Die prophetische Gabe von Jules Verne ist erstaunlich. In seinen Romanen „Von der Erde zum Mond” (1865) und „Reise um den Mond” (1870) nahm er scheinbar realistisch die Apollo-Flüge vorweg – einschließlich Abflug in Florida und Wasserung der Rückkehrkapsel im Meer. Dass die Rakete von einem Kanonenclub mit Schießbaumwolle gestartet wurde und es Vernes Helden auf ihrem Plüschsofa wesentlich bequemer hatten als die US-Astronauten, mag man als Kuriosität durchgehen lassen. Seine fiktiven Reiseberichte zum irdischen Nord- und Südpol sowie zum Meeresgrund sind inzwischen ebenfalls von der Wirklichkeit eingeholt worden.
Auch andere Schriftsteller haben manche technische Entwicklung vorweggenommen. Karel Capek schrieb über Roboter oder Androiden, H. G. Wells über eine Energiekrise, Hans Dominik über die Nutzung der Atomenergie, Arthur C. Clarke über geostationäre Satelliten, Robert A. Heinlein (1941) über den Einsatz von Atombomben zur Beendigung des Zweiten Weltkriegs und ein anschließendes nukleares Kräftegleichgewicht. Cleve Cartmills Story „Deadline” über Atombomben kamen der tatsächlichen Entwicklung so nahe, dass Autor und Herausgeber von misstrauischen Regierungsagenten befragt wurden. Und in den siebziger Jahren ließ der Geheimdienst CIA sogar angeblich Science-Fiction-Romane im Hinblick auf neue Waffen und Katastrophen-Szenarien analysieren.
„Science-Fiction (SF) kann man als den Zweig der Literatur definieren, der sich mit den Reaktionen des Menschen auf Veränderungen in Wissenschaft und Technologie befasst”, meinte denn auch der 1992 verstorbene amerikanische Biochemie-Professor Isaac Asimov, der zu den besten SF-Autoren aller Zeiten zählt und sich als Verfasser zahlreicher populärwissenschaftlicher Sachbücher einen Namen machte. „Es ist nicht so, dass die SF eine ganz bestimmte Veränderung vorhersagt. Was sie so wichtig macht, ist, dass sie überhaupt Veränderung prophezeit. Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte die Veränderung eine solche Geschwindigkeit, dass sie für viele nachdenkliche Individuen nicht mehr zu übersehen war. Die industrielle Revolution begann, und alle, die mit ihr in Berührung kamen, spürten die Veränderungen des menschlichen Lebensstils noch während ihres eigenen Lebens. Zum ersten Mal wurde so die Zukunft entdeckt.”
Der britische Autor Brian W. Aldiss hat die SF ebenfalls als Kind der industriellen und wissenschaftlichen Revolution des frühen 19. Jahrhunderts sowie der Literatur der „Gothic Romance” begriffen. In seinem Buch „Der Millionen-Jahre-Traum – Die Geschichte der Science Fiction” stellte er „Frankenstein” von Mary W. Shelley (1818) an den Anfang der Tradition. Aldiss zufolge werden SF-Storys freilich ebenso wenig für Wissenschaftler geschrieben wie Gespenstergeschichten für Gespenster. Vielmehr handle es sich um die Suche nach einer Definition des Menschen und seiner Stellung im Universum, die unserem fortschrittlichen, aber verworrenen Wissensstand entspricht.
Allerdings sind viele Science-Fiction-Leser naturwissenschaftlich interessiert, und zahlreiche Forscher kamen erst über die SF zur Wissenschaft. Sogar berühmte Astrophysiker wie Fred Hoyle oder Carl Sagan versuchten sich erfolgreich als SF-Autoren und inspirierten wiederum die Wissenschaft – die Erforschung der Wurmlöcher ist beispielsweise maßgeblich einer Anregung durch Sagans Roman „Contact” zu verdanken. So sorgt das Thema Science und/oder Fiktion nach wie vor für viel Gesprächsstoff – beispielsweise letzten November in einer Sendung des „Nachtstudio” im ZDF und in einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen.
„Die Visionen der Wissenschaft und der SF befruchten sich gegenseitig. Vieles von dem, was in den letzten 40 Jahren Realität wurde, gab es zuvor schon in der SF, und doch kam es anders – man denke nur an Handys oder Bildtelefone”, sagt Hubert Haensel, einer der Autoren der Perry-Rhodan-Serie, von der seit 1961 jede Woche ein neues Heft erscheint – ein weltweit konkurrenz- und beispielloses Phänomen. „Eigentlich ist die Fantasie unbegrenzt. Aber bevor alles unverständlich wird, weil die SF zu weit vorausgreift – die Romane sollen ja gelesen werden –, wiederholen sich die Muster wieder.”
