„Nur das Beste für unsere Spieler”, muss sich FC-Bayern-Manager Uli Hoeness gedacht haben, als er ärztliche Betreuung für seinen labilen Stürmerstar Sebastian Deisler suchte. Er fand sie bei Florian Holsboer, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts (MPI) für Psychiatrie, und seinem Team. Und als CDU-Chefin Angela Merkel die Politprominenz zu ihrem 50. Geburtstag lud, sprach Wolf Singer, Direktor am MPI für Hirnforschung in Frankfurt am Main, zur versammelten Politprominenz über den neuesten Stand der Hirnforschung.
Auch sonst schätzt man die Max-Planck-Forscher: Als Allensbacher Demoskopen 1995 deutsche Führungskräfte befragten, welche einheimische Institution sie am höchsten schätzten, setzten diese die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) auf Platz 3 – nach der (damals noch bedeutenden) Bundesbank und dem Bundesverfassungsgericht. Hohes Ansehen genießt sie unter Wissenschaftlern: Nach einer Internet-Umfrage des amerikanischen Wissenschaftsmagazins „The Scientist” aus dem Jahre 2003 zählt die Gesellschaft zu den weltweit 30 besten Arbeitgebern für Postdoktoranden. Für deutsche Ingenieure, so berichtete das Fernsehmagazin Bizz vor vier Jahren, steht die Gesellschaft als Arbeitsplatz auf Platz 2 ihrer Wunschliste – hinter Siemens und vor DaimlerChrysler.
Die Anerkennung gilt einer Einrichtung, die wohl einzigartig auf der Welt ist: Sie ist ein ordentlich eingetragener Verein zur Förderung der Wissenschaften und unabhängig von Staat und Wirtschaft. Sie unterhält mehr als 80 über das ganze Land verteilte Institute, an denen derzeit 4200 Wissenschaftler forschen und das, laut Gründungssatzung, in „völliger Freiheit und Unabhängigkeit”.
Diese Freiheit der Forschung wird reflexartig gegen jeglichen Übergriff verteidigt. Sie gilt als Markenzeichen der Gesellschaft. Zweites Markenzeichen ist die Ausrichtung auf Grundlagenforschung, also auf die Produktion von Wissen, die nicht immer sofort Nutzen bringt. Das dritte Markenzeichen ist die immer wieder beschworene Exzellenz der Forschung. In den Max-Planck-Instituten, so heißt es lakonisch in einer MPG-Broschüre, betreibe man „keine Grundlagenforschung, sondern exzellente Grundlagenforschung”. Das muss auch so sein. Denn die Max-Planck-Gesellschaft ist zwar privat organisiert und forscht weitgehend autonom. Das Geld aber kommt vom Steuerzahler: 98 Prozent des Haushalts (gegenwärtig rund 1,2 Milliarden Euro) tragen Bund und Länder. Das Geld erhält die Gesellschaft ohne Auflagen.
„Dieser große finanzielle Freiraum”, sagt Bernd Ebersold, stellvertretender Generalsekretär und in der Münchener Zentrale für die Forschungspolitik zuständig, „ist weltweit einzigartig und bedeutet ein hohes Vertrauen in die Organisationsfähigkeit der Max-Planck-Gesellschaft”. Dieser politisch gewollte Freiraum muss natürlich immer wieder erkämpft werden. Ständig muss die MPG beweisen, dass sie ihr Geld wert ist. Und das geht nur, so Wolf Singer, wenn „sie das, was sie macht, sehr gut macht”.
Manchmal nerven sie schon, die lobenden Worte, die MPG-Sprecher für ihre Organisation finden. Sie sei „eine Einrichtung mit dem Anspruch der Spitzenforschung” und eine „ Schmiede für Nobelpreisträger”. In ihr, so Hubert Markl, Präsident der Gesellschaft bis 2002, „könnten die besten Forscher tatsächlich Bestes leisten”. Laut Peter Gruss, dem jetzigen Präsidenten, spielt die MPG „in der Champions League der Wissenschaften”.
