Das Reisen war beschwerlich, damals vor etwa 4.600 Jahren. Wälder erstreckten sich im Herzen Europas, dazwischen ausgedehnte Moore, sumpfige Flussauen, aber auch weite Wiesen, auf denen Hirsche und Wisente grasten. Bären und Wölfe durchstreiften das Land. Ausgebaute Straßen gab es noch nicht. Dennoch waren die Menschen ausgesprochen mobil. Wer glaubt, dass unsere Vorfahren kaum jemals über ihre Dörfer und Äcker hinauskamen, liegt falsch. Die Menschen standen teils über Hunderte von Kilometern in Kontakt miteinander.
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Wer in die Ferne aufbrach, wanderte durch Flusstäler und auf Pfaden an Bachläufen entlang oder ließ sich in einfachen Booten mit der Strömung treiben. Zu Fuß ging es langsam voran. Vier bis fünf Wochen brauchte man für 500 Kilometer. Dennoch waren viele Menschen unterwegs, vom heutigen Spanien bis nach Dänemark und vom heutigen England bis weit in den Osten nach Ungarn – lange bevor die Römer Straßen bauten oder die Wikinger zu ihren Seereisen aufbrachen.
Man kann sich fragen, warum man sich mit den Netzwerken von damals beschäftigen sollte. Immerhin ist das alles sehr lange her. Doch Archäologen sprechen von einer außergewöhnlichen, faszinierenden Epoche: In der Ära vor 4.600 Jahren sehen sie den Vorläufer eines eng verbundenen Europas, den Vorabend der Globalisierung, eine Zeit, in der die Menschen erstmals enge Kontakte zwischen Siedlungen knüpften, die teils weit voneinander entfernt lagen. Ehe die ersten großen Fürstentümer entstanden und die Europäer in Kriegen um Macht und Besitz aufgerieben wurden, standen die Menschen über Hunderte von Kilometern miteinander in Verbindung, um Weltanschauungen, immaterielle Werte, aber auch Güter wie Bernstein, Kupfer oder Salz auszutauschen. Auch die Idee von monumentalen Pilgerzentren wie Stonehenge verbreitete sich in jener Zeit. Erst langsam beginnen die Forscher zu verstehen, was unsere Vorfahren antrieb.
Dass die Menschen damals unterwegs waren, steht außer Frage. Die Epoche zwischen 2750 und 2200 v. Chr. wird als Glockenbecherzeit bezeichnet – benannt nach einem Phänomen, das es in ganz Europa gab: Überall hat man in Gräbern aus jener Zeit die kleinen geschwungenen Keramikgefäße gefunden, die einer Glocke ähneln, die auf dem Kopf steht – mit der Öffnung nach oben. Jede Region hatte ihre eigene Variante. Mancherorts verzierte man die Glockenbecher mit Fischgrätmustern, anderswo mit Zickzacklinien. Doch die Grundform war überall gleich. Der Glockenbecher war eine Modeerscheinung, die sich über den ganzen Kontinent verbreitete.
Mithilfe von Erbgutspuren aus Menschenknochen, die in Gräbern gefunden wurden, haben Archäologen in den vergangenen zwei Jahrzehnten herausgefunden, woher die Ahnen der Glockenbecher-Idee ursprünglich stammten. Sie sind mit den Bewohnern der Steppen Osteuropas von weit hinter dem Schwarzen Meer nach Mitteleuropa gekommen. Fragt sich nur, wie die Idee sich so ungeheuer erfolgreich verbreiten konnte. Es scheint, als seien nicht die Glockenbecher selbst, sondern Rohstoffe die Triebkraft dieser prähistorischen „Globalisierung“ gewesen.
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Kreisgräben waren die „Kathedralen der Steinzeit“, dienten als Observatorien und Ritualstätten. Kosmologie und Kultisches waren eng miteinander verwoben.
Vor allem Kupfer war damals en vogue. Kupfer hatten die Menschen schon weit vor der Glockenbecherzeit genutzt, doch in jener Ära avancierte es europaweit zum angesagtesten Werkstoff überhaupt. Die Menschen erschlossen neue Lagerstätten. Kupfer war in größeren Mengen verfügbar. Männer trugen kleine Dolche und Beile aus Kupfer. Diese waren ganz offensichtlich weniger für den Kampf als für repräsentative Zwecke bestimmt, denn an den archäologischen Funden gibt es kaum Gebrauchsspuren. „Das waren Statussymbole, mit denen sich Männer aus den Eliten inszenierten. Die Glockenbecher-Leute standen auf das rotgolden glänzende Metall, auf ,Bling-Bling‘ – und zwar europaweit“, sagt Heiner Schwarzberg von der Archäologischen Staatssammlung in München.
