Nature or nurture? – Inwieweit sind unserer Persönlichkeitsmerkmale vorprogrammiert und welche Rolle spielen Erfahrungen, Erziehung und Kultur? Die Forscher um Michael Pluess von Queen Mary University of London rücken in diesem Zusammenhang nun einen speziellen Aspekt in den Fokus: die Sensibilität. Damit ist das Merkmal gemeint, das bestimmt, wie intensiv wir auf Erfahrung in unserem Leben reagieren, die mit unseren Gefühlen verknüpft sind. „Wir sind alle von dem, was wir erleben, betroffen – Sensibilität ist etwas, das wir als eine grundlegende menschliche Eigenschaft teilen“, sagt Pluess.
„Menschen unterscheiden sich allerdings deutlich darin, wie stark positive oder negative Erfahrungen auf sie einwirken. Aus früheren Forschungen wissen wir, dass sich etwa ein Drittel der Menschen am oberen Ende des Empfindlichkeitsspektrums befindet. Sie sind vergleichsweise stark von ihren Erfahrungen betroffen. Dies kann sowohl Vor- als auch Nachteile haben”, sagt der Psychologe. Denn die Sensibilität ist mit unterschiedlichen Talenten, Neigungen und Schwächen von Menschen verbunden – von den Empathiefähigkeiten über künstlerischen Begabungen bis hin zu Angststörungen und Depressionen.
Der Sensibilität auf der Spur
Um den Hintergründen der Sensibilität auf die Spur zu kommen, haben Pluess und seine Kollegen eine sogenannte Zwillingsstudie durchgeführt. Dabei nutzten die Forscher den Umstand, dass Zwillinge gleich alt sind und meist gemeinsam aufwachsen, wodurch sie viele Erfahrungen durch die Erziehung und das Umfeld teilen. Der andere für die Wissenschaft interessante Aspekt ist, dass es zwei Kategorien gibt: Eineiige Zwillinge besitzen die gleiche genetische Sequenz – bei zweieiigen unterscheidet sich das Erbgut hingegen wie bei normalen Geschwistern.
An der Studie haben 2800 Zwillinge teilgenommen, von denen etwa 1000 aus eineiigen und 1800 zweieiigen Paaren stammten. Alle Teilnehmer wurden gebeten, einen Fragebogen zu beantworten, der als ein Standardtest zur Einstufung des Grads der Sensibilität von Menschen gilt. Durch statistische Vergleiche der Unterschiede in der Sensibilität zwischen den Zwillingspaaren sind deshalb Rückschlüsse auf den Einfluss der Genetik möglich, erklären die Wissenschaftler. Konkret würde im Extremfall gelten: Wenn sich eineiige Zwillinge in ihrem Empfindlichkeits-Niveau nicht ähnlicher wären als zweieiige Zwillinge, dann würden Gene wahrscheinlich keine Rolle spielen.
Etwa Hälfte-Hälfte
Wie die Forscher berichten, ging aus den Auswertungen in Verbindung mit den jeweiligen Zwillingskonstellationen unterm Strich hervor: 47 Prozent der Unterschiede in der Sensibilität zwischen Individuen sind auf genetische Ursachen zurückzuführen. Im Umkehrschluss bedeutet das, das die Faktoren wie Erziehung und Umwelt eine Rolle von 53 Prozent spielen. „Man hat bisher nur angenommen, dass es eine genetische Grundlage für Sensibilität gibt, aber dies ist das erste Mal, dass wir in der Lage sind, tatsächlich zu quantifizieren, wie viel der Unterschiede in der Sensibilität durch diesen Faktor zu erklären sind”, resümiert Pluess.