Solche flotten Sprüche tragen den Max Planckern häufig den Vorwurf ein, arrogant zu sein. Können Wissenschaftler denn überhaupt nachweisen, dass sie zu den Besten gehören? Ja, indem sie sich zum Beispiel von anderen Wissenschaftlern beurteilen lassen (in Jargon heißt das: Evaluation). Oder sie zählen ihre Veröffentlichungen und wie oft sie von Kollegen zitiert werden (im Jargon heißt das: Bibliometrie).
Beidesmal schneidet die Max-Planck-Gesellschaft sehr gut ab. So bescheinigte eine Kommission internationaler Wissenschaftler Ende der neunziger Jahre der MPG eine „herausragende Position … im deutschen Forschungssystem” und „international anerkannte Forschungsleistungen”. Bibliometrische Daten belegen das. Durchschnittlich 11 500 wissenschaftliche Beiträge pro Jahr kommen seit 1992 aus Instituten der Max-Planck-Gesellschaft. Und – was besonders zählt – ein Drittel aller Publikationen aus Deutschland in den renommiertesten Zeitschriften wie „Nature”, „ Science”, „Cell” oder „Physical Review Letters” stammt aus der Feder von Max-Planck-Forschern.
Gerne weisen Sprecher der MPG darauf hin, dass sie diese Erfolge mit einem bescheidenen Budget erreichen, das dem von zwei größeren deutschen Universitäten entspricht. Ansonsten hält sich die MPG bei Vergleichen mit einheimischen Universitäten und Forschungseinrichtungen zurück. Verständlich – man will niemanden vor den Kopf stoßen: Die bibliometrischen Daten zeigen, dass die kleine Max-Planck-Gesellschaft aus der deutschen Forschungslandschaft weit herausragt. Die MPG misst sich im Forschungs-Output auch lieber mit den besten Einrichtungen weltweit. Bezugspunkte, so Ebersold, seien amerikanische Spitzenuniversitäten wie Yale und Stanford. Dass die Gesellschaft mit der US-Elite durchaus mithalten kann, findet auch Singer. Zwar warnt er vor „zu viel Dünkel” und räumt ein, dass es deutsche Universitätsinstitute gebe, die besser seien als Max-Planck-Institute. Dennoch: „Die Gesellschaft als Ganzes”, sagt er, „kann sich durchaus an dem Exzellenzgedanken messen und braucht vor dem Ausdruck ¸Elite‘ keine Angst zu haben.”
Wichtigstes Instrument der Leistungskontrolle sind die wissenschaftlichen Fachbeiräte der Institute. Sie bewerten die Arbeit der Institute und Abteilungen. Ihre Mitglieder – je nach Größe der Einrichtung bis zu einem Dutzend Experten – sind in der Regel keine Mitglieder der MPG. Etwa zwei Drittel kommen aus dem Ausland, wobei amerikanische Wissenschaftler den größten Anteil stellen.
Einer dieser Wissenschaftler ist Alan Schatzberg, Präsident der Stanford University School of Medicine. Er sitzt seit kurzem im Beirat des MPI für Psychiatrie und war von der Unabhängigkeit und Objektivität des Gremiums beeindruckt: „Seine Mitglieder arbeiten hart, ernsthaft und kritisch.”
Alle zwei Jahre fallen die Beiräte für zwei bis drei Tage im Institut ein. Sie arbeiten sich durch umfangreiche Berichte. Sie befragen die Direktoren. Sie gehen – ohne die Chefs – durch die Abteilungen. Sie fragen Mitarbeiter, wie sie mit den Direktoren zurechtkommen. Bei Doktoranden erkundigen sie sich danach, wie sie betreut werden. Kaum eine deutsche Universität lässt bislang eine derartige Kontrolle zu. Das Ergebnis ist ein vertraulicher Bericht an den Präsidenten, den er ganz oder in Auszügen dem Institut zugänglich machen kann. Bei Kritik hakt er nach. „In einem solchen Fall”, so Florian Holsboer, „muss ich sehr detailliert antworten und auch schon mal mea culpa sagen”. Es wird aber auch gelobt – mit positiven Folgen für das Institut: „ Ein starkes Votum des Fachbeirats hilft”, sagt Singer. „Man erhält mehr.”