Statussymbole und Eliten – aus heutiger Sicht klingt das selbstverständlich. Doch auch das war damals neu. „In der Zeit davor, in der Jungsteinzeit, war die Gesellschaft wesentlich egalitärer“, erklärt Schwarzberg. Kaum einer sei prächtiger als andere bestattet worden. Aus der Glockenbecherära aber stammen herausragende Gräber mit prächtiger Ausstattung – neben Glockenbechern auch Kupfer- und Goldschmuck. Nach dem Ableben spiegelte sich der Status im Grab wider. Manche Tote sollten für das, was nach dem Tod kommen mochte, bestens ausgestattet sein. Andere wurden posthum geradezu inszeniert. Metallurgen etwa, die sich auf die Bearbeitung von Metall verstanden, wurden mitsamt ihrem Werkzeug bestattet, um der Nachwelt zu zeigen, dass hier ein angesehener Experte begraben lag.
Das Metall und die Idee von Status und Ansehen verbreiteten sich in der Glockenbecherära bis in den hintersten Winkel Europas. Viele Menschen waren unterwegs, höchstwahrscheinlich vor allem Händler und Metallurgen. „Wobei man als Archäologe vorsichtig sein muss“, sagt Schwarzberg. „Man muss stets hinterfragen, was eigentlich gewandert ist: die Idee – von Mund zu Mund – oder auch die Menschen selbst und mit ihnen das Wissen um neue Techniken oder Weltanschauungen.“
Ein eindrucksvolles Bespiel für das Wandern von Spiritualität ist das Ringheiligtum von Pömmelte in Sachsen-Anhalt. In der Glockenbecherzeit entstanden hier Ringe aus Holzpalisaden. Der Durchmesser der Anlage und auch die Anordnung der Ringe ähnelt verblüffend dem Jahrhunderte älteren Stonehenge im Süden Englands (BDW 02|25). Beide sind in einer sakralen Landschaft von weiteren rituellen Orten umgeben, die sich entlang eines Flusses erstrecken – Pömmelte entlang der Elbe, Stonehenge entlang des River Avon. „Pömmelte ist deutlich jünger als Stonehenge, eine reine Kopie ist es aber ganz sicher nicht“, sagt Schwarzberg – unter anderem wegen der Holzbauweise, die das Innere nach außen abschirmte. Die Steinmonumente in Stonehenge hingegen waren nicht so geschlossen und von außen einsehbar. Wir gehen eher davon aus, dass in der Glockenbecherzeit die Idee der Ringheiligtümer aus dem Süden Britanniens bis nach Mitteleuropa gelangte – so, als hätte jemand, der davon gehört hatte, jemand anderem davon erzählt.“ Eine prähistorische „stille Post“ sozusagen.
Doch nicht nur die Ideen bewegten sich damals durch Europa, sondern auch die Menschen. Dafür gibt es inzwischen archäologische Belege. Im Jahr 2017 veröffentlichte eine internationale Forschergruppe eine Studie, mit der sie durch die genetische Analyse von rund 100 Skeletten zeigte, dass die Menschen der Glockenbecherzeit nicht nur auf dem Festland unterwegs waren, sondern ab etwa 2400 v. Chr. in großer Zahl auch nach Großbritannien einwanderten. Mit einer feindlichen Übernahme – wie sie für spätere Kriege typisch werden sollte – hatte das vermutlich weniger zu tun. Vielmehr vermischten sich während der Glockenbecherzeit alteingesessene Menschen mit eingewanderten.
Alte DNA offenbart Verwandtschaft
Eine viel beachtete Studien zu den Wanderungen der damaligen Zeit veröffentlichte im Jahr 2019 ein Team um den Archäologen Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Gruppe untersuchte Skelette aus Gräbern, die seit den 1980er-Jahren südlich von Augsburg im Lechtal entdeckt worden waren. Ein erheblicher Teil der Gräber gehörte zu Gehöften aus der Glockenbecherzeit. Über mehrere Jahrhunderte hatten die Menschen ihre Verstorbenen hier bestattet. Das Besondere: Die Wissenschaftler verknüpften zwei relativ neue naturwissenschaftliche Methoden – die Analyse von alter, prähistorischer DNA (alte DNA, aDNA) und von Strontium-Isotopen.
