Ich glaube, dass ich meine mathematische Begabung von meiner Mutter habe. Sie wird das heftig bestreiten, schließlich hat sie nie studiert und auch „schon längst alles vergessen, was wir damals gelernt haben”. Aber die Indizien überführen sie. Vielleicht sind es keine Beweise für eine mathematische Begabung, aber sicher für ihre Verbundenheit mit Zahlen. Dass sie bei jeder Gelegenheit zählt und so die Zeit misst, ist für sie nicht der Rede wert. Jede ihrer Pflanzen hat eine Zahl. Bis zu dieser Zahl zählt sie beim Gießen: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 für das Usambaraveilchen, 1, 2, 3 für einen kleinen Kaktus, und bei ihrer großen Amaryllis zählt sie bis 20. Auch das Anmachen des Salats mit Essig und Öl geschieht mit Hilfe von Zählen. Sie zählt eben bei allem – und spart sich dabei unter anderem den Sekundenzeiger an der Armbanduhr. Wenn man sie darauf anspricht, lächelt sie leicht verlegen und sagt: „Das mache ich schon immer so.” Wenn sie in die Kirche geht, zeigt sich eine tiefere Beziehung zur Mathematik. Jede größere Zahl bedeutet für sie eine Aufforderung, diese in Primzahlen zu zerlegen. Eine angeschlagene Zahl „336″ ist für sie nur in zweiter Linie die Nummer des nächsten Kirchenliedes, von dem sie im Zweifelsfall die ersten drei Strophen auswendig kann, sondern vor allem eine Herausforderung, diese Zahl in ihre Primfaktoren zu zerlegen. Nach kurzem Nachdenken sagt sie: 336 ist 16 · 21, also 2 · 2 · 2 · 2 · 3 · 7. Es gibt für sie schwierige und einfache Lieder. Dabei geht es weder um die Schwierigkeit der Melodie noch um die mögliche Unverständlichkeit des Textes, sondern darum, ob die Zahl leicht oder schwer zu zerlegen ist. 336 ist leicht, aber 391 war für sie lange Zeit eine schwierige Zahl. Denn mit Probieren tut man sich schwer: 391 ist nämlich 17 · 23. Irgendwann erzählte ich ihr, dass sie das ganz einfach rauskriegen kann, wenn sie sich überlegt, dass Folgendes gilt: 391 = 400 – 9, und das schreiben wir als 202 – 32. Jetzt wenden wir die binomische Formel an: (20 – 3)·(20 + 3) und das ist 17 · 23. „Das geht mit vielen Zahlen so” , erklärte ich, „probier doch mal 221 oder 247.” „Das heißt”, überlegte sie, „dass man die Zahl irgendwie als Differenz von zwei Quadratzahlen schreiben muss.” „Ja, dann kannst du die binomische Formel anwenden, nämlich a2 – b2 = (a – b)·(a+b), und hast die Zahl als Produkt dargestellt.” Sie war begeistert, und – sie revanchierte sich: „Weißt du, was für ‘ne tolle Zahl 37 ist?” Das war eine rhetorische Frage, denn natürlich hatte ich keine Ahnung. „Vor ein paar Jahren kostete ein Strang Stickgarn 37 Pfennige.” Das war noch zur Zeit der Pfennige. Und die Zeit, als man den Endbetrag noch im Kopf ausrechnen musste. „Mit 37 Pfennigen konnte man wunderbar rechnen!” Vermutlich reagierte ich auf diese Behauptung nicht mit einem sehr intelligenten Gesicht. Sie klärte mich auf: „Klar, 37 mal 3 ist 111″, und dabei lächelte sie, so wie Mathematiker, wenn vor ihrem inneren Auge ein besonders schönes Argument aufleuchtet. „Das bedeutet, 3 Strängchen kosten DM 1,11; 6 kosten DM 2,22 und 21 kosten DM 7,77 und so weiter.” „Und wenn jemand keine Dreierzahl gekauft hat?” „ Dann musste man eben noch 37 dazuzählen oder abziehen. Jedenfalls” , sagte sie mit einem Seufzer der süßen Erinnerung, „waren das noch Zeiten!” Übrigens war sie glücklich, als in der Kirche vor ein paar Jahren ein neues Gesangbuch eingeführt wurde. Durch Aufnahme zusätzlicher Lieder war es zwar dicker als das alte, aber sie tröstete sich: „Wenigstens habe ich jetzt wieder ein paar neue Zahlen zu knacken!”
Albrecht Beutelspacher





