Homers Werke „Ilias“ und „Odyssee“ gelten bis heute als wegweisend. Die um 700 vor Christus entstandenen Heldenerzählungen schildern den Kampf um Troja und die zehn Jahre dauernden Irrfahrten des Odysseus beim Versuch, nach diesem Krieg ins heimische Ithaka zurückzukehren. Im Sommer 2026 erlebte die Odyssee durch den erfolgreichen Kinofilm des Regisseurs Christopher Nolan eine Renaissance und erhielt weltweite Aufmerksamkeit.
Textfragment aus dem zwölften Buch der Odyssee
Jetzt zeigt ein überraschender Fund in Utrecht, dass Homers Odyssee schon vor rund 1700 Jahren auch in Ägypten verbreitet war und gelesen wurde. Eigentlich wollte der Historiker Mark de Kreij von der Radboud University in der Universitätsbibliothek Utrecht nur einige frühchristliche Manuskripte studieren. Diese Pergamente waren vor wenigen Jahrzehnten aus der Sammlung eines deutschen Gelehrten angekauft worden. Der Großteil dieser Texte war in ägyptischer Sprache, aber griechischer Schrift verfasst, wie für solche koptischen Manuskripte aus dem 7. Jahrhundert üblich.
Doch zwischen diesen spätantiken Manuskripten entdeckte de Kreij ein kleines, durchlöchertes Pergamentstückchen. Das rund sieben mal acht Zentimeter kleine Fragment war mit griechischen Versen in einer kleinen, säuberlichen Handschrift beschrieben. Nähere Untersuchungen enthüllten, dass dieses Fragment älter war als der Rest: Es stammte aus der Zeit um das Jahr 300. Noch spannender jedoch war der Inhalt des Funds: Es waren Verse aus Homers Odyssee.
Geschlachtete Rinder und der Zorn des Sonnengotts Helios
Das neu entdeckte Fragment enthält einen Abschnitt aus dem zwölften Buch der Odyssee, der einen entscheidenden Wendepunkt in Odysseus Reise markiert. „Es gibt viele langweilige Abschnitte in der Odyssee, aber dies ist einer der interessanten“, sagte de Kreij in einem Interview mit RTV Utrecht.
In diesem Buch schildert Odysseus, wie er und seine Mannschaft kurz nach ihrer Passage der Meerenge zwischen Scylla und Charybdis die Insel Thrinakia erreichen, auf der die Rinder des Sonnengottes Helios weiden. Odysseus war zuvor bei seinem Besuch in der Unterwelt und auch von der Zauberin Circe davor gewarnt worden, diese Rinder zu rauben oder zu schlachten.
Doch die Mannschaft des Odysseus besteht darauf, auf der Insel mit den Helios-Rindern zu landen. Nach wochenlanger Flaute, die ihre Weiterfahrt verhindert, schlachten die Männer trotz Odysseus‘ ausdrücklichen Verbots einige der heiligen Rinder. Das jetzt entdeckte Textfragment beschreibt den Moment, in dem der Sonnengott Helios dieses Sakrileg bemerkt. „Dies ist ein entscheidender Wendepunkt in der Odyssee“, erklärt die Universität Utrecht. Denn diese Tat bringt den Zorn der Götter über Odysseus und seine Mannschaft. Als Folge verlängert sich ihre Irrfahrt um Jahre und nur Odysseus überlebt.
Fragment aus einer Taschenausgabe des antiken Bestsellers
Die Entdeckung dieses Textes auf einem antiken Pergamentstück ist eine echte Rarität. Denn weltweit sind bisher nur rund 30 solcher Fragmente des zwölften Buchs der Odyssee bekannt. Das Pergament stammt wahrscheinlich aus einer Art „Taschenausgabe“ der Odyssee und ist ein Beleg dafür, dass sich Homers Werk schon vor rund 1700 Jahren großer Beliebtheit erfreute, wie die Universität Utrecht erklärt.
Homers Epos war offenbar schon damals so verbreitet, dass es bis nach Ägypten in die Oasenstadt Fayum gelangte. Dort geriet ein Fragment dieses antiken „Taschenbuchs“ dann später zwischen frühchristliche Schriften und blieb dort jahrhundertelang verborgen, bis de Kreij es nun zufällig wiederentdeckte.
Quelle: Universität Utrecht





