Nach einer Krebsdiagnose stellen sich viele Patienten die Frage: Warum gerade ich? Bin ich selbst schuld? Habe ich vielleicht ein zu stressiges Leben geführt? So glaubt jede zweite Brustkrebspatientin, dass ihre Krankheit die Folge eines schlimmen Ereignisses war – einer Abtreibung, einer konfliktreichen Scheidung oder der Krankheit eines nahestehenden Menschen. Ebenso viele Gesunde nennen laut einer aktuellen Umfrage der Internationalen Vereinigung gegen Krebs (UICC) „ Stress” als Mitverursacher von Tumorerkrankungen.
Auch in zahlreichen Ratgebern findet man die Annahme, Krebs treffe vor allem Personen, die ihre Gefühle unterdrücken, die extrem angepasst und altruistisch handeln, dabei aber depressiv und gefühlskalt sind – also eine „Krebspersönlichkeit” oder auch „ Typ-C-Persönlichkeit” hätten. Diesen Begriff prägten die kalifornischen Wissenschaftler Lydia Temoshok und Andrew Kneier in den 1980er-Jahren. Die Theorie wurde nie bewiesen, überlebte aber – bis heute. So vertritt etwa der französische Neurowissenschaftler David Servan-Schrei ber, selbst einst an einem Hirntumor erkrankt, in seinem Werk „Das Anti-Krebs-Buch” die Meinung, Typ-C-Persönlichkeiten hätten sich als Kinder oft nicht ganz willkommen gefühlt.
Das Gros der Experten hält solche Behauptungen jedoch für überholt, zumindest aber für unbewiesen. „Isolierte Persönlichkeitsmerkmale oder Charakterzüge sind mit Sicherheit nicht mit der Krebsentstehung verknüpft”, sagt etwa Volker Tschuschke, Psychoonkologe an der Universität Köln. „Bei der Krebsentstehung spielen viele Faktoren zusammen, etwa genetisches Erbe, Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen oder Chemikalien.” Auch Joachim Weis, Psychoonkologe in der Klinik für Tumorbiologie an der Universität Freiburg, versichert: „Die Studienlage sagt uns, dass man von der ‚Krebspersönlichkeit‘ heute Abstand nehmen muss.” Eine Studie von Eveline Bleiker, Psychologin an der Universität Amsterdam, hat das kürzlich wieder bestätigt: Frauen, die an Brustkrebs erkranken, sind nicht häufiger ängstlich, pessimistisch oder gefühlskalt als Gesunde. An Bleikers Studie hatten mehr als 9000 Frauen über 13 Jahre teilgenommen.
In der Vergangenheit hatten Untersuchungen zur Krebspersönlichkeit widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Viele dieser Arbeiten gelten heute jedoch als mangelhaft. Ein Grund: Häufig wurden bereits Erkrankte nach ihrem Befinden vor der Diagnose befragt. Man weiß heute aber, dass Kranke die Vergangenheit eher negativ bewerten, um für ihre Krankheit eine Erklärung zu finden. Auch leiden viele Patienten nach der traumatisierenden Diagnose Krebs unter depressiven Zuständen. Schließlich bringt eine Tumor-Erkrankung häufig Schmerzen mit sich, Nebenwirkungen der Chemotherapie, Krankenhausaufenthalte – und Todesangst. Ein anderes Problem sieht der Kölner Wissenschaftler Tschuschke in der Befragungstechnik: „In den meisten Studien wird mit Fragebögen gearbeitet. Aber nur in halbstrukturierten Interviews bekommt man objektive Aussagen über Verhaltensweisen oder Charakterzüge.”
Stress KANN AUCH SCHÜTZEN
Ob psychosoziale Stressfaktoren wie Schockerlebnisse, wenig soziale Kontakte oder Unzufriedenheit am Arbeitsplatz das Krebsrisiko erhöhen, ist bislang ungewiss. In einer Meta-Studie fand die Forscherin Yoichi Chida von der University of London 2008 zwar heraus, dass in einigen Studien psychosoziale Stressoren durchaus mit Krebsdiagnosen in Zusammenhang standen. 70 Prozent der insgesamt 548 untersuchten Studien zeigten jedoch gar keinen, einzelne sogar einen schützenden Effekt.
