungen ging bereits hervor, dass frühe Homininen vergleichsweise schlechte anatomische Voraussetzungen für ein komplexes Hör- und Artikulationsvermögen im Zusammenhang mit Sprache aufwiesen.
Im Rahmen ihrer Studie haben Arsuaga und seine Kollegen nun detailliert rekonstruiert, wie die Neandertaler hörten, um Hinweise auf ihr Potenzial zur Lautkommunikation zu gewinnen. Die Studie basiert dabei auf hochaufgelösten CT-Scans des Hörsystems. Die Forscher erstellten daraus virtuelle 3D-Modelle der Ohrstrukturen von Homo sapiens und Neandertaler sowie von Fossilien aus der spanischen Fundstätte von Atapuerca. Bei den dortigen Funden handelt es sich um Überreste, die den Vorfahren der Neandertaler zugeordnet werden. Die aus den 3D-Modellen gewonnenen Daten wurden anschließend in ein Computermodell übertragen, das auf dem Gebiet des auditiven Bioengineerings entwickelt wurde. Es ermöglicht Rückschlüsse auf die Schallleistungsübertragung durch das Außen- und Mittelohr sowie die Bandbreite der Frequenzwahrnehmung – und somit auf die Hörmuster.





