Es ist ein Kreuz, in welchem Tempo diese Publikationsfluten über einen hinwegrollen. Meist können Forschende zähneknirschend nur noch die allerwichtigsten Artikel sichten, die sie für die Projekte im eigenen Labor unbedingt kennen müssen. Und trotzdem passiert es allzu leicht, dass, bis man eine Arbeit eingehend studiert hat, schon wieder fünf neue zum Thema erschienen sind.
Doch wie kommt’s? Sicher, es gibt heute mehr Forscherinnen und Wissenschaftler als jemals zuvor. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Auch jeder Einzelne von ihnen publiziert aktuell deutlich häufiger als noch vor etwa 30 Jahren. Die Spitzen, sogenannte „Hyperprolific Authors“ (zu Deutsch „hyperproduktive Autoren“), veröffentlichen heute im Schnitt alle fünf Tage einen Artikel.
Wie kann das sein? Bessere Geräte? Bessere Methoden? Bessere Gehirne? Bessere Organisation? Bessere Kooperationen? Das mag im Einzelfall ja alles eine Rolle spielen. Der stärkste Motor ist jedoch, dass heutzutage Karriere und Reputation im Wissenschaftsbetrieb auf fast schon absurde Weise von der Anzahl der Publikationen unter eigenem Namen abhängen. Nicht umsonst heißt es schon länger „Publish or perish!“ – publiziere oder gehe unter! Nochmals verschärft wird dieses Publikations-Hamsterrad dadurch, dass die Nachwuchsforschenden sich bis zur Professur nahezu ausschließlich von einem Kurzzeitvertrag zum nächsten hangeln müssen. Was bedeutet, dass sie jedes Mal nach zwei oder drei Jahren am besten mehrere Publikationen für die nächste Bewerbung „im Sack“ haben müssen.
Stark angefangen, stark nachgelassen
Das erklärt teilweise auch, was bereits mehrere Studien ausgemacht haben: In dem Publikations-Tsunami wächst vor allem der Anteil an schlecht gemachten Studien überproportional stark. Denn in dem stetigen Drang und Zwang zur Ergebnisproduktion ist ein guter Teil der Studien von vornherein schlecht konzipiert. Mehr Tempo bringt eben nicht mehr Qualität, eher das Gegenteil ist der Fall. Wer mal eine Reihe aktueller Artikel sichtet, wird allerdings auch schnell dem folgenden Phänomen begegnen: Eine Studie fängt stark an, bringt in drei, vier Abbildungen überzeugende Ergebnisse – man wartet nur noch auf den entscheidenden Clou … Doch dann bricht sie unvermittelt ein, die letzten zwei, drei Datensätze passen zwar irgendwie, machen die Story aber nicht rund – und geben vor allem nur eine wachsweiche Antwort auf die anfangs formulierte Frage.
Was ist da passiert? Hat da am Ende jemand einfach nicht mehr die nötige Zeit gehabt? Oft ist das tatsächlich so. Ein Vertrag läuft aus, eine Frist läuft ab – und irgendwas „muss vorher noch raus“. Damit die Doktorandin zusammenschreiben kann, damit der Postdoktorand auf die nächste Zeitstelle wechseln kann, damit der Folgeantrag des Projekts kurz vor Toresschluss noch aufgepeppt werden kann ...