Angesichts der verborgenen Dimensionen, Dunklen Materie und Paralleluniversen, deren Erforschung für viele Physiker heute zur Alltagsarbeit zählt, meint Rolf Landua, der Leiter des Athena-Experiments zum Studium der Antimaterie am Europäischen Kernforschungszentrum CERN: „Die Physik ist in einem Stadium, in dem sie die Science-Fiction überholt.”
Und der französische Literaturwissenschaftler Louis Vax mutmaßte bereits 1960, das Genre der fantastischen Literatur liege im Sterben: „Die verwirklichte Unmöglichkeit verliert, weil sie möglich geworden ist, ihren fantastischen Charakter. Von der Schallplatte hören wir die Stimmen von Toten, das Telefon ermöglicht es, sich mit weit entfernten Leuten zu unterhalten: All diese Dinge haben aufgehört, fantastisch zu sein, weil sie wirklich geworden sind.”
Andreas Eschbach, einer der erfolgreichsten jungen deutschen Science-Fiction-Autoren, sieht das ganz anders: „SF hat keine Vorhersagefunktion, sondern beschäftigt sich mit der Gegenwart.” Der ehemalige Student der Luft- und Raumfahrttechnik spricht vom „ Pingpong der Ideen” und „Querfeldein-Denken”. Es gehe nicht darum, schneller zu sein als die Wissenschaft, sondern Begrenzungen hinter sich zu lassen und eingefahrene Denkmuster zu lockern.
Für Uwe Durst von der Universität Stuttgart war und ist SF ohnehin niemals Prognose-Literatur oder Zukunftsbild. „ Literarische Bedingungen sind nicht anhand fiktionsexterner naturwissenschaftlicher Fakten zu untersuchen, denn die Literatur ist ein eigengesetzliches System.” Jeder literarische Text ist – so der russische Literaturwissenschaftler Boris Ejchenbaum – Konstruktion und Spiel, auch der so genannte realistische. Durst: „Es ist eine grundlegende Eigenschaft des Erzählens, sich über die Naturgesetze hinwegzusetzen. Schon das Wetter, das in der erzählten Welt herrscht, ist in den so genannten realistischen Texten nicht zufällig oder gar meteorologisch erklärbar, sondern auf übernatürliche Weise bestimmt. Ist der Held melancholisch, verdüstert sich der Himmel, tritt der Schurke auf, verhüllt die Sonne ihr Gesicht.”
Für Uwe Durst, der über die vielen Spielarten der fantastischen Literatur promoviert hat, ist SF durch die spezifische Motivierung der wunderbaren Themen gekennzeichnet – die Art und Weise, wie die erzählte Handlung vorangetrieben und „ erklärt” wird. Der Trick besteht darin, alten Wein in neue Schläuche zu gießen: „Das Moment der Wunderbarkeit wird vom ‚ wissenschaftlichen‘ Vorwand nicht beeinträchtigt. So ist der Außerirdische, der über wunderbare technische oder körperliche Möglichkeiten verfügt, nur eine Variante von Fee oder Teufel.” Frankensteins Monster sei die SF-Version der Untoten, Zeitreisen in die Zukunft lassen sich mit Dornröschens Schlaf vergleichen und das Kollektiv-Volk der Borgs in „Star Trek” mit Vampiren. Letztlich sind auch intergalaktische Raumschiffe bloß eine technokratische Version des fliegenden Teppichs. Im Vergleich zur realistischen Literatur ist die fantastische oft raffinierter und reflektierter.
„Die SF steht zur realistischen Konvention in einem parodistischen Verhältnis”, meint Durst. „Gerade weil sie das dargestellte Wunderbare ‚naturwissenschaftlich‘ motiviert, entzieht sie dem angeblich naturwissenschaftlichen Realitätssystem die gesetzliche Grundlage.” Mehr noch: „Die fantastische Literatur ist ein Lobgesang des Imaginären, denn sie macht alle Literatur erkennbar als imaginär und von magischen Gesetzen bestimmt. Die fantastische Literatur basiert nicht auf dem Vertrauen in die Abbildbarkeit der Wirklichkeit. Sie erzwingt vielmehr die Einsicht in die zwangsläufige Künstlichkeit und Wunderbarkeit der Literatur. Sie hat damit ein erhebliches Reflexionsniveau. Sie ist eine moderne Literatur.”
Rüdiger Vaas




