Weithin sichtbar auf einem Plateau nördlich vom Steilhang des Saaletals präsentiert sich der Kreisgraben von Goseck in Sachsen-Anhalt heute annähernd so wie am Tag seiner Fertigstellung um 4880 v. Chr. Die 75 Meter durchmessende Anlage aus der jungsteinzeitlichen Bauernkultur der Stichbandkeramiker ist eine Rekonstruktion: ein äußerer Graben mit aufgeschüttetem Erdwall sowie zwei konzentrische Holzpalisaden im Inneren.
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„Wir konnten hier die ursprünglichen Pfostengruben und den Graben nahezu vollständig ausgraben“, erklärt der Archäologe François Bertemes von der Universität Halle. „So war es möglich, Palisaden, Wall und Öffnungsfluchten 2005 exakt nachzubauen.“ Nur bei der Palisadenhöhe gab es Zweifel: „Wir haben 2,40 Meter gewählt, womöglich waren es eher drei Meter.“
Als sicher gilt hingegen, dass die beiden südlichen Öffnungsfluchten im Südwesten und Süden astronomisch ausgerichtet waren: Vom Mittelpunkt aus betrachtet geht die Sonne just am Tag der Sommersonnenwende (21. Juni) genau hinter der südwestlichen Öffnungsflucht unter. Das Resultat komplexer Berechnung? „Viel erforderte die astronomische Ausrichtung nicht, nur einen fixen Standort und regelmäßige Beobachtung“, winkt Bertemes ab. Der fixe Standort kam vor rund 7.000 Jahren mit Landwirtschaft und Sesshaftigkeit. Goseck ist besonders auf die Wintersonnenwende ausgerichtet, also auf den Tag, an dem das neue Licht kommt. An jenem 21. Dezember geht die Sonne genau hinter der südöstlichen Flucht auf und hinter der nordwestlichen unter.
Die Erbauer von Goseck besaßen bereits ähnliche kosmologische Kenntnisse wie die Erschaffer der erst 3.000 Jahre später gefertigten Himmelsscheibe von Nebra. Das weltberühmte Artefakt wurde im südlichen Sachsen-Anhalt gefunden und bildet den Sonnen- und Mondzyklus ab. Man könnte die Anlage auch als Observatorium bezeichnen, zumal viele andere Nutzungstheorien längst verworfen sind: Goseck und vergleichbare Stätten wurden laut Boden-Nitratwerten nie als Viehkrale genutzt, waren auch keine Verteidigungsanlagen. „Der äußere Wall hätte Angreifern durch die erhöhte Position sogar einen Vorteil geboten“, merkt Bertemes an.
Kreisgräben im deutschsprachigen Raum waren lange ein blinder Fleck, die wenigen bekannten Beispiele in Bayern schienen isolierte Exoten. Erst mit Aufkommen der Luftbildarchäologie ab den 1970er-Jahren entdeckte man Aberdutzende Anlagen in West- und Mitteleuropa, ab den 1990ern Dutzende auch in Osteuropa. Mithilfe der Radiokarbonmethode bestimmten Archäologen und Prähistoriker das Alter der Anlagen. Sie gewannen eine Vorstellung davon, dass sich die Idee der Kreisgräben wie die Landwirtschaft vom Südosten her bis auf die britische und die irische Insel ausgebreitet haben könnte. „Was in Stonehenge ab circa 3000 v. Chr. aus Megalithen gebaut wurde, errichtete man ein paar Tausend Jahre früher in Südost- und Mitteleuropa in Holzbauweise – mangels Steinen“, erklärt Bertemes.
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Messungen in einer Vielzahl von Kreisgräben belegen mit statistisch hoher Wahrscheinlichkeit, dass zumindest die meisten astronomisch ausgerichtet waren: auf Ereignisse wie Sonnenwenden, Tagundnachtgleichen oder das Jahreskreisfest Beltane, das den in der Nacht zum 1. Mai verorteten Beginn der warmen Zeit markierte. Hatten derlei Tage auch eine kultische Bedeutung? „Solare Ausrichtung und kultische Aspekte lassen sich kaum trennen“, sagt Bertemes. „Die Bauern brauchten Himmelsbeobachtungen, um Zeit zu strukturieren. Die Position der Sonne am Horizont gab ihnen Produktionsschritte wie Pflügen, Aussaat und Ernte vor.“
Zugleich war die Astronomie wohl Gegenstand der Anbetung höherer Mächte: Ereignisse wie die Wintersonnenwende wurden geradezu herbeigesehnt. Wie aber lässt sich die kultische Nutzung der Kreisgräben nachweisen? 1985 identifizierte der britische Archäologe Colin Renfrew vier klare Kriterien für einen Kult. Erstens: die Fokussierung auf das Sakrale. Zweitens: die räumliche Trennung von Sakralem und Profanem durch ein Innen und Außen. Drittens: die vermutete Präsenz des Göttlichen. Viertens: die Teilnahme an kultischen, insbesondere Opferhandlungen. Je mehr Punkte erfüllt sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Kult handelt.