Mehr Mitarbeiter und bessere Ausstattung – das ist der Lohn für sehr gute Forschung. Wird ein Direktor schlecht bewertet, erhält seine Abteilung weniger Mittel. Entlassen kann man ihn nicht: Arbeitsrechtlich ist er einem auf Lebenszeit beamteten Universitätsprofessor gleichgestellt und damit unkündbar. Allerdings kann das oberste Gremium der MPG – der Senat – im Falle extremer wissenschaftlicher Minderleistungen ihm die Leitung seines Arbeitsbereichs entziehen.
Die 4200 Wissenschaftler werden von mehr als 7000 nichtwissenschaftlichen Arbeitskräften unterstützt. Hinzu kommen über 9000 Nachwuchs- und Gastwissenschaftler, die zeitlich begrenzt an den Instituten der Gesellschaft arbeiten. Nicht alle Forscher können tatsächlich frei arbeiten: Die Forschungsziele werden vor allem von den 278 Direktoren bestimmt, die die Abteilungen in den Max-Planck-Instituten leiten.
„Der Direktor denkt. Die anderen sind die Hilfstruppe”, ist die Auffassung des Betriebsratsvorsitzenden Dirk Hartung. Direktor Singer hat eine andere Sicht. „Der klassische Max-Planck-Direktor war allmächtig. Er hatte Dienstwagen, Dienstvilla und ein Institut, mit dem er spielen konnte.” Diese feudalen Zeiten seien vorbei. Die MPG habe sich inzwischen spürbar demokratisiert. „Heute”, sagt Singer, „haben wir regelmäßig evaluierte, kollegial geführte Institute, in denen wir Direktoren als Primi inter Pares fungieren.”
Dennoch – der Direktor ist weiterhin Dreh- und Angelpunkt der Max-Planck-Welt. Dafür sorgt das Harnack-Prinzip, benannt nach Adolf von Harnack, dem ersten Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (der Vorläuferin der MPG). Das Prinzip bedeutet: Institute und Abteilungen entstehen um einen Spitzenforscher als Direktor. Der bestimmt Themen und Mitarbeiter.
Leichtfertig, so Bernd Ebersold, werde kein Direktor berufen. Wolle die Gesellschaft ihren Standard halten, könne sie sich nicht mit Guten zufrieden geben. Sie müsse stets die Besten rekrutieren. Berufungen von Direktoren sind deshalb ein langwieriger Prozess und „oft nicht ganz durchschaubar”, wie Hans-Walter Rix bedauert, seit fünf Jahren Direktor am Heidelberger MPI für Astronomie.
Ein Max-Planck-Direktor bewirbt sich in aller Regel nicht, er wird erwählt. Eine Berufungskommission prüft zunächst sehr diskret Kandidatenvorschläge. Manchmal fühlt man bei einem Kandidaten vor, manchmal überhaupt nicht. Seit den neunziger Jahren lädt die MPG über Science und Nature gern zu einem Suchsymposium ein, auf dem Kandidaten zu einem vorgegebenen Thema sprechen. „Dabei erlebt man immer wieder Überraschungen”, sagt Singer. „Kollegen geraten ins Blickfeld, an die zuvor niemand gedacht hatte.”
Für jeden Kandidaten holt die Kommission ein Dutzend Gutachten von renommierten internationalen Forschern ein. Sind nur zwei oder drei negativ, wird aus der Berufung in der Regel nichts. Hat die Kommission einen Kandidaten gefunden, stimmt das Plenum der Sektion ab (die Institute der MPG sind drei Sektionen zugeordnet – der Chemisch-Physikalisch-Technischen, der Biologisch-Medizinischen und der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion). Schon bei wenigen Neinstimmen und Enthaltungen fällt ein Kandidat durch.
Mehr als ein Viertel der Direktoren, die heute im Amt sind, hat eine ausländische Staatsbürgerschaft. 41 Direktoren sind Deutsche, die aus dem Ausland zurück berufen wurden. Auch sonst wird Gesellschaft immer internationaler: Ein Viertel der Wissenschaftler kommt aus dem Ausland. In den neuen Bundesländern, wo die MPG seit der Wende 18 neue Institute geschaffen hat, sind es sogar über 40 Prozent. Bei den Nachwuchs- und Gastwissenschaftlern stieg der Anteil der Ausländer zwischen 1993 und 2002 von 38 Prozent auf 52 Prozent.
