Wie ein Museum Berührungsängste vor Mathematik abbaut. Die Wissenschaft tut sich schwer mit der öffentlichen Anerkennung in Deutschland. Zu selten stellt sie sich so perfekt dar wie in dem soeben eröffneten „Arithmeum – rechnen einst und heute” in Bonn.
Die Wissenschaft in Deutschland soll mehrheitsfähig werden. “Public Understanding of Science and Humanities” heißt das Ziel – beschlossen von den Präsidenten der führenden Forschungsorganisationen. Um was es wirklich geht, kapiert die Öffentlichkeit auf den ersten Blick nun leider nicht. Doch damit steht sie nicht alleine. Offensichtlich interpretieren das selbst die Forschungschefs unterschiedlich. Das Hochschulmagazin DUZ befragte neun von ihnen. Heraus kamen ein halbes Dutzend unterschiedliche Auffassungen. Während die führenden Forschungsorganisationen also auch weiterhin auf der Suche danach sind, wie Öffentlichkeit und Wissenschaft miteinander umgehen sollen, hat sich Prof. Bernhard Korte längst entschieden. Korte ist Mathematiker und weiß, wie schwierig es ist mit dem öffentlichen Verständnis. Selbst wenn ihm nach seinen “populär” gehaltenen Vorträgen schon oft bestätigt wurde: “Herr Professor, Sie haben das so gut erklärt, daß ich alles verstanden habe”, meint Korte lapidar, “in Wirklichkeit versteht fast niemand das, was wir Mathematiker tun. Mein Anliegen ist deshalb, wenigstens eine Illusion des Verstehens zu vermitteln.” Auch Handfestes hat der Chef des Bonner Instituts für Diskrete Mathematik seit wenigen Wochen anzubieten: In der Lennéstraße, fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt, präsentiert er in seinem “Arithmeum – rechnen einst und heute” rund 1200 historische Rechengeräte. Der Diskrete Mathematiker hat sie in den letzten 25 Jahren aus Nachlässen erworben, Unternehmern abgeschwatzt, auf Auktionen ersteigert. Ehrgeizig, gewandt und spitzzüngig, wie Bernhard Korte durch und durch ist (bild der wissenschaft 11/1998, “Der Mathematiker als Weltmann”), ließ er nicht locker, die weltweit umfassendste Sammlung historischer Rechenmaschinen zusammenzutragen. Anke Brunn, die vormalige Wissenschaftsministerin Nordrhein-Westfalens – und als solche Chefin von Korte – wollte das nicht glauben. Sie wettete eine Kiste Champagner auf die “Nixdorf Sammlung” in Paderborn – und verlor.
Weil diese Kunstwerke der Mechanik mehr faszinieren und mehr Verständnis für das Rechnen und die Mathematik wecken als tausend gelehrte Vorträge oder Posterpräsentationen, schenkte Korte die Sammlung dem Land Nordrhein-Westfalen – mit dem Hintergedanken, daß sich das Kabinett um den damaligen Ministerpräsidenten Rau artig für die Schenkung bedanken werde. So kam es auch: Korte erhielt 1993 vom Land 17 Millionen Mark für Glas und Stahl, Holz und Beton, Architekten und Bauarbeiter bewilligt. 5 weitere Millionen gab es vom Bund. Er und eine Handvoll Institutsmitarbeiter konzipierten und organisierten – ohne das staatliche Universitätsbauamt – ein lichtdurchflutetes Gebäude, das sich über fünf Geschosse erstreckt. Darin residieren nun das vor Jahren eigens für Bernhard Korte und die Seinen von der Universität Bonn geschaffene Forschungsinstitut für Diskrete Mathematik und das Arithmeum. Institut und Museum durchdringen sich. “Die Museumsbesucher sollen ruhig sehen, wie wir arbeiten”, erklärt Korte. Daß er auf gutem Wege ist und künftig vor allem als Museumsdirektor agieren wird, bestreitet der Mathematiker: “Auf den vier Fachkongressen, die ich in den nächsten beiden Wochen in Prag, Oxford, Rutgers und Yorktown besuchen werde, halte ich zweimal den Hauptvortrag und zweimal den Eröffnungsvortrag. So schlecht scheint es also um meinen wissenschaftlichen Ruf nicht bestellt zu sein.” Korte erwirbt Rechenmaschinen nicht nur aus Lust am Besitz, ihn interessieren vor allem die Geschichten drumherum. Selbstredend kennt er die Story des Japaners Kojima, der 1972 mit seiner Firma Busicom den ersten chipbestückten Tischrechner herstellte. Äußerlich sieht dieser Rechner aus wie andere Rechenmaschinen aus jenen Tagen. Doch das Innenleben birgt eine Kostbarkeit: den ersten Intel-Prozessor. Intel entwikkelte den Chip in Kojimas Auftrag für 60000 Dollar. Als die Amerikaner erkannten, daß dadurch die Welt der Rechner revolutioniert wird, kauften sie ihre Entwicklung um den vielfachen Betrag zurück – und wurden zur bedeutendsten Prozessorenschmiede der Welt. Korte erwarb den Busicom-Rechner für etwa 15000 Mark.