Die Kreisgrabenanlage von Goseck erfüllt mindestens drei Kriterien. „Sie erhebt sich auf einer markanten Hochfläche, wo sie von allen umgebenden Siedlungen aus sichtbar war“, weiß Bertemes. Auch Punkt zwei, die Trennung von Sakralem und Profanem, ist durch Wall, Graben und Palisaden gegeben: „Zudem waren die Öffnungsfluchten rechtwinklig nach außen umgeschlagen. Das macht sie gewissermaßen zu Übergängen. Das betont die Trennung zwischen Außen und Innen.“ Denkbar sei, dass Kreisgräben für Initiationsrituale genutzt wurden: Der Initiierte wurde vom Außenstehenden zum Insider. „Dafür sprechen auch die akustischen Effekte in unserer Rekonstruktion“, so Bertemes. „Geräusche aus dem Inneren hört man im Außenbereich allenfalls gedämpft.“ Drinnen aber sorgt der Widerhall für einen klaren Klang – so klar, dass in Goseck heute Konzerte stattfinden. Ähnliche Performanzen kann sich Bertemes auch vor rund 7.000 Jahren vorstellen, möglicherweise gar unter Drogeneinfluss: „Verfügbar waren Mohn, Cannabis, Alkohol.“
Schwieriger ist das dritte Kriterium in Goseck nachzuweisen: die Präsenz des Göttlichen. „Diese könnte sich in einem Baum manifestiert haben, dessen Blätter im Wind rauschten“, so Bertemes. Leider lasse sich eine Eiche nach 7.000 Jahren nicht mehr archäologisch nachweisen. Andere Kreisgräben zeigen, dass mitunter auch die Geländemorphologie in Kombination mit astronomischen Bezügen Göttliches erkennen ließ. Der Kreisgraben bei Altruppersdorf in Niederösterreich lag ebenfalls auf einem Plateau: Am Tag der Wintersonnenwende ging die Sonne, vom Mittelpunkt der Anlage betrachtet, genau hinter einem vis-à-vis gelegenen Berg unter.
Renfrews viertes Kult-Kriterium, die Teilnahme an rituellen Handlungen, ist auch in Goseck erkennbar: „Vor allem an den Übergängen finden wir Menschenknochen, Erdöfen zur Speisebereitung, Scherben von Stichbandkeramikgeschirr, welches möglicherweise nur innerhalb des Sakralen benutzt werden durfte, sowie Deponierungen von unbenutzten Beilen“, so Bertemes. „Zudem gab es Bodenverfüllungen mit Stierschädeln, die auch in späteren Epochen kultische Bedeutung hatten.“ Der Anteil an Rinderknochen im Inneren der Kreisgräben sei deutlich höher als in zeitgenössischen Siedlungskontexten, die Schnittspuren an den Knochen sprächen für rituelle Schlachtungen. Mitunter findet sich in Kreisgräben auch kultische Kunst: Im niederösterreichischen Rosenburg lagerten absichtlich zerbrochene Figurinen aus Ton im Boden. „Entweder mussten diese nach ihrer rituellen Verwendung ,neutralisiert‘ werden, um ihnen die Kraft des Sakralen zu nehmen“, so Bertemes, „oder sie wurden symbolisch geopfert.“
Der Archäologe vermutet, dass in den „Kathedralen der Steinzeit“ nicht nur Feiern mit solarem Bezug begangen wurden. So sei etwa das Aufbahren von Verstorbenen in vielen Kulturen und Epochen Usus. „Ähnliches dürfen wir für vorgeschichtliche Zeiten annehmen.“ In Goseck fanden sich zahlreiche, offenbar verschleppte Knochenstücke, etwa von menschlichen Fingern und Zehen. „Dies dürfte von Tierverbiss an aufgebahrten Leichnamen herrühren“, sagt Bertemes und nimmt an, dass die Hinterbliebenen auch später noch in die Anlagen kamen, um ihrer Ahnen zu gedenken (BDW 02|24). Überhaupt dürfe man das Geschehen in Kreisgräben nicht monokausal denken: „Ähnlich wie mittelalterliche Kirchen waren sie Machtsymbole, wurden wohl auch für weltliche Versammlungen oder Märkte genutzt.“
In Goseck fand der Archäologe außerdem einen konkreten Anhaltspunkt für kultische Prozessionen: „Im Bereich des Nordeingangs biegt ein kleiner Graben bogenförmig in Richtung Nordosten um – als wollte er die Menschen auf einen bestimmten Weg leiten.“ War Goseck also Teil einer Ritual-Landschaft, die auch andere Monumente und die Topografie mit einschloss? Denkbar, aber nicht mehr erforschbar, bedauert Bertemes: „Das Land hier ist so oft gepflügt worden und so stark erodiert, dass Paläo-Topografie sowie die Identifizierung früherer Pfade kaum noch möglich sind.“ Paläo-Topografie bezeichnet die Rekonstruktion vergangener physischer Landoberflächen und Reliefs.
