Seit Jahrhunderten strahlen die riesigen Steine von Stonehenge eine ungebrochene Faszination aus und inspirieren zu Spekulationen über ihren Ursprung und ihre Bedeutung. Neue wissenschaftliche Methoden ermöglichen inzwischen, immer mehr Fragen zu beantworten, und machen zugleich deutlich: Wer Stonehenge wirklich verstehen will, darf nicht nur auf die Steine schauen. Entscheidend sind die Menschen, die sie transportierten, aufrichteten und nutzten.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
„Mithilfe von genetischen Untersuchungen und Isotopenanalysen können wir heute viel darüber sagen, wer diese Menschen waren, woher sie kamen und wie sie lebten“, sagt der britische Archäologe Mike Parker Pearson vom University College London, der Stonehenge seit Jahrzehnten erforscht. „Außerdem haben wir in der Nähe von Stonehenge eine sehr große Siedlung ausgegraben. Wir nehmen an, dass es sich um das Lager der Erbauer von Stonehenge vor 4.600 Jahren handelt.“
Die Kombination dieser Hinweise ermöglicht einen erstaunlich detaillierten Blick in die Vergangenheit, der sogar weiter zurückreicht als der Steinkreis selbst. Schon lange bevor die ersten Steine aufgerichtet wurden, nahmen Menschen die Gegend auf der Salisbury Plain offenbar als besonderen Ort wahr. „Bereits vor etwa 9.000 Jahren errichteten mittelsteinzeitliche Jäger und Sammler riesige Holzpfähle in der Nähe der Stelle, an der sich heute Stonehenge befindet“, erzählt Parker Pearson.
Versammlungsorte der Jungsteinzeit
Doch nicht nur für die Jäger und Sammler, auch für die ersten Bauern, die vor etwa 6.000 Jahren nach Großbritannien kamen und damit den Beginn der Jungsteinzeit (Neolithikum) markierten, hatte die Gegend offenbar eine herausragende Bedeutung. Archäologische Funde zeigen, dass hier um 3700 v. Chr. ein riesiges Festmahl stattfand. „Die Menge an Rindern, Schweinen, Hirschen und anderen Tieren, die bei diesem einzigen Anlass verzehrt wurden, könnte etwa 1.000 Menschen ernährt haben“, berichtet Parker Pearson. Zu einer ähnlichen Zeit entstanden in dem Gebiet erste Grabhügel sowie mehrere große Versammlungsorte – und einige Hundert Jahre später, um 3000 v. Chr., begannen die neolithischen Bauern, die ersten Steine heranzuschaffen und aufzurichten.
Die Menschen, die an dieser monumentalen Aufgabe beteiligt waren, stammten nicht nur aus der direkten Umgebung, sondern auch aus weit entfernten Teilen Großbritanniens. An den Sauerstoff- und Strontium-Isotopen im Zahnschmelz einiger der in Stonehenge bestatteten Personen lässt sich ablesen, dass sie wohl in Wales aufwuchsen – ebenso wie eine ebenfalls in Stonehenge gefundene Kuh. Auch bis zu 80 Steine, die um diese Zeit in Stonehenge aufgerichtet wurden, die sogenannten Blausteine, stammen geologischen Analysen zufolge von der walisischen Küste aus den Preseli-Bergen. Jeder Einzelne dieser Steine hatte ein Gewicht von bis zu drei Tonnen und wurde zum etwa 240 Kilometer entfernten Stonehenge transportiert. Wahrscheinlich nutzten die Menschen Holzrollen und Schlitten, womöglich teilweise gezogen von Vieh, um die Monolithen über Land zu bewegen, sowie etappenweise Flöße, um sie über Flüsse und an Küstenlinien entlang zu transportierten.
Mehr aus Archäologie
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Archäologie.
Kreisgräben waren die „Kathedralen der Steinzeit“, dienten als Observatorien und Ritualstätten. Kosmologie und Kultisches waren eng miteinander verwoben.