Durch die aDNA-Analyse ist es beispielsweise möglich, Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Menschen aufzudecken und regionale Eigenheiten zu erkennen. Die Strontium-Isotopie wiederum verrät, ob sich ein Mensch im Lauf seines Lebens aus der Region seiner Kindheit fortbewegt hat. Die Ergebnisse der Studie lösten damals weltweit ein Medienecho aus. Sie zeigten, dass über lange Zeit junge Frauen aus bis zu mehrere Hundert Kilometer entfernten Regionen ins Lechtal einwanderten. Dabei ging es sehr wahrscheinlich nicht darum, dass Frauen in reiche Familien einheirateten, sondern eher darum, die Verbindung zwischen weit entfernten Gruppen zu festigen. Ganz offensichtlich waren manche der eingewanderten Frauen hoch angesehen. Sie wurden nach ihrem Tod üppig mit wertvollen Grabbeigaben bestattet.
Die Studie war auch deshalb wegweisend, weil in den Daten klare hierarchische Unterschiede zu finden waren. Denn in den Gräberfeldern der Gehöfte fanden sich auch die Überreste von Menschen, die deutlich ärmlicher bestattet worden waren – und die nicht mit den örtlichen Bauernfamilien verwandt waren. Sie könnten als Gesinde oder „Unfreie“ auf den Höfen gearbeitet haben. Damit sind die Funde einige der ersten Belege für eine frühe „Klassengesellschaft“. „Mit unserer Arbeit ist es uns gelungen, Gräberfelder in Stammbäume zu verwandeln“, sagt Stockhammer.
Denen hat er mittlerweile noch weitere Geheimnisse entlockt. So zeigte sich, dass die aus der Ferne zugewanderten Frauen im Lechtal offenbar keine Nachfahren zeugten. „Wir finden hier keine weiblichen Linien zwischen Großmüttern, Töchtern oder Tanten, die darauf hindeuten“, sagt Stockhammer. Kinder wurden offenbar von Frauen geboren, die aus Süddeutschland stammten und in die Höfe eingeheiratet hatten, aber nicht von den ferneingewanderten Frauen. Stockhammer liefert eine mögliche Begründung: „Vieles deutet darauf hin, dass die jungen Frauen aus der Ferne als Ammen ins Lechtal kamen, um Kinder zu stillen“, sagt er. Man müsse wissen, dass Frauen Milch geben können, ohne schwanger gewesen zu sein – wenn man die Brust über längere Zeit massiere. „Die Situation im Lechtal zeigt, dass es damals möglicherweise schon deutlich komplexere Geschlechterrollen gegeben haben könnte, als wir dachten.“ Frauen waren Ammen, Mütter oder nahmen vielleicht noch ganz andere Rollen ein. In jedem Fall gab es schon damals mehr als das klassische Familienbild von Vater, Mutter und Kind.
Noch komplexer wird die Familiensituation im Lechtal der Glockenbecherzeit und der darauffolgenden frühen Bronzezeit dadurch, dass – gemäß den Strontium-Isotopendaten – mehrere der Männer zwar im Lechtal geboren wurden, hier aber nicht ihre Kindheit und Jugend verbrachten. Stockhammers Erklärung: Jungen sind im Alter von sieben bis acht Jahren als Pflegekinder in andere Regionen verschickt worden – und kehrten erst später zurück. Warum, ist bislang unklar. Für Stockhammer aber fügt sich alles zu einem Bild. Junge Frauen, die ins Lechtal einwandern, Jungen, die verschickt werden: Alles deutet darauf hin, dass sich in der Glockenbecherzeit ein komplexes Netzwerk zwischen den Regionen Europas bildete, das durch das Zu- und Abwandern von Mitgliedern verschiedener Familien eng geknüpft wurde. Auch könnte die Rollenverteilung auf den Gehöften oder das Verschicken der Kinder dazu beigetragen haben, das Überleben des Nachwuchses zu sichern. Viele helfende Hände, gegenseitige Unterstützung, könnten eine Lebensversicherung gewesen sein. Vielleicht waren die Menschen der Glockenbecherzeit deshalb so erfolgreich.
Bleibt die Frage, wie die Menschen der Glockenbecherzeit zueinanderfanden. Damals war Europa noch dünn besiedelt. Sehr wahrscheinlich kommen hier monumentale Anlagen wie Pömmelte und Stonehenge ins Spiel. Funde deuten darauf hin, dass dort unter anderem Rituale abgehalten und Tiere geopfert wurden. „Aber das ist sicher nicht alles“, sagt Stockhammer. „So große, aufwendige Anlagen hatten sicher nicht nur rituelle Funktionen. Sie dürften vor allem auch zentrale Versammlungsplätze gewesen sein.“ Versammlungsplätze mit einem Einzugsgebiet von mehreren Hundert Kilometern: Die Menschen könnten hier in großen Zeltlagern zusammengekommen sein – ein- oder zweimal im Jahr, zu einem großen Fest, um gemeinsam Rituale zu feiern, um Handel zu treiben, um Heiratspartner zu finden oder Pflegefamilien für die Jungen.
