Reichen die Hartz IV-Sätze zum Leben, Herr Professor Wagner?
Wenn man so rational rechnet wie die Erfinder der „Sozialhilfe” , aus der Hartz IV hervorging, müssten sie reichen. Doch die Realität sieht leider so aus, dass viele von uns keine akribischen Buchhalter sind, die wirtschaften können, wie es andere auf dem Papier für sie erdacht haben. Eine gute Bildung für Kinder ist mit dem, was Hartz IV zugesteht, auf jeden Fall nicht zu bezahlen.
Brauchen wir die Rente mit 67?
Wir werden älter und auch gesünder älter. Da macht es wenig Sinn, auf die Ressourcen der Älteren zu verzichten. Nicht alle, aber viele wollen sogar arbeiten. Die Politik sollte jedoch Rahmenbedingungen finden, um auch denen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können, ein würdiges Leben zu ermöglichen.
Was antworten Sie Thilo Sarrazin auf seine Thesen zur Integration?
Er hat unrecht, wenn er verkündet, dass bestimmte Zuwanderer aufgrund ihrer genetischen Anlagen weniger leistungsfähig seien. Allein deshalb, weil wir gar nicht wissen, ob – und wenn ja, welche – Gene die Leistungsfähigkeit steuern. Falls es so wäre, müssten Zuwanderer, die ja wagemutig sind, überdurchschnittlich leistungsfähig sein. Ob Integration von Zuwandererkindern gelingt, ist eine Bildungsfrage. Und leider ist das deutsche Bildungssystem schon vor der Einschulung nicht gut auf Migranten eingestellt.
Wie stark wird sich der demographische Wandel bemerkbar machen?
Das weiß ich nicht. Denn das, was da auf uns zukommt, ist ein neues Phänomen. Ich bin sehr skeptisch, ob noch nie da gewesene Ereignisse in ihren Auswirkungen überhaupt zu prognostizieren sind. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, möglichst viele Szenarien zu entwerfen, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.
Was halten Sie von einer verbindlichen Frauenquote in Wirtschaft und Politik?
Das ist nicht rein wissenschaftlich zu beantworten, wenngleich viele Untersuchungen zeigen, dass Ziele wie die Gleichberechtigung von Frauen in überschaubaren Zeiträumen nur mit Quoten zu erreichen sind. Und selbst mit Quoten ist es oft mühsam genug, weil immer wieder ganz raffiniert Argumente gesucht werden, die Vorgaben zu umgehen.
Stichwort Zensus 2011: Ist Informationsfluss wichtiger als Datenschutz?
Auf keinen Fall. Der Datenschutz wird in Deutschland sehr ernst genommen. Ich persönlich halte ihn angesichts der deutschen Vergangenheit mit Nazi- und Stasispitzel-Unwesen für ganz wichtig. Wir brauchen den Zensus 2011, um die amtliche Bevöl- kerungszahl möglichst fehlerfrei festzustellen, weil darauf die Verteilung der Finanzen in Deutschland und Europa beruht. Wenn Sie so wollen: Der Zensus ist für eine gerechtere Politik notwendig. Und Stichprobenerhebungen wie das SOEP werden in ihrer Aussagekraft davon profitieren, weil wir nur so Zahlen verlässlich hochrechnen können.
Wir fragen Sie nicht: Wie viel Politik verträgt die Wissenschaft? Sondern vielmehr: Wie viel Wissenschaft verträgt die Politik?
Jede Menge. Aber wir Wissenschaftler dürfen nicht als Besserwisser auftreten. Wir können mit unseren Daten und Analysen nur eine gute statistische Grundlage schaffen. Aber wir sollten uns davor hüten zu glauben, wir allein wüssten, was sachlich notwendig ist und welche Ziele die Gesellschaft verfolgen sollte. Wir dürfen nur Informations-Inputs in politische Prozesse geben. Entschieden werden muss anhand von Mehrheiten und Interessen.
Das Gespräch führte Kathryn Kortmann





