Der „kleine Schritt“ für einen Astronauten könnte für Mond, Mars und Co. erhebliche Folgen haben. Denn wenn künftige Astronauten den Mond oder Mars besuchen, reisen auch Milliarden irdischer Mikroorganismen mit. Während unbemannte Raumsonden vor ihrem Start bei 200 Grad sterilisiert werden, ist dies bei Astronauten nicht möglich. Bakterien und mikrobielle Pilze von ihrer Haut oder aus ihrem Atem verbreiten sich daher schon vor der Landung im Inneren der Raumkapsel, auf Raumanzügen und Utensilien.
Der Mond-Südpol ist anders
Zwar schreiben die sogenannten COSPAR-Richtlinien bestimmte Schutzmaßnahmen gegen eine Kontamination fremder Himmelskörper vor. Wie streng diese Anforderungen sind, hängt aber von der vermuteten Lebensfreundlichkeit des Ziels ab. Und der Mond galt daher bisher als kaum gefährdet: Alle eingeschleppten Organismen – so glaubte man – sterben durch die harte Strahlung, das Vakuum und die tiefen Temperaturen sofort ab.
Doch das ist offenbar ein Irrtum, wie nun Prabal Saxena vom Goddard Space Flight Center der NASA und seine Kollegen herausgefunden haben. „Starke UV-Strahlung, energiereiche kosmische Teilchen und extreme Temperaturen machen die ungeschützte Mondoberfläche zwar größtenteils lebensfeindlich“, erklären sie. Aber die lunare Südpolregion – das Gebiet, in dem die Landeplätze kommender Mondmissionen liegen – könnte eine Ausnahme bilden. Dort schützen hochaufragende Kraterränder vor Sonnenlicht und UV-Strahlung, am Grund dieser Schattenzonen existiert zudem Wassereis.

In den Kratern am lunaren Südpol gibt es Schattenzonen, die dauerhaft vor UV-Strahlung und extremer Sonnenhitze geschützt sind. — © NASA's Scientific Visualization Studio/ Ernie Wright
Fünf Mikrobenarten als Testobjekte
Könnte das ausreichen, um einigen irdischen Mikroben das Überleben zu ermöglichen? Um das zu prüfen, haben Saxena und sein Team fünf Mikroorganismen als Testobjekte gewählt: Diew auf unserer Haut häufigen Bakterien Staphylococcus aureus und Bacillus subtilis, die gängigen Schimmelpilze Aspergillus niger und Fusarium sowie das als besonders „unkaputtbar“ bekannte Bakterium Deinococcus radiodurans. „Diese Gattungen sind gegenüber Vakuum, Temperaturextremen und energiereichem Teilchenbombardement resistent“, erklärt das Team.
Für ihre Studie ermittelten die Forschenden zunächst, welche maximale UV-Strahlungsdosis und Temperaturen diese fünf Mikrobenarten vertragen. Dann nutzten sie ein virtuelles Modell der Südpol-Landschaft, um zu testen, an welchen Stellen überlebbare Bedingungen für diese Bakterien und Pilze herrschen könnten. Im Fokus standen dabei die Schattenzonen im Nobile und de-Gerlache-Krater und ein angrenzender Höhenzug.
Lunare Überlebensnischen für alle fünf Arten
Das überraschende Ergebnis: Für alle fünf Mikroorganismen gibt es Stellen am Mond-Südpol, in denen sie zumindest einige Tage überleben könnten. Einige dieser Nischen umfassen einen ganzen Mondkrater, andere sind nur so klein wie ein Astronauten-Fußabdruck. „Als wir Mondkarten erstellten, auf denen die verschiedenen Mikrobenarten und ihre Überlebensnischen in Violett, Rot und Blau markiert waren, waren diese Karten überraschend farbenfroh“, berichtet Co-Autor Stefano Bertone von der University of Maryland.

Gebiete am lunaren Nordpol (links) und Südpol, in denen die getesteten Bakterien und Pilze überleben könnten. — © Saxena et al./ Science Advances, CC-by 4.0
Als besonders resilient erwies sich der Schimmelpilz Aspergillus: Für ihn ermittelte das Team lebensfreundliche Nischen in drei Prozent aller untersuchten Südpol-Bereiche. Dieser Pilz könnte sogar in 15 bis 30 Prozent der Stellen überleben, die trotz Schatten noch gestreute oder reflektierte UV-Strahlung erhalten, wie die Forschenden berichten. Für alle fünf Mikroorganismen überlebbare Bedingungen könnte zudem die Schattenzone im De-Gerlache-Krater bieten.
Besserer Schutz vor mikrobieller Kontamination nötig
Diese Resultate legen nahe: Irdische Mikroben sind resilienter als vielfach angenommen – und der Mond ist keineswegs komplett lebensfeindlich. „Beim Mond denken wir typischerweise nicht an Leben oder Biologie - aber er ist offenbar doch ein Ort, an dem Zellen überleben können“, sagt Co-Autorin Heather Graham von der NASA. Zwar könnten sich die irdischen Mikroben unter den lunaren Bedingungen nicht vermehren, wie die Forschenden betonen. Aber allein ihre Präsenz könnte den Mond kontaminieren und wissenschaftliche Untersuchungen verfälschen.
„Wenn wir diese Gebiete demnächst erkunden, sollten wir besonders darauf achten, unsere mikrobiellen Mitreisenden nicht zu verbreiten“, so Graham. „Nur so können wir die lunare Chemie erforschen, ohne dass unsere Präsenz sie schon verändert hat.“ Bemannte Mondlandungen wie die Artemis-Mission der NASA oder die von China geplanten Mondflüge sollten daher in Zukunft noch strengeren Dekontaminationsmaßnahmen unterliegen als bisher üblich.
Noch wichtiger könnten die Erkenntnisse für künftige Raumfahrtmissionen zum Mars und anderen potenziell lebensfreundlicheren Planeten sein. „Wenn wir zum Mars fliegen, um nach Hinweisen auf extraterrestrisches Leben zu suchen, dann müssen wir sicherstellen, dass wir nicht die Mikroorganismen finden, die wir selbst mitgebracht haben“, sagt NASA-Forscher Andrew Needham.
Quelle: Science Advances, 2026; doi: 10.1126/sciadv.aec0811