„Das war ein gewaltiges Unterfangen, das die Menschen gemeinsam bewältigten“, sagt Parker Pearson. „Dieses Verständnis, dass es sich um eine gemeinschaftliche Anstrengung handelte, ist unglaublich wichtig.“ Aus seiner Sicht war die gemeinsame Arbeit nicht nur Mittel zum Zweck, sondern hatte in sich einen Sinn. Auch die Herkunft der Steine – die Blausteine aus Wales und ein weiterer Stein, der sogenannte Altarstein, aus dem rund 800 Kilometer entfernten nördlichen Schottland – hatte eine Bedeutung. „Wir nehmen an, dass diese Steine eine Relevanz in Zusammenhang mit den Ahnen hatten und zusammengeführt wurden, um das Volk Britanniens zu vereinen“, erklärt er. „Alle aktuellen Beweise deuten darauf hin, dass Stonehenge ein Monument der Einheit war.“
Gesellschaft im Umbruch
Die ikonischsten Steine, die sogenannten Sarsen mit den waagerechten Decksteinen, stammen aus einer Region rund 24 Kilometer nördlich von Stonehenge und kamen um etwa 2500 v. Chr. hinzu. „Etwa um diese Zeit gab es eine interessante Veränderung in der Bevölkerung“, berichtet Parker Pearson. „Dank genetischer Untersuchungen wissen wir, dass neue Menschen vom europäischen Festland nach Großbritannien kamen.“ Ihr archäologisches Vermächtnis kennzeichnet sich durch eine charakteristische Art von Keramik, die sogenannten Glockenbecher, sowie durch neue Bestattungsbräuche. Während bei den neolithischen Bauern Feuerbestattungen üblich waren, wurden die Glockenbecher-Leute in Gräbern mit Grabbeigaben bestattet.
Obwohl es sich nach aktuellem Wissensstand nicht um eine große Völkerbewegung handelte, sondern eher um Individuen und kleine Gruppen von Personen, die über weite Entfernungen reisten, bedeutete ihre Ankunft eine epochale Veränderung: Die Neuankömmlinge brachten Technologien mit, die den neolithischen Bauern unbekannt waren, darunter das Rad sowie die Fähigkeit, Metalle zu verarbeiten. „Der Vorabend dieses Wandels könnte der Auslöser für den erweiterten Bau von Stonehenge gewesen sein – also erneut der Versuch, ein Gefühl der Einheit der Insel wiederherzustellen, in dem Moment, als diese Einheit durch große sich anbahnende soziale sowie technologische Veränderungen infrage gestellt wurde und bedroht war“, sagt Parker Pearson.
Keine ausgeprägten Hierarchien
Doch wer organisierte einen solchen Bau? Waren es mächtige Eliten, die andere dazu zwangen, tonnenschwere Felsbrocken teils über Hunderte von Kilometern zu transportieren und bei Salisbury Plain zu einem Monument aufzurichten? Laut Parker Pearson gibt es für ein solches Szenario keine überzeugenden Hinweise. Stattdessen deutet alles darauf hin, dass die damalige Gesellschaft wenig hierarchisch aufgebaut war. Aus der Zeit vor der Ankunft der Glockenbecher-Leute finden sich weder reiche Gräber noch außergewöhnliche Häuser, die auf höhergestellte Persönlichkeiten hinweisen würden.
„Es sieht danach aus, dass die Gesellschaft wirklich das Kollektiv und die Gemeinschaft betonte“, sagt Parker Pearson. „Das entspricht auch ethnografischen Erkenntnissen über andere Gesellschaften, die eine Tradition des Megalithenbaus haben: Es geht dabei um Kollektivität und gemeinschaftliche Anstrengung.“ Diese Ideologie spiegelt sich seiner Ansicht nach auch in der Architektur der Kreise: In einem Kreis steht niemand an erster Stelle und niemand an letzter Stelle. Jeder bildet einen gleichberechtigten Teil des Ganzen.
Siedlung der Stonehenge-Erbauer
Einen großen Teil des Jahres über lebten diese Menschen wahrscheinlich weit verstreut in kleinen Familienverbänden. Doch bei Stonehenge kamen sie in großer Zahl zusammen. Nur etwa 2,5 Kilometer von Stonehenge entfernt, bei Durrington Walls, haben Parker Pearson und sein Team eine riesige Siedlung ausgegraben, in der wahrscheinlich die Erbauer von Stonehenge vor rund 4.600 Jahren lebten. „Die riesige, fast schon stadtähnliche Anlage erstreckte sich über eine Fläche von etwa 17 Hektar und ist die größte neolithische Siedlung, die wir in ganz Großbritannien kennen“, berichtet Parker Pearson.