Ein anderes Schmuckstück ist eine nach Originalplänen nachgebaute Hollerith-Maschine. Hermann Hollerith erfand die Lochkarte und konstruierte raffinierte Maschinen, die die dort enthaltenen Informationen auslasen. Bemerkenswert findet Korte, mit welcher Akribie die ethnischen Gruppen bei der US-Volkszählung 1890 für den Rechner unterschlüsselt wurden: “Man unterschied nach Weißen, Japanern, Chinesen, Indern, Schwarzen, Mulatten, Viertelsnegern und sogar Achtelsnegern.” So faszinierend und trickreich die alten mechanischen Rechenmaschinen fürs Auge sind, so fahl erscheint das optische Innenleben elektronischer Rechner. Doch wer die Verdrahtungsentwürfe der Chips anschaut, entdeckt auch hier Ästhetik. Mit solchen Verdrahtungsoptimierungen beschäftigt sich Korte seit Mitte der achtziger Jahre. Damals faßte er die Klage eines IBM-Chipdesigners als mathematisches Problem auf und reduzierte die Verdrahtungslänge für dessen Chip binnen weniger Tage um 30 Prozent, steigerte also dessen Arbeitsgeschwindigkeit. Das war die Initialzündung zu einem neuen und lukrativen Betätigungsfeld des Forschungsinstituts für Diskrete Mathematik. “Heute kommen die anderen Chiphersteller an unseren Optimierungsmethoden nicht mehr vorbei”, erklärt der 60jährige Institutschef selbstbewußt. Es war aber auch die Initialzündung für Korte, sich mit der grafischen Schönheit von Verdrahtungsentwürfen zu beschäftigen. Chipentwürfe sind deshalb auch das zweite Standbein des Arithmeums. Zahlreiche großformatige Ausdrucke zieren die Wände des Museumsbaus.
Ihre optische Nähe zur konstruktiven und konkreten Kunst inspirierte Korte dazu, in das Arithmeum Kunstausstellungen aufzunehmen. Gegenwärtig werden dort Drukke des HAP Grieshaber-Schülers Josua Reichert gezeigt. Auch die Musik wird im Arithmeum ihren Platz finden. Der Deutschlandfunk veranstaltet die Konzertreihe “concerto discreto” – eine Entdeckungsreise durch viele Stilrichtungen und Epochen. Korte hat der Wissenschaft damit einen Platz geschaffen, sich eindrucksvoll im Zusammenwirken mit anderen Erlebniswelten zur Schau zu stellen: “Ich will zeigen, daß Wissenschaft nicht nur spannend und faszinierend, sondern auch lustvoll sein kann.” Das Museum brilliert durch seine Besucherfreundlichkeit. Gut die Hälfte der Exponate sind zum Anfassen und Ausprobieren. Und wer sich auf den ausgelegten deutsch- und englischsprachigen Textblättern noch intensiver informieren oder nur mal seinen Blick schweifen lassen möchte, findet reichlich Platz, sich inmitten der Rechnerwelt niederzulassen. Natürlich sind die Sitzmöbel und Vitrinen vom Feinsten. Und – was Wunder – selbst die Informationstafeln zu den Exponaten sind nach einem aufwendigen Verfahren gefertigt, das “zwar den Hersteller an den Rand des Ruins brachte, aber so hochwertig ist”, sagt Korte, “daß die Beschriftung auch auf Jahrzehnte hinaus einwandfrei bleibt”. Hochwertige Exponate, formidable Gestaltung, kulturvolles Ambiente – überall merkt man, welche Bedeutung Korte der Ästhetik beimißt. Sie ist für ihn Hauptmotiv, Mathematik zu betreiben: “Bei neuen mathematischen Entdeckungen geht es nicht um irgendeine Lösung, sondern um eine schöne. Mathematik und Kunst – beide streben nach Schönem, nach perfekter Ästhetik, und brauchen sehr viel Kreativität und Phantasie.” “Wenn ein gewisses technisches Können erreicht ist, verschmelzen Wissenschaft und Kunst gern zu Ästhetik. Die großen Wissenschaftler sind auch immer Künstler.” Dieser Satz von Albert Einstein liegt auch Bernhard Korte sehr am Herzen. So gesehen braucht die Wissenschaft in Deutschland vor allem große Köpfe, um das “Public Understanding” zu fördern.
Arithmeum – rechnen einst und heute eröffnet am 8. 9. 1999 Bonn, Lennéstraße 2 (5 Gehminuten vom Hauptbahnhof) Besucherinformation: Tel. 0228/738790 Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr Eintritt: DM 6,-/DM 4,-
Wolfgang Hess / Ralph Richter