Dieser Trend hat nicht nur mit der wachsenden internationalen Verflechtung von Forschung zu tun. Florian Holsboer, an dessen Institut die Hälfte der Wissenschaftler aus dem Ausland stammt, nennt einen anderen Grund: „Auf dem deutschen Wissenschaftlermarkt bekomme ich häufig nicht mehr die Qualität, die das Institut braucht.”
Doch so einfach ist es nicht, im Ausland Spitzenleute zu rekrutieren. Schon vor sechs Jahren klagte der damalige Präsident Hubert Markl, dass der weltweite Wettbewerb um exzellente Wissenschaftler ständig härter werde. Probleme bereitet vor allem das beamtenrechtliche Gehaltsgefüge. Das Spitzengehalt, das die MPG ihren Direktoren zahlt, entspricht dem, was eine deutsche Universität zahlen kann. „Und damit können wir”, so Ebersold, „ zunehmend nicht einmal mit Spitzeninstituten in der Schweiz oder Österreich konkurrieren, ganz zu schweigen von den USA.”
Zahlen belegen das: Das Gehalt eines deutschen Professors kann bis zu 130 000 Euro pro Jahr betragen. Das typische Brutto-Jahresgehalt eines Professors in den USA liegt bei 180 000 Dollar (derzeit etwa 135 000, vor drei Jahren 200 000 Euro). Spitzengehälter können deutlich höher sein. Vor wenigen Jahren ist – laut MPG – bereits ein Gehalt von 280 000 Dollar belegt. Bei der Schweiz müsse man mit einem Gehalt in der Größenordnung von 230 000 Schweizer Franken (knapp 150 000 Euro) konkurrieren. Hier wünscht sich die Gesellschaft eine grundlegende Reform. Der Beamtenstatus, so Holsboer, sei mit dem globalen Wettbewerb nicht mehr verträglich.
Trotz Verpflichtung auf die Grundlagenforschung – die MPG behält die Nutzung ihrer Forschungsergebnisse im Auge. „Wir sind eben keine Käferforscher, die an Käfern Dinge erforschen, die nur für andere Käferforscher wichtig sind”, meint Holsboer, dessen Institut im vergangenen Jahr von einem großen Pharmaunternehmen einen mit 500 000 Dollar dotierten Preis erhielt. Auch der jetzige Präsident Peter Gruss, ein Molekularbiologe, wurde für innovative Forschung ausgezeichnet. Gruss, damals noch am Göttinger MPI für biophysikalische Chemie, und sein Kollege Herbert Jäckle erhielten 1999 den „Deutschen Zukunftspreis” für ein therapeutisches Konzept, das bei vielen Krankheiten helfen könnte. Daraus entstand die Biotechnologiefirma DeveloGen.
Solche Beispiele sind keine Ausnahme. Tatsächlich weist die MPG eine sehr gute Bilanz vor, wenn es um die Anwendung von Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung geht: Als erste deutsche Wissenschaftsorganisation richtete sie 1971 eine Technologietransferstelle ein, die Firma Garching Innovation. Mit ihrer Hilfe hat die Gesellschaft in den letzten 15 Jahren 65 Unternehmen gegründet und 3000 Arbeitsplätze geschaffen. Andere deutsche Forschungsorganisationen weisen zwar eine größere Zahl von Patenten oder Ausgründungen vor. Aber, so erklärte Gruss auf der letzten Hauptversammlung, entscheidend sei die Qualität, nicht die Quantität: „Die Lizenzeinnahmen liegen in der Max-Planck-Gesellschaft seit den achtziger Jahren kontinuierlich über denen anderer Organisationen.”
Besonders erfolgreich ist die Gesellschaft im Life-Science-Bereich. „Biotechfirmen wie GPC biotech oder Evotech entstammen sowohl bei den Technologien als auch beim Personal der MPG”, sagt Bernd Ebersold. „Sie sind Ergebnis der Grundlagenforