Die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun im Jahr 1922 war eine der größten Sensationen der Archäologie. Die intakte Mumie samt goldener Totenmaske und die reichen Grabeigaben machten den jung gestorbenen Pharao und seine Schätze weltweit bekannt. Doch das Grab des Tutanchamun im Tal der Könige wirft bis heute Fragen auf: Für ein Königsgrab ist diese KV62 getaufte Anlage ungewöhnlich klein. Zudem scheinen einige Kartuschen mit Tutanchamuns Namen zuvor einen anderen Namen getragen zu haben.
Liegt Nofretete hinter Tutanchamuns Grab?
Bereits 2015 vermutete der Archäologe Nicholas Reeves von der University of Arizona deshalb, dass Tutanchamuns Grab eine Notlösung war: „Ich denke, dass Tutanchamuns Grab eigentlich das Grab einer Königin war“, sagte Reeves. Doch als der junge Pharao unerwartet früh starb, wurde das ursprünglich für seine Schwiegermutter Nofretete gedachte Grab baulich verändert, im vorderen Teil erweitert und als Königsgrab zweckentfremdet.
Doch wo liegt dann Nofretete? Ihr Grab wurde bislang nicht gefunden. An diesem Punkt kommt laut Reeves und einigen seiner Kollegen das Grab KV62 ins Spiel: Sie vermuten, dass sich hinter den bekannten Grabkammern des Tutanchamun weitere Räume verbergen, in denen die ägyptische Königin bestattet liegt. 2016 fanden die Archäologen nach hochaufgelösten Scans der Grabwände und Messungen mit Bodenradar mögliche Indizien für zugemauerte Öffnungen und zwei weitere Kammern hinter den Grabwänden. Allerdings blieben die Resultate uneindeutig und umstritten.

Plan des Grabs von Tutanchamun. Hinter den Rückwänden der unteren Kammern (hier links im Plan) zeigen Messungen mögliche weitere Hohlräume. — © Roger469/ CC-by-sa 3.0
Mit Bodenradar und Mikrogravitationssensoren
Jetzt gibt es neue Anhaltspunkte: Ein Team um Reeves und den ehemaligen ägyptischen Minister für Altertümer Mamdouh Eldamaty von der Ain-Shams-Universität in Kairo hat von 2023 bis 2024 weitere Untersuchungen im Grab des Tutanchamun durchgeführt. Sie nutzten neben Bodenradar auch Mikrogravitationsmessungen, um die Struktur der hinter dem Grab liegenden Bereiche genauer zu analysieren. Zusätzlich werteten sie noch einmal alle bisher durchgeführten Untersuchungen aus.
Die Ergebnisse könnten dafürsprechen, dass es hinter Tutanchamuns Grab noch weitere Strukturen gibt. Wie Reeves und sein Team berichten, sprechen die neuen Radaranalysen für die Präsenz eines rund zwei Meter breiten Korridors hinter einer der Rückwände. Dieser Gang sei größtenteils mit Geröll angefüllt. Dies sei auch der Grund, warum frühere Fahndungen nach Hohlräumen keine eindeutigen Resultate liefern, so das Team.
Zwei Räume und ein Korridor
Die Mikrogravitationsmessungen lieferten ebenfalls Hinweise auf Räume hinter dem Grab. Den Archäologen zufolge zeigten sich Anomalien, die auf Bereiche mit verringerter Dichte und geraden Winkeln im Untergrund hindeuten. Interessanterweise decken sich Lage und Größe dieser Anomalien mit den Ergebnissen früherer Leitfähigkeitsmessungen im Grab KV62. Nach Ansicht von Reeves und seinen Kollegen sprechen ihre Daten für die Existenz von mindestens zwei weiteren Kammern an der Rückseite von Tutanchamuns Grab.
„Zusammengenommen stützten unsere Ergebnisse die Annahme, dass das Grab KV62 wahrscheinlich umfangreicher ist als bislang angenommen und dass es schon vor der Beisetzung Tutanchamuns bestand“, schreiben die Archäologen. Allerdings räumen sie auch ein, dass auch die neuen Messergebnisse keine endgültige Klarheit liefern konnten. Denn die Reichweite des Bodenradars ist zu begrenzt, um weit genug in den Bereich hinter dem Grab vorzudringen. Die Mikrogravitationsmessungen wurden in Teilen durch benachbarte Grabanlagen beeinträchtigt.
Bohrlöcher könnten mehr verraten
Um Klarheit zu schaffen, schlagen die Archäologen nun vor, einige wenige Zentimeter große Löcher in die Rückwand von Tutanchamuns Grab zu bohren. Durch diese könnte man kleine Miniroboter mit Kameras und Sensoren schicken, um genauer zu erkunden, was sich dort verbirgt. Ein solcher Eingriff erfordert allerdings die offizielle Erlaubnis der ägyptischen Altertümerbehörde. Reeves und seine Kollegen haben die Genehmigung bereits beantragt. Wird sie erteilt, könnte diese Erkundung schon m November 2026 beginnen.
Sollten die Forschenden dann fündig werden, „wäre dies eine der bahnbrechendsten archäologischen Entdeckungen der modernen Zeit“, sagte Co-Autor George Ballard gegenüber Nature. Andere Archäologen halten die neuen Daten und ihre Interpretation zwar für vielversprechend, warnen aber vor überzogenen Erwartungen. „Dies sind durchaus Indizien dafür, dass dort etwas ist“, kommentierte der Ägyptologe Ray Johnson im Nature-News-Beitrag. Aber bei den Räumen könnte es sich auch um Lagerräume statt eines Königinnengrabes handeln. Aber auch das könnte spannend sein.
Quelle: Mamdouh Eldamaty (Ain Shams University, Kairo) et al., Occasional Papers of the Amarna Royal Tombs Project No. 8, 2026; Nature News





