· GlückskeksE mit aufgedrucktem Quellcode, die nach dem Einscannen auf dem Smartphone des Beschenkten einen zufällig ausgewählten Spruch zeigen – es gibt sie tatsächlich. Die mittelständische Firma Juchem im saarländischen Eppelborn hat sie zusammen mit dem Informatiker Johannes Schöning entwickelt.
· Und nicht nur das: Eine Gruppe japanischer Forscher hat einen „Meta-Cookie” erfunden, eine Art Chamäleon-Keks, der seinen Geschmack an die Bedürfnisse des Nutzers anpasst. Dafür zieht man eine große Maske über Augen und Nase und mustert den Meta-Cookie – einen neutralen Keks mit aufgedrucktem, computerlesbarem Code. Ein Display vor den Augen zeigt eine Auswahl an Keks-Geschmacksrichtungen: Schokolade, Walnuss, Erdbeer oder Vanille.
· Durch Kopfnicken oder -schütteln kann der Proband eine Richtung auswählen, beispielsweise Schokolade. Der Keks im Display überlagert den realen Keks optisch und nimmt jeweils die passende Farbe und Form an. Führt der Proband ihn zum Mund, um hineinzubeißen, bläst die Maske das passende Aroma in seine Nase: Das täuscht die Sinne so erfolgreich, dass der Nutzer das Gefühl hat, tatsächlich an einem Schokoladenkeks zu knabbern.
· Zugegeben: Keine verlockende Vorstellung, den Feierabend mit einer riesigen Maske im Gesicht zu verbringen. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich immer so täuschen lassen will”, sagt der Forscher Johannes Schöning, „manchmal will man einfach echte Schokolade genießen.” Ebenso wie seine japanischen Kollegen gehört der Professor für Informatik an der belgischen Universität Hasselt der noch jungen Forschungsrichtung des „Digital Food” an, der digitalen Lebensmittel.
· Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die digitale Technik immer mehr unseren Alltag durchdringen wird und auch vor dem Genuss nicht Halt macht. „Deshalb ist es wichtig, dass wir uns überlegen, was wir wollen und was nicht”, sagt Schöning. Denn schon heute ist die Technik auf dem Esstisch allgegenwärtig – sei es das Smartphone, in dem wir kurz Informationen fürs Gespräch googeln, oder der Tablet-Computer, auf dem wir uns nebenbei über die Nachrichtenlage informieren. Die Forscher stellen sich die Frage, wie die Technik den Genuss bei Tisch verstärken oder zu einem gesünderen Essverhalten beitragen kann – statt vom Essen abzulenken.
Trickreiche Täuschung am Tisch
Der Meta-Cookie ist eine gelungene Täuschung, sagt Schöning. „ Man hat wirklich das Gefühl, einen Schokoladenkeks zu essen.” Und der Cookie ist ein gefundenes Fressen für Science-Fiction-Fans: Welcher Raumschiff-Enterprise-Fan hat nicht schon davon geträumt, einen Essensreplikator in seiner Küche zu haben – einen Automat, der beliebige Speisen nach Wunsch kreiert. Beim Bordcomputer könnte man dann spontan einen leckeren Braten bestellen, wenn einem gerade danach ist.
· Von einem „echten” Replikator ist die Forschung allerdings noch weit entfernt – auch wenn er für die Raumfahrt der Zukunft durchaus nützlich wäre: Auf einer mehrjährigen bemannten Marsmission wird es schwierig sein, alle Nahrungsmittel im Raumschiff mitzuführen. Lieferungen von der Erde, wie sie heute die Besatzung der Internationalen Raumstation ISS erhält, wären wegen der gewaltigen Entfernung ebenfalls unmöglich.
Schokolade aus dem Drucker
Kürzlich präsentierte die NASA daher die Idee, dass Astronauten ihr Essen künftig selbst mittels eines 3D-Druckers ausdrucken sollen. Immerhin gibt es erste Ansätze, essbare Objekte mit einem Drucker zu produzieren. So haben Wissenschaftler des Massachusetts Instituts of Technology (MIT) ein Konzept für einen 3D-Drucker für Lebensmittel vorgestellt, und an der Universität Exeter wurde kürzlich ein erster Prototyp für einen Drucker für Schokolade getestet. Dieser verändert aber lediglich die Form des Rohstoffs, ein neues Gericht entsteht dabei nicht.
· „Der 3D-Drucker für Schokolade ist maximal ein Promille auf dem Weg zu einem Replikator, wie ihn unsere Astronauten eventuell in einigen Jahrzehnten mit sich führen werden”, sagt Schöning. „ Aber ich bezweifle natürlich, dass es im Raumschiff jemals so schmecken wird wie im Sternerestaurant.”