Dass Pömmelte eine große Nummer und ein Veranstaltungsort prähistorischer Märkte und Feste gewesen sein könnte, kann sich auch Franziska Knoll vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle gut vorstellen. „Wir haben in der Umgebung von Pömmelte die erste größere Siedlung der Glockenbecherzeit gefunden – insgesamt zwölf Häuser. Das ist enorm, weil aus dieser Epoche aus Mitteldeutschland bislang insgesamt nur sehr wenige Häuser bekannt sind“, erklärt die Archäologin. Und es kommt noch besser: Zum Ende der Glockenbecherära und zu Beginn der nachfolgenden frühen Bronzezeit wuchs die Siedlung von Pömmelte auf rund 130 Häuser an – für die damalige Zeit eine Metropole. Eigentlich wären das zu viele Häuser für eine Dorfgemeinschaft. Knoll geht daher davon aus, dass die Gebäude auch Besuchern des Ringheiligtums als Herberge dienten – sicherlich, weil der Ort an der Elbe ein Knotenpunkt der damaligen Handels- und Wegenetze war.
Reisen in prähistorischer Zeit, durch Wälder und Moore, bedroht von Bären und Wölfen? Philipp Stockhammer ist davon überzeugt, dass die Menschen, besonders junge Frauen und Kinder, nicht allein reisten: „Noch fehlen uns die archäologischen Nachweise, aber wir können wohl davon ausgehen, dass die Menschen der Glockenbecherzeit bereits in Gruppen oder sogar Karawanen unterwegs waren.“ Die hätten Schutz vor Angreifern und Tieren geboten. Davon geht auch Heiner Schwarzberg aus, der bei Ausgrabungen in Südosteuropa Hinweise auf prähistorische Rastplätze entlang der Wanderrouten gefunden hat. „Diese Siedlungen lagen meist in Tagesdistanz voneinander entfernt. Genau das könnte ich mir auch für Mitteleuropa und die Glockenbecherära vorstellen.“
Damit wären die Reisen der Glockenbecher-Leute nicht mehr ganz so einsam und beschwerlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Sicher wanderten nicht alle Menschen, viele blieben auf ihren Höfen. Möglicherweise waren neben einheiratenden Frauen und Pflegekindern vor allem Händler unterwegs. Doch eines ist sicher: Europa war vernetzt wie noch nie zuvor. Man hatte einen heißen Draht zu Freunden oder Handelspartnern und brach zu großen Festen in Pömmelte und anderswo auf – vor 4.600 Jahren nicht anders als heute. ■
Ahnenforschung mit aDNA und Isotopen
Archäologen setzen verstärkt auf naturwissenschaftliche Methoden, um die Herkunft von Menschen und deren Wanderrouten zu bestimmen. Eine Methode ist die Gensequenzierung, mit der sich unter anderem Verwandtschaftsbeziehungen entwirren lassen. Dazu werden aus den Skeletten DNA-Fragmente (alte DNA, aDNA) gewonnen. Vergleichsweise gut erhaltene aDNA-Bruchstücke findet man meist in Zähnen und in den geschützten Furchen des Felsenbeins, eines Schädelknochens.
Eine weitere Methode verwendet Strontium-Isotope, mit denen sich die Mobilität unserer Vorfahren aufklären lässt. Sie liefert zwar keine ortsgenaue Auflösung, in vielen Fällen aber kann man in Kombination mit anderen Methoden die Herkunftsregion abschätzen. Das Element Strontium wird über die Nahrung sowie das Trinkwasser aufgenommen und während der Zahnbildung unter anderem in den Zahnschmelz der Backenzähne eingebaut. Daher spiegeln die Anteile der darin enthaltenen verschiedenen Isotope – wie man die Varianten eines chemischen Elements nennt – deren Anteile im Untergrundgestein am Ort der Kindheit wider. Da sich die Isotopen-Zusammensetzung der Untergrundgesteine von Region zu Region unterscheidet, kann man erkennen, wenn ein Mensch nicht in seiner Heimat, sondern an einem anderen Ort bestattet wurde.
TIM SCHRÖDER ist Wissenschaftsjournalist aus Oldenburg. Er wäre gerne einmal ein Stück mit den Glockenbecher-Leuten durch Europa gewandert.
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