Ein vollständigeres archäologisches Bild offenbart sich um das rund 2.000 Jahre jüngere Stonehenge: „Dort gab es im Megalithikum des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr. Bebauungsansammlungen entlang von Sichtachsen“, so Bertemes. „Dörfer, Steingräber und kultische Anlagen, verbunden durch Wegesysteme.“ Stonehenge, die Stonehenge Avenue, die nahe Steinzeitsiedlung Durrington Walls und die Kreisgrabenanlage Woodhenge bildeten markante Knotenpunkte in einem Netz aus Monumenten. „Man bezog auch den River Avon als natürliche Sichtachse mit ein“, weiß Bertemes. Möglich sei, dass der Fluss einen Übergang vom Leben zum Tod symbolisierte.
Ein ähnliches Konzept unter Einbeziehung der Saale betrachtet der Experte auch für Goseck als plausibel: „Felsmalereien belegen, dass schon in der Urgeschichte manche Menschen mittels ihrer Vorstellungskraft und ihres weit überdurchschnittlichen räumlichen Denkvermögens die Landschaften aus Höhen betrachten konnten, welche sie physisch gar nicht erklimmen konnten.“ Solche Ausnahmekönner wären auch in der Lage gewesen, ein mehr oder weniger geometrisches Netz aus Monumenten oder Wegmarken zu schaffen, „etwa aus alten Eichen, die man in einer weitgehend kultivierten Landschaft stehen ließ“, so Bertemes.
Eichen hatten auch für den Kreisgrabenbau eine besondere Bedeutung: „Holzkohlereste aus niedergebrannten Palisadenteilen, die wir in Goseck in der Grabenverfüllung gefunden haben, konnten archäobotanisch durch mikroskopische Bestimmung als Eiche identifiziert werden“, erklärt Bertemes. Doch die Anlage war nicht so kurzlebig, wie man vermuten könnte: C14-Daten aus der Radiokarbonanalyse verraten, dass Goseck bis 4650 v. Chr. genutzt wurde, also rund 230 Jahre. Man könne davon ausgehen, dass ein Palisadenpfosten maximal 70 Jahre hielt, meint Bertemes. An vielen Gruben fänden sich Hinweise, dass Pfosten getauscht wurden: „Beim Ziehen des alten und Setzen des neuen Pfostens wurde nicht immer exakt die gleiche Stelle getroffen.“
Bis mindestens 4200 v. Chr. nahmen die Menschen um Goseck weiter Rücksicht auf die verwaiste Struktur, die Fläche wurde nicht genutzt. Laut Simulationen blieb die Kontur des Kreisgrabens bis in die Bronzezeit (ab 2200 v. Chr.) im Boden erkennbar. Bertemes geht davon aus, dass dieser mystische Ort auch darüber hinaus in Überlieferungen weiterlebte – ebenso wie die Idee solcher Anlagen, von der man lange annahm, dass sie im heutigen Deutschland nur zwischen 4900 und 4600 v. Chr. existierte. Der 1991 entdeckte Kreisgraben von Pömmelte in Sachsen-Anhalt aber wurde erst 2300 v. Chr. errichtet. ■
Die astronomische Ausrichtung einer Kreisgraben-Rekonstruktion
Die archäoastronomische Berechnungsgrundlage für die genaue Ausrichtung des Kreisgrabens von Goseck bestand aus dem geo-referenzierten Grabungsplan mit präzisen Positionsdaten sämtlicher Gräben und Pfostenlöcher sowie einem exakten 3D-Modell der Landschaft. „Die von diesen Basisdaten ausgehenden Messungen sollten nicht von Archäologen durchgeführt werden, sondern von Experten“, betont François Bertemes. In Goseck und vielen anderen Anlagen übernahm dies Wolfhard Schlosser von der Universität Bochum. Der 2022 verstorbene Astrophysiker, der an der Entwicklung des Weltraumteleskops Hubble beteiligt war, projizierte 2004 mithilfe von GPS-gestützten Messungen die ursprüngliche Kreisgrabenanlage punktgenau in die neolithische Landschaft. Bei der Ermittlung der Horizontpunkte von Sonnenauf- und -untergang zu Beginn des 5. Jahrtausends v. Chr. berücksichtigte er etwa die Tatsache, dass die heutigen Sichtlinien erosionsbedingt rund einen Meter niedriger liegen.
Für Goseck konnte Schlosser nachweisen, dass die Sonne, vom Mittelpunkt der Anlage betrachtet, am Tag der Sommersonnenwende (21. Juni) hinter der südwestlichen Palisaden-Aussparung unterging. Am Tag der Wintersonnenwende (21. Dezember) ging sie hinter der südöstlichen Aussparung auf und hinter dem nordwestlichen Tor unter. Das Zeitfenster für die Wintersonnenwende wurde auf vier Tage genau bestimmt. Noch präziser gebaut ist das steinzeitliche Ganggrab in Newgrange (Irland) von 3000 v. Chr. Hier bahnt sich die Sonne nur am Wintersonnenwendtag ihren Weg durch einen rund einen Meter schmalen, 19 Meter langen Gang, an dessen Ende sie die Grabkammer ausleuchtet.
ROLF HEßBRÜGGE war während einer Englisch-Kursfahrt in der 11. Klasse in Stonehenge und hielt später ein Referat über die jungsteinzeitliche Kultstätte. Sein Werk ist heute verschollen.
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