· Doch es gibt durchaus irdische Anwendungen für digitales Essen. Der Mechanismus, auf dem der Meta-Cookie beruht, könnte nach den Visionen der Forscher zu einer gesünderen Lebensweise beitragen. Denn unsere Sinne lassen sich täuschen. Wer Schokolade vorgegaukelt bekommt, kann in Wahrheit einen kaum gesüßten Keks essen und damit Kalorien sparen – ohne auf den Genuss zu verzichten.
Ein Rüffel vom Löffel
Kürzlich haben niederländische Forscher einen Löffel erfunden, der vibriert, sobald sein Benutzer zu schnell isst. Eine andere Anwendung lässt ein Nahrungsmittel durch ein Display größer erscheinen, als es ist. Die Folge: Man isst weniger davon. Die Informatiker beziehen sich dabei auf die Erkenntnisse von Psychologen wie Charles Spence, der erforscht, wie unsere Sinne zusammenspielen: „Wenn wir ändern, was wir sehen, ändert sich, was wir riechen. Wenn wir ändern, was wir riechen, ändert sich, was wir fühlen”, sagt der Professor an der britischen Oxford University.
· Aber wie nachhaltig sind die Täuschungen durch die moderne Technologie? „Ich bin sehr skeptisch, was die Anwendungen der Augmented Reality angeht”, sagt Spence. Damit meint er jene Technologien, die die Realität nur scheinbar verändern. „Die Täuschung ist nicht gut genug”, sagt er. Wenn man beim Meta-Cookie den Kopf zu sehr bewegt, bricht die Illusion zusammen: Der Nutzer sieht dann wieder nur den blanken Keks. Und auch die Rezeption des Geschmacks verläuft zwar üblicherweise zu etwa 80 Prozent durch die Nase, „aber normalerweise von innen nach außen”. Das Aroma der Speise verbreitet sich im Mund und durchzieht beim Ausatmen die Nase: So entsteht der Geschmack. Beim Meta-Cookie hingegen kommt das Aroma von außen beim Einatmen in die Nase. „Das ist nicht echt.” Diesen Unterschied merken wir etwa bei einem Käse, der für uns zwar unangenehm riecht, aber trotzdem gut schmeckt (siehe bdw 12/2013, „Vorgetäuschter Gaumenschmaus”).
Der Körper merkt den Betrug
Ein ähnliches Problem sieht Spence bei der Idee, die Technik könnte uns gesünder essen lassen, indem sie ein Stück Fleisch größer erscheinen lässt, als es ist. „Zunächst essen die Menschen tatsächlich weniger, aber der Körper merkt rasch, dass etwas fehlt.” Ähnliche Effekte hat Spence bei Diät-Nahrungsmitteln beobachtet, die weniger Kalorien enthalten als das Original: Nach einigen Tagen aßen die Probanden einfach mehr davon. „So leicht lässt sich der Körper nicht austricksen”, sagt der Wissenschaftler.
· Der Ansatz der Psychologen um Spence ist ein anderer: Wie lässt sich der Genuss durch gezielte Sinnesbeeinflussung verstärken? Dabei experimentierten sie mit Musik, Umgebungslicht und Farben – alles drei verändert das Geschmacksempfinden, so die Ergebnisse der Studien. Himbeereis zum Beispiel schmeckt bis zu 20 Prozent süßer, wenn der Teller dieselbe Farbe hat wie das Eis. Mineralwasser wirkt frischer und sprudelt scheinbar mehr, wenn das Glas blau schimmert oder auf einem Untergrund steht, der ein stacheliges Muster hat. Und Kaffee schmeckt stärker unter grellem Licht als unter gedämpftem.
· In die Erforschung solcher Effekte investieren derzeit die großen Getränkehersteller viel Geld: Sie bauen ihre Marken mithilfe der Forscher aus. Welche Musik passt zu meinem Produkt und lässt es intensiver schmecken? Welches Licht, welche Bilder an der Wand einer Bar sind vorteilhaft? Die Unternehmen lassen die Forscher virtuelle Bars aufbauen, um zu testen, bei welcher Atmosphäre die Verbraucher welches Getränk bevorzugen. So gaben Testpersonen bei einer Studie an, dass ein bestimmter Whiskey seinen Geschmack je nach Umgebung verändern würde.
· Schon in ein bis zwei Jahren werden die ersten Getränkemarken ihre eigene Musik vertreiben, prophezeit Charles Spence. Und womöglich werden Händler dazu gebracht, jene Musik zu spielen, die den Absatz ihres Produktes fördert: „Es ist eine Gratwanderung für uns Forscher: Unterstützen wir die Manipulation der Verbraucher, oder verstärken wir deren sinnliche Erfahrung?”