Erhalten sind die Grundrisse kleiner quadratischer Häuser, die etwa fünf mal fünf Meter maßen und in der Mitte mit einer zentralen Feuerstelle ausgestattet waren. An den Rändern lassen sich sogar noch die Abdrücke von Holzmöbeln erkennen. „Das Holz ist natürlich längst verschwunden, aber an den Spuren können wir erkennen, dass es sich um Betten unterschiedlicher Größe handelte“, erzählt Parker Pearson. So gibt es große Betten für Erwachsene und kleine Betten für Kinder. „Das ist wirklich interessant, denn es zeigt uns, dass ganze Familien um 2500 v. Chr. nach Stonehenge kamen.“
Nahrungsüberreste lassen darauf schließen, dass die Siedlung vor allem während der Winter bewohnt war. Im Frühling geborene Schweine aus verschiedenen Teilen Großbritanniens wurden hier im Alter von etwa neun Monaten geschlachtet – teils offenbar im Rahmen großer Feste. „Wir gehen davon aus, dass die Menschen diese Tiere als Teil der Vorräte für die Bauarbeiten und die Feierlichkeiten mitbrachten. Wir haben sehr gute Belege für Festmähler, für die große Mengen an Tieren importiert wurden“, erklärt Parker Pearson. „Wenn man ein riesiges Bauwerk wie Stonehenge errichten will, sind solche Feste wichtig, um die Menschen tatsächlich dazu zu bewegen, dort zu sein und mitzumachen.“
Zentrum der Kommunikation
Stonehenge könnte damit auch ein wichtiges Zentrum gewesen sein, um über große Entfernungen Kontakt zu halten. Die Menschen waren sehr mobil – und das, obwohl sie lange Zeit weder das Rad kannten noch Pferde nutzten. Sie verbrachten ihr Jahr nicht in dauerhaften Siedlungen, sondern trieben ihre Tiere saisonal zu Sommerweidegründen und Winterweidegründen. Vor diesem Hintergrund hatten die Sonnenwenden wahrscheinlich eine besondere Bedeutung: Sie markierten Zeitpunkte, die sich von überall nachvollziehen lassen, egal, wo man sich gerade aufhält.
Wenn die Menschen also zur Wintersonnenwende in Stonehenge zusammenkamen, konnten sie bereits Wochen zuvor am Stand der Sonne ablesen, dass bald die Zeit der Gemeinschaft und der Feierlichkeiten nahte, und sich rechtzeitig auf den Weg machen. „Die Überreste, die wir in Durrington Walls gefunden haben, deuten darauf hin, dass die Menschen nicht ausschließlich zur Sonnenwende nach Stonehenge kamen, sondern jeweils für einige Monate davor und danach“, erklärt Parker Pearson. „Sie brachten ihr Vieh und all ihre Vorräte mit, und ich gehe davon aus, dass sie dort blieben, bis alles aufgegessen war.“
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Doch nicht nur für die Menschen vor Tausenden von Jahren war Stonehenge ein Ort der Gemeinschaft und des Austauschs. Heute ist das Monument ein Anziehungspunkt für Scharen von Touristen – und bringt auch zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen zusammen. Forschende aus den Bereichen Archäologie, Genetik, Ingenieurwissenschaften, Physik und Geologie arbeiten gemeinsam daran, die Geheimnisse von Stonehenge zu ergründen. Immer wieder führen diese Kooperationen zu Erkenntnissen, die ohne die interdisziplinäre Herangehensweise kaum möglich gewesen wären.
So kooperierte Parker Pearson etwa mit Fachleuten aus der Geologie, um nähere Informationen über die in Stonehenge verbauten Blausteine zu erhalten. Chemische und gesteinskundliche Analysen der Monolithen enthüllten die Preseli-Berge als ihren exakten Herkunftsort. „Also fuhren wir dorthin und führten Ausgrabungen durch“, erzählt der Archäologe. Das Ergebnis hätte er sich nicht träumen lassen: „An einem Megalith-Steinbruch fanden wir genau an der vorhergesagten Stelle eine Lücke, wo ein Stein für Stonehenge entfernt worden war. Erstaunlicherweise hatten die Menschen vor über 4.600 Jahren sogar die Steinkeile zurückgelassen, die sie nutzten, um die Blausteine abzubauen.“
Die Kombination aus geologischen Untersuchungen des Gesteins und archäologischen Ausgrabungen ermöglichte wertvolle Erkenntnisse hinsichtlich der Frage, wie es gelingen konnte, die tonnenschweren Felsen aus dem Steinbruch herauszulösen: Die Formation in den Preseli-Bergen war einst durch vulkanische Aktivität entstanden und so geformt, dass die Steine eng aneinandergeschmiegte Säulen bildeten. „Man musste also einfach nur Keile dazwischenklemmen und sie dann vorsichtig aus der Felswand lösen“, erklärt Parker Pearson. Die steinzeitlichen Erbauer von Stonehenge nutzten diese natürliche Besonderheit offenbar geschickt aus.