Doch wie könnte die Psyche überhaupt Einfluss auf das Krebsgeschehen nehmen? Tatsache ist, dass das Immunsystem durch psychische Belastungen verändert wird. Seit den 1980er-Jahren versucht die Psychoneuroimmunologie (PNI) Licht in die Verflechtung von Körper und Psyche zu bringen. So werden bei Stress oder Trauer die Hormone Cortisol und Noradrenalin aus der Hypophyse freigesetzt. Diese docken an Rezeptoren auf Immunzellen an, woraufhin einige von ihnen Entzündungsfaktoren freisetzen, die die Entwicklung von Krebszellen begünstigen. Das Abwehrsystem wird gleichsam blockiert. Und – so lautet die Theorie – der Körper kann in diesem Zustand entartete Zellen oder Mikrotumore nicht mehr zerschlagen.
EINE THEORIE ohne BEWEISE
Ob der ständige Streit mit dem Chef oder der Verlust eines Kindes aber tatsächlich das Immunsystem so stark beeinträchtigen, dass es nicht mehr mit Tumorzellen fertig wird, ist bis heute nicht bewiesen. „Die Psychoneuroimmunologie hat bisher weniger greifbare Ergebnisse geliefert als erhofft”, schreiben denn auch die Experten des Krebsinformationsdienstes, der vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg angeboten wird. „Man weiß schlichtweg noch zu wenig über die Krebsentstehung, um zu behaupten: Wer Kummer oder Stress hat, bekommt leichter Krebs.” Zudem ist Stress nicht gleich Stress: „Die Forschung wird dadurch erschwert, dass Menschen sich subjektiv sehr unterschiedlich von stressigen Situationen belastet fühlen”, meint der Freiburger Psychoonkologe Weis.
Dabei ist der Glaube, Krebs habe etwas mit negativen Seelenzuständen zu tun, keineswegs neu. Bereits vor 2000 Jahren meinte Mark Aurels Leibarzt Galenus beobachtet zu haben, dass vor allem deprimierte Menschen an Krebs erkrankten. Heute sind die Wissenschaftler schlauer. Trotzdem geben viele Laien den Krebspatienten die Schuld für ihr Leiden: Sie seien eben „nicht mit sich im Reinen” gewesen. „Die Betroffenen werden dadurch stigmatisiert, was zusätzliche Belastungen schafft”, kritisiert Weis. „Es ist aber für die Bewältigung der Krankheit nicht von Vorteil, stets in der Vergangenheit nach Fehlern zu suchen.”
Ganz vom Tisch ist das Thema Krebs und Psyche jedoch nicht. Denn: Psychische Labilitäten wirken sich häufig auf den Lebenswandel aus. Wer Stress etwa mit Rauchen oder Alkohol begegnet oder Trost darin sucht, mit der Chipstüte vor dem Fernseher zu versacken, steigert sein Krebsrisiko. „ Persönlichkeitsmerkmale können Verhaltensweisen beeinflussen. Und damit hat die Psyche indirekt Auswirkungen auf das Erkrankungsrisiko”, so Tschuschke.
Und nach der Diagnose Krebs? Kann die Psyche den Krankheitsverlauf positiv oder negativ beeinflussen? Verkürzt sich bei depressiven Patienten die verbleibende Lebenszeit? Zwar haben etwa Brustkrebspatientinnen nachweisbar weniger Killerzellen im Blut, wenn sie sich unzureichend unterstützt fühlen. Ob sich dies jedoch tatsächlich auf die Überlebenszeit auswirkt, ist unklar. „Hierzu fehlen aussagekräftige Studien”, moniert Tschuschke. Gleichwohl wird in jeder großen Klinik heute Musiktherapie, Hypnose, psychologische Betreuung oder Massage zusammen mit der Krebsbehandlung angeboten, um die Stimmung der Patienten zu verbessern. Von dem platten Rat „Think positive” hat man sich jedoch verabschiedet. Denn: Wer von den Betroffenen es nicht schafft, positiv und kämpferisch in die Zukunft zu blicken, gerät mit einer solchen Aufforderung unter Leistungsdruck. ■
KATHRIN BURGER wundert sich immer wieder, wie schnell jedwede Krankheit auf psychische Probleme zurückgeführt wird.
von Kathrin Burger
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Volker Tschuschke PSYCHOONKOLOGIE Psychologische Aspekte der Entstehung und Bewältigung von Krebs Schattauer, Stuttgart 2006, € 39,95
INTERNET
Allgemeine Informationen zu Krebs vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ): www.krebsinformationsdienst.de
Verzeichnis deutscher Psychoonkologen:
www.gsk-onkologie.de
KOMPAKT
· Für die Theorie von der Krebspersönlichkeit gibt es keinerlei Beweise. Auch neue Studien sehen keinen Zusammenhang.
· Stress an sich ist nicht krebsfördernd. Nur wenn er zu einem riskanten Verhalten führt (Musterbeispiel: Rauchen), steigt das Krankheitsrisiko.