Seafood mit Meeresrauschen
Spence berichtet, wie Psychologen und Informatiker gemeinsam mit Köchen der führenden Nobelrestaurants neue Sinneserlebnisse entwickeln: Wer im Restaurant „The Fat Duck” von Sternekoch Heston Blumenthal im britischen Bray das Gericht „Sound of the Sea” bestellt, bekommt vor dem Essen eine große Muschel serviert, an der Kopfhörer baumeln: ein iPod mit dem passenden Geräusch zum Gericht.
· Der Gourmet hört Meeresrauschen und das Klatschen sich brechender Wellen. Und auf das Meeresfrüchte- Gericht wird das Bild der Brandung projiziert. Ein Restauranttester, der vorher seine Vorbehalte im Internet beschrieb, berichtete später begeistert von dem neuen Geschmackserlebnis: „Es ist schon verblüffend, wie sehr nicht nur das Auge mitisst, sondern auch das Ohr.” Und Psychologe Spence schwärmt: „Die Technologie verändert das Esserlebnis komplett – sowohl indem sie den Geschmack des Essens verstärkt, als auch indem sie die Restaurantbesucher dazu bringt, sich mehr auf den Genuss zu konzentrieren.”
Fast kostenlos
Charles Spence ist überzeugt: „Diese Technik wird in wenigen Jahren in unsere Wohn- und Esszimmer Einzug halten.” Sein belgischer Kollege Johannes Schöning arbeitet bereits daran: Er nutzt die Erkenntnisse von Spence, um das Geschirr der Zukunft zu entwickeln. Seine Vision: Wir werden künftig von Tablet-Computern essen. Denn so kann man das Hintergrundlicht, das Muster und die zum Essen erklingende Musik selbst auswählen – und damit den Geschmack variieren. Schöning erklärt: „Wir tricksen die Sinne dadurch aus, dass ein Menü von einem Display anstatt von einem herkömmlichen Teller gegessen wird.” Der Forscher kann sich vorstellen, dass es für solche Entwicklungen in 10 bis 15 Jahren einen Markt geben wird: „Digitale Technologie wird bald fast nichts mehr kosten. Ob wir von einem Teller oder einem Tablet-Computer essen, macht dann finanziell keinen Unterschied.” ■
· Die Feinschmeckerin EVA WOLFANGEL würde sich keinen Meta-Cookie kaufen. Dafür besucht sie viel zu gerne Konditoreien.
von Eva Wolfangel
Nette Sprüche auf dem Keks
Wie offen selbst konventionelle Nahrungsmittelhersteller gegenüber digitalem Essen sind, zeigt die Zusammenarbeit des Informatikers Johannes Schöning mit der mittelständischen Firma Juchem Food in Eppelborn, die unter anderem Mehl und Backmischungen produziert und vertreibt. „Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass die Digitaltechnologie beim Essen auf dem Vormarsch ist”, erklärt Schöning seine Idee eines Kekses mit aufgedrucktem QR-Code (siehe Bild S. 94). Wer einen solchen Keks bekommt, kann den Code mit seinem Smartphone einscannen und wird dann auf eine Internet-Seite geleitet. Der Spender des Kekses kann wahlweise eine selbst ausgewählte Homepage mit dem Code verknüpfen oder dem Beschenkten eine Art Glückskeks vermachen: Dazu wird auf dem Smartphone ein zufällig ausgewählter Sinnspruch angezeigt.
„Ich fand die Idee reizvoll, so etwas Profanes wie einen Keks mit einer geheimen Botschaft zu versehen”, sagt Andrea Juchem, Geschäftsführerin bei Juchem Food. Sie hat eine spezielle Backmischung entworfen und die Möglichkeiten erforscht, wie sich lebensmittelechte QR-Codes auf Esspapier drucken lassen. Mit Erfolg: Andrea Juchem verschenkt die Kekse selbst gerne und freut sich über die erstaunten Gesichter. „Das ist wie ein Überraschungsei für Erwachsene”, sagt sie.
Kompakt
· Display und Duftspender gaukeln den Sinnen Aussehen und Geschmack von Lebensmitteln vor.
· Digitale Technik lässt Speisen größer erscheinen, als sie sind.
Internet
Hier kann man Kekse mittels QR-Code mit einem Spruch oder einer Web-Adresse versehen lassen und verschenken: qkies.de
Infos und Anwendungsbeispiele zur Augmented Reality auf Golem.de: www.golem.de/specials/augmented-reality




