Das römische Reich erstreckte sich in seiner Blütezeit um das Jahr 115 über drei Kontinente und mehr als 5,5 Millionen Quadratkilometer. Es reichte von Westeuropa und Nordafrika bis nach Mesopotamien und ans Kaspische Meer. Entsprechend ausgedehnt und umfangreich war auch das römische Straßennetz: Um Güter und Menschen in Städte, Dörfer und ferne Provinzen zu bringen, konstruierten die Römer ein riesiges Netzwerk befestigter Straßen.
Das römische Straßennetz war entscheidend für Militär, Handel und die Versorgung der Bevölkerung, aber auch für die Ausbreitung von Technologien, kulturellen Bräuchen und Religionen. Das System der Römerstraßen war zudem wegweisend in seiner Bauweise und Struktur – und eine Blaupause für viele heutige Verkehrsverbindungen.
300.000 Kilometer Römerstraßen interaktiv
Doch wie zutreffend sind unsere gängigen Annahmen zum römischen Straßennetz? Führten wirklich „alle Wege nach Rom“? Und wie gut schafften es die Römer, trotz Gebirgen, Flüssen und anderen Hindernissen ihre Straßen gerade und nicht zu steil zu bauen? Diese Fragen haben nun Adam Pažout und Tom Broughmans von der Universität Aarhus und ihre Kollegen genauer untersucht.
Dafür nutzte das Team die von ihnen entwickelte interaktive Karte der Römerstraßen (Itiner-e), die knapp 300.000 Kilometer des römischen Straßennetzes zeigt. Auf Basis dieser Kartierung untersuchten die Forschenden drei Kernfragen: Waren die Römerstraßen wirklich vorwiegend gerade und eben? Wie stark haben sie das heutige Straßennetz beeinflusst? Und wie zentral waren römische Großstädte und Rom in diesem Straßennetz?
Byzanz war zentraler als Rom
Ein überraschendes Ergebnis der Analysen: Rom bildete keineswegs das Zentrum des römischen Straßennetzes. „Entgegen dem Sprichwort ‚Alle Wege führen nach Rom‘ waren andere wichtige Städte wie Antiochia, Ankyra, Byzanz und Korinth als Knotenpunkte für die überregionale landgebundene Mobilität besser angebunden als Rom“, berichten Pažout und sein Team. Demnach lag Rom zwar innerhalb Italiens zentral, aber nicht an einer der am besten vernetzten Hauptstraßen des römischen Reichs.
Stattdessen lag eine andere bedeutende Großstadt des römischen Reiches noch zentraler: Byzanz. Das spätere Konstantinopel bildete den größten Knotenpunkt im römischen Straßennetz, wie die Analysen ergaben. Der Grund dafür: Anders als Rom lag Byzanz am Schnittpunkt zweier Kontinente. Die Stadt am Bosporus verband den europäischen Teil des römischen Reichs mit den Provinzen im Nahen Osten und in Asien – und lag damit am Schnittpunkt vieler bedeutender Fernverbindungen.

Bedeutung römischer Hauptstraßen auf der Ebene des gesamten römischen Reichs. Die römische Stadt Byzanz lag an der Hauptachse der Verkehrsadern. — © Pažout et al./ Nature, CC-by 4.0
Flüsse, Küsten und die römische Grenze
Die Struktur des römischen Straßennetzes zeigt aber auch, welche Faktoren den Verlauf der römischen Routen und ihrer Knotenpunkte prägten: Entlang von Flüssen und Meeresküsten verliefen besonders viele Römerstraßen, beispielsweise in den Flusstälern von Po, Rhein, Donau oder Drava. „Aber auch an kulturelle Merkmalen wie den römischen Grenzen und wichtigen urbanen Ballungsräumen war das Straßennetz besonders dicht und gut ausgebaut“, berichten Pažout und seine Kollegen.
Eine besondere Rolle nehmen römische Städte an Flüssen und Meeresküsten ein: Sie erscheinen in der Straßenkarte zwar nicht als zentrale Knotenpunkte, waren aber dennoch wichtige Verkehrsknoten des römischen Reichs, wie die Forschenden erklären. London, Köln, Karthago, Alexandria oder der Hafen von Rom waren große Umschlagplätze für die per Schiff importierten Waren und Versorgungsgüter. Hier könne die Karte der Römerstraßen die wahre Bedeutung dieser Orte nur bedingt abbilden, so das Team.

Römerstraße in Ostia, dem alten Hafen der Stadt Rom. — © Tom Brughmans
Gerade und eben dank fortgeschrittener Technik
Die Analysen beleuchten auch die technische Qualität des römischen Straßenbaus: Dort, wo die Landschaft dies zuließ, verliefen die Römerstraßen tatsächlich schnurgerade. „Fortgeschrittene Vermessungs- und Bautechniken erlaubten es den römischen Ingenieuren, selbst schwieriges Gelände zu überwinden und auszugleichen“, erklärt Pažout. Die Straßenbauer terrassierten Hänge, durchschnitten Felsbarrieren und konstruierten Brücken und Mauern, um ihre Straßen möglichst eben und gerade zu machen.
Dadurch verliefen die Hauptverbindungen des römischen Straßennetzes tatsächlich ähnlich gerade wie moderne Straßen. Für lokale und regionale Straßen, vor allem in schwierigem Gelände, galt dies jedoch nicht. Sie folgten oft der Landschaft oder natürlichen Hindernissen. Aber dennoch: “Die große Mehrheit der Römerstraßen – 90,57 Prozent – hatte eine Steigung oder ein Gefälle von weniger als neun Grad“, berichten die Forschenden. Sie waren damit eben genug, um von Wagen und Karren befahren zu werden – dies galt selbst für die Römerstraßen in den Alpen.
Basis für Mobilität und Austausch
Insgesamt liefern diese Erkenntnisse neue Einblicke darin, wie die Römer ihr riesiges Reich zusammenhielten und strukturierten. „Der Straßenbau schuf die Basis für Mobilität und Transport im römischen Reich und seinen Territorien“, erklären Pažout und seine Kollegen. „Die Römerstraßen waren das Medium, das den Fluss von Menschen, Tieren, Krankheiten, Gütern und Ideen strukturierte.“ Ihr Verlauf beeinflusste die Verkehrsnetze noch über Jahrhunderte hinweg, noch heute folgen viele Autobahnen und Landstraßen alten Römerstraßen.
Noch sind aber längst nicht alle Geheimnisse des römischen Verkehrsnetzes gelüftet, wie die Forschenden betonen. So berücksichtigt ihre Kartierung beispielsweise nicht, wann welche Römerstraßen gebaut wurden. Dadurch lässt sich die zeitliche Entwicklung des Straßennetzes während der Römerzeit nicht rekonstruieren. Außerdem fehlen Informationen über Seewege, die für das römische Reich eine bedeutende Rolle spielten. Es gibt daher noch viel Raum für zukünftige Erweiterungen und Analysen.
Quelle: Adam Pažout (Aarhus University) et al., Nature Communications, 2026; doi: 10.1038/s41467-026-75453-3





