„Schizophrenie ist eine zu komplizierte Krankheit, um sie mit einer Pille zu verhindern oder zu lindern”, provoziert Michael Merzenich. Der ehemalige Professor für Neurologie an der University of California in San Francisco setzt auf eine komplett andere Strategie: interaktive Computerspiele. Merzenich ist seit den 1980er-Jahren Pionier auf dem Gebiet der Neuroplastizität – der Eigenschaft des Gehirns, sich auch noch im erwachsenen Alter zu verändern. Er wies die Flexibilität von Neuronen an Studien mit Affen nach und fand zudem heraus, welche Schaltkreise im Gehirn für das menschliche Hören verantwortlich sind. Diese Arbeiten führten zur Entwicklung eines Cochlea-Implantats für extrem Hörgeschädigte.
Danach begann der heute 70-Jährige, kommerzielle Lern- Software zu entwickeln: zur Prävention von Demenz und für das Computer-Fahrtraining von Senioren. Drei von ihm gegründete Firmen laufen gut, Kritiker rügen jedoch, Merzenich habe nie einen Beweis für die Wirksamkeit seiner Software geliefert.
Den reicht der Erfinder jetzt nach: Im März 2012 startete er eine US-weite Studie mit 140 Schizophrenie-Patienten, die sich insgesamt 90 Stunden durch Lernprogramme klicken sollen. Ziel ist eine grundlegende Verbesserung der Erinnerungsfähigkeit, der sprachlichen Wahrnehmung und der sozialen Kompetenz. Letzteres sei für Schizophrenie-Erkrankte besonders wichtig. „Sie fühlen sich in gesellschaftlichen Situationen oft ausgeschlossen und sind unsicher”, sagt Merzenich. Mit seiner Software lernen sie zum Beispiel, anhand von Bildern Mimik, Stimmung und Gesten eines Gesprächspartners korrekt zu interpretieren und passend zu reagieren.