Verbindung über Jahrtausende
Wenn Parker Pearson heute in Stonehenge steht und seinen Blick über die gewaltigen Steine schweifen lässt, kreisen seine Gedanken nicht nur um die Vergangenheit, sondern vor allem um die Zukunft. „Wir haben das große Glück, in einer Zeit mit außergewöhnlichen wissenschaftlichen Entwicklungen zu leben“, sagt er. „Wer hätte gedacht, dass wir aus dem kleinsten Knochenstück ein ganzes Genom rekonstruieren können? Und mit neuen Methoden, die noch kommen werden, werden wir noch viel mehr herausfinden können als heute.“
Für ihn ist die archäologische Arbeit stets auch mit einer Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen verbunden. „Deshalb müssen wir vorsichtig sein mit dem, was wir ausgraben, denn es wird hoffentlich noch über Jahrtausende hinweg Menschen geben, die Fragen stellen wollen.“ So gewinnt die einende Bedeutung von Stonehenge noch eine weitere Dimension: Das Monument verband nicht nur vor Jahrtausenden die Menschen Großbritanniens und versammelt heute Forschende verschiedenster Disziplinen, sondern schlägt auch eine Brücke in die Zukunft zu all jenen, die seine Geschichte bewahren, erforschen und neu erzählen werden. ■
Woher stammt der Altarstein?
In der Mitte von Stonehenge befindet sich ein etwa fünf Meter langer, sechs Tonnen schwerer, am Boden liegender Sandstein, der der Wissenschaft bis heute Rätsel aufgibt. Lange nahmen Forschende an, er käme ebenso wie die Blausteine von der walisischen Westküste. Doch 2023 enthüllten Gesteinsanalysen, dass das Material aus einer anderen Region stammen muss. Aber woher? Eine Antwort lieferten 2024 weitere Untersuchungen, die belegten, dass die Zusammensetzung des Altarsteins mit Sedimenten im Nordosten Schottlands übereinstimmt – rund 800 Kilometer von Stonehenge entfernt.
Aber wie konnte der Stein diese weite Reise zurücklegen – in einer Zeit, in der in Großbritannien noch nicht einmal das Rad bekannt war? Eine Hypothese: Womöglich waren es gar nicht Menschen, sondern gewaltige Gletscher der Eiszeit, die den Stein bis nach Südengland transportierten. Wenn das der Fall wäre, müssten sich heute noch in den Sedimenten rings um Stonehenge Mineralien finden, die ursprünglich aus dem Norden Schottlands stammen. Doch wie eine Analyse von Forschenden um Anthony Clarke von der Curtin University im australischen Perth im Januar 2026 zeigte, trifft das nicht zu. Auch eine weitere Studie von Clarke und seinem Team von Juni 2026, die Gletscherbewegungen rekonstruierte, kam zu dem Ergebnis, dass der Altarstein allenfalls einen Teil der Strecke auf diese Weise gereist sein könnte.
Parker Pearson hält es für plausibel, dass es tatsächlich Menschen waren, die den riesigen Stein die gesamte Strecke von Nordschottland bis Südengland transportiert haben. „Wir wissen, dass es Verbindungen zwischen diesen weit voneinander entfernten Regionen gab“, erklärt er. Bei einer Person, deren Leichnam in Stonehenge eingeäschert wurde, fand sich der steinerne Kopf eines Streitkolbens, der stilistisch Exemplaren von den schottischen Orkney-Inseln ähnelt. „Außerdem gab es auf den Orkney-Inseln ein bedeutendes zeremonielles Zentrum, das ähnliche Merkmale wie Stonehenge aufweist“, so Parker Pearson. „Das deutet darauf hin, dass es eine echte Vernetzung gab.“ Wie der Transport allerdings stattgefunden haben könnte – über Land oder auf dem Wasser – ist bislang weiterhin ein Rätsel.
ELENA BERNARD war überrascht, wie viel Zähne, Siedlungsreste und die Steine selbst über die Erbauer von Stonehenge verraten.
BDW PlusArchäologie
Der Vorabend der Globalisierung
18. September 2026
Nie zuvor haben sich die Menschen in Europa so stark vernetzt wie in der Glockenbecherzeit um 2500 v. Chr. Was trieb die Menschen an? Und welche Rolle spielten…
BDW PlusArchäologie
Uralte Geheimnisse
18. September 2026
Eine Sonderausstellung der Archäologischen Staatssammlung präsentiert das südenglische Stonehenge mit Blick auf seine Bedeutung für Mitteleuropa.
Archäologie
Gibt es weitere Kammern hinter Tutanchamuns Grab?
18. September 2026
Untersuchungen liefern neue Indizien dafür, dass sich hinter dem Königsgrab weitere Räume verbergen – vielleicht sogar das Grab einer lange gesuchten Königin.