Mit Depressionen und Suiziden sind traurige Schicksale verknüpft – es handelt sich allerdings auch um ein enormes gesellschaftliches Problem: “Selbsttötung ist weltweit eine der häufigsten Todesursachen und die Raten sind in den vergangenen Jahren vielerorts deutlich angestiegen. Ein besseres Verständnis der Ursachen ist daher eine Priorität der öffentlichen Gesundheit”, sagt Marshall Burke von der Stanford University. Er und seine Kollegen haben sich deshalb nun der Frage gewidmet, welche Rolle der Klimawandel bei diesem Thema spielen könnte.
Klar ist: Depressionen und Suizidgedanken haben meist einen komplexen Hintergrund. Auch Klima und Jahreszeit gehören zu den Faktoren, haben Studien bereits gezeigt. Im Fall der Hitze gab es bisher allerdings Unklarheiten. Statistiken zeigen zwar, dass Suizide besonders häufig in den warmen Monaten auftreten. Doch auch andere Faktoren außer der Temperatur variieren in dieser Zeit – wie etwa die Arbeitslosenrate. Um die Rolle der Temperatur von anderen Faktoren zu trennen, verglichen Burke und seine Kollegen Temperatur- und Suiziddaten von Tausenden von US-Bezirken und mexikanischen Gemeinden aus mehreren Jahrzehnten. Um zusätzlich konkrete Hinweise zu bekommen, inwieweit Hitze das mentale Wohlbefinden von Menschen beeinflusst, analysierte das Team außerdem die Sprache in Millionen von Äußerungen auf der Internetplattform
Twitter.
Was Menschen bei Hitze twittern
In den Auswertungen zeichnete sich nun deutlich ab: Heißes Wetter erhöht tatsächlich die Suizidrate. Demnach ist eine Steigerung der durchschnittlichen monatlichen Temperatur von einem Grad Celsius mit einem Anstieg der Suizidrate um 0,68 Prozent in den USA und 2,1 Prozent in Mexiko verknüpft. Dieser Effekt spiegelt sich auch in den Äußerungen in den sozialen Medien wider, stellten die Wissenschaftler fest: Im Zusammenhang mit Hitzewellen tauchen beispielsweise auffallend häufig Begriffe wie “einsam”, “gefangen” oder “Selbstmord” auf.
Um den Faktor Klimawandel in diese Ergebnisse einzubeziehen, verwendete das Team Projektionen aus globalen Klimamodellen. Sie errechneten, dass die Temperaturerhöhung bis 2050 die Suizidrate in den USA um 1,4 Prozent und in Mexiko um 2,3 Prozent erhöhen könnte. Konkret würde dies bis 2050 zusätzlichen 21.000 Suiziden in beiden Ländern entsprechen. Die Effekte des Klimawandels sind damit ungefähr so groß wie der Einfluss von wirtschaftlicher Rezession, erklären die Forscher. “Überraschenderweise sind die Effekte wenig damit verknüpft, wie wohlhabend die Populationen sind oder ob sie an warmes Wetter gewöhnt sind oder nicht”, sagt Burke.
Ein Co-Faktor mit zunehmender Bedeutung
In früheren Untersuchungen haben die Forscher bereits Hinweise dafür gefunden, dass Menschen bei Hitze aggressiv werden und mehr zu Gewalt neigen. “Jetzt zeichnet sich ab, dass einige Menschen die Gewalt auch gegen sich selbst richten. Es scheint, dass Hitze den Geist stark beeinflusst und dazu führen kann, dass Menschen Schaden anrichten”, resümiert Co-Autor Solomon Hsiang von der University of California in Berkeley.





