Männer hören nicht zu! Männer hören sehr wohl zu, nur ein bisschen anders als Frauen. Und ein bisschen anders, als Frauen sich das wünschen. Was wie bekannte Munition aus dem Geschlechterkampf klingt, hat handfeste neurologische Ursachen: Männer arbeiten beim Zuhören nur mit halber Kraft, sprich mit dem halben Hirn. Das wies der Radiologe Joseph Lurito von der Indiana University School of Medicine mit dem funktionalen Magnetresonanztomographen (fMRT) nach. Lurito und sein Team ließen 40 Versuchsteilnehmer beim Vorlesen eines Romans zuhören. Gleichzeitig hielt der fMRT die Gehirnaktivität im Bild fest. Das Gerät registriert, welche Hirnareale momentan besonders viel Zucker aufnehmen, also Energie verbrauchen und Wahrnehmungen verarbeiten. Resultat: Bei den männlichen Zuhörern war nur das Areal zur Sprachverarbeitung im linken Schläfenlappen aktiv. Bei den weiblichen Testpersonen arbeiteten zusätzlich die Bereiche der rechten Hemisphäre, die für nichtsprachliche Höreindrücke zuständig sind, etwa für Musikverarbeitung und damit verbundene Vorstellungen. Bei Männern verharrt demnach die emotionale rechte Abteilung im Energiesparmodus, während die rationale linke damit beschäftigt ist, das Gehörte in Inhalte zu übersetzen. Die männliche Fantasie bleibt ausgeschaltet, das Gehörte schlägt keine Haken im Gehirn und verpulvert über die Sachinformation hinaus keine Energie. Konzentrieren sich also Männer eher auf das Wesentliche, während mit Frauen eher die Fantasie durchgeht? Lurito warnt vor schnellen Schlüssen: „Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Männer besser oder schlechter zuhören als Frauen, sie hören einfach anders zu.” Männer scheinen eher einen linearen Schritt-für-Schritt-Zugang zu haben, während Frauen eher „ netzwerken”, wobei verschiedene Hirnregionen für dieselbe Aufgabe zuständig sind. Lurito klebt ein weiteres Fragezeichen auf die Ergebnisse, nämlich das alte Rätsel: Sind solche Unterschiede in der Wahrnehmung angeboren oder sozial antrainiert? „Wir wissen nicht, woher diese Unterschiede kommen”, betont er. Es scheint allerdings Situationen zu geben, in denen auch das männliche Gehirn Wahrnehmung und Vorstellungskraft parallel ablaufen lassen kann: beim Betrachten attraktiver Frauen. Der Psychologe James Roney von der Universität Chicago ließ seine Probanden im Alter von 18 bis 36 Jahren nach Herzenslust in Magazinen blättern, in die vorwiegend Werbeseiten mit jungen Models eingestreut waren. Anschließend schätzten die Männer ihren beruflichen Erfolg, ihre Machtposition und ihre Gehaltsaussichten deutlich höher ein als Testteilnehmer, die Werbung mit Damen über 50 betrachten mussten. Deren Vorstellungskraft wurde weit weniger beflügelt, sie blieben bei der Beurteilung ihres Macht- und Finanzstatus auf dem Teppich. Alle Probanden beteuerten freilich, dass die Fotos nicht das Geringste mit ihren Aussagen zu tun hätten. Die Wissenschaftler waren von diesen Ergebnissen überrascht. Im britischen Wissenschaftsmagazin New Scientist sagte Roney: „Ich hätte vermutet, dass Männer über eine stabilere Selbsteinschätzung verfügen.” Verantwortlich für die männliche Selbstüberschätzung ist nach seiner Meinung das Sexualhormon Testosteron. Frühere Studien haben gezeigt, dass Charakterzüge wie Ehrgeiz und Dominanz mit dem Hormon korrelieren – und dass Frauen solche Eigenschaften sexy finden. Roney vermutet, dass die visuellen Reize durch attraktive Frauen ein männliches Werbeverhalten auslösen. Und beim Balzen kann es – ganz wie bei den Kollegen im Tierreich – nie schaden, ein bisschen besser dazustehen als die Konkurrenz: buntere Federn, breiterer Brustkorb und ein paar Nüsse mehr im Bau. Und sei es nur in der eigenen Vorstellung. Offensichtlich hat die Evolution dafür gesorgt, dass das männliche Gehirn – mit freundlicher Unterstützung des Hormonsystems – präzise unterscheidet, in welchen Situationen die rationale Wahrnehmung mit Vorstellungskraft und Fantasie verknüpft werden muss: Beim passiven Zuhören wird wertvolle Energie gespart, die dann beim Balzen zur Verfügung steht. Sehr ökonomisch und ganz ohne Einschalten des Bewusstseins. Für Frauen gilt demnach: Trau keinem, der gerade in einem Magazin geblättert hat, vor allem wenn er dir etwas über seine Karriereaussichten oder sein Einkommen erzählt. Ob das auch für Wissenschaftsmagazine gilt, ist bislang nicht untersucht.
Eva Tenzer





