Die Universität Harvard hat 21 000 Studierende, gut 10 000 Mitarbeiter und 36 Milliarden Dollar Stiftungsvermögen. Einer, der dort seit 13 Jahren forscht, ist der gebürtige Bayer Florian Engert. „Ich möchte wissen, wie ein Fisch funktioniert”, gibt er im Beitrag unserer US-Korrespondentin Désirée Karge zu Protokoll (ab Seite 10). Was Engert macht, muss weltweit Spitzenforschung sein, sonst wäre kein Platz für ihn in Harvard. Ihm helfen Zebrafische – karpfenartige Fische, die im Deutschen auch Zebrabärblinge heißen. Diese Fische werden maximal fünf Zentimeter lang. 30 000 von ihnen und ihren Larven beherbergt Engert in seinen vielen Aquarien.
Zebrafische sind bei Forschern gefragt. Ihr Gehirn ist überschaubar klein – ein Millionstel so klein wie ein Mäusehirn. Trotzdem ist es für Wissenschaftler von eminenter Bedeutung. Denn über das Gehirn von Zebrafischen erkunden sie grundlegende Mechanismen zur Steuerung eines Organismus. Vielleicht tragen die Versuche eines Tages sogar dazu bei, Perspektiven zur Linderung oder Heilung von schweren Hirnerkrankungen des Menschen zu öffnen.
Dennoch gilt: Hier geht es um Versuche mit Tieren – um Tierversuche. Auch in anderen Forschungseinrichtungen werden Zebrabärblinge für die Wissenschaft geopfert. 2567 waren es allein im Berliner Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) im Jahr 2014. Insgesamt wurden an dieser Forschungseinrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft 42 816 Tiere in Versuchen eingesetzt und getötet: Mäuse, Ratten, Zebrafische sowie einige Dutzend Nagetiere und Frösche.
Der Streit um Tierversuche hat in Deutschland Tradition. Das hat erfreulicherweise schon zu einigen tierversuchsfreien Alternativen geführt und ist Ansporn, noch nach weiteren zu suchen. Gut so! Ob die Forschung in den nächsten Jahren gänzlich ohne Tierversuche auskommen wird, bezweifle ich allerdings. Dazu sind die wissenschaftlichen Fragestellungen zu komplex.
Aber: Der öffentliche Druck, Tiere zu verschonen, wird zunehmen. Die Mittel mancher Tierversuchsgegner sind nicht zimperlich, mitunter auch furchterregend. Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen etwa wurden in den letzten Monaten massiv angefeindet. Auslöser war ein TV-Film über die dortigen Arbeiten an Primaten. Die Aktionen der Gegner gipfelten in Morddrohungen gegen die Mitarbeiter – bis hin zum Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann.
Aktuell nun dies: Der Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik will nach den Drohungen und Beschimpfungen Konsequenzen ziehen. Nach Angaben der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in München wird der Neurowissenschaftler Nikos Logothetis seine Primatenforschung abschließen und künftig nur noch mit Nagetieren arbeiten. Bislang hatte die MPG einen solchen Schritt in ihren Stellungnahmen stets abgelehnt. Ich bin gespannt, wie das Ringen weitergeht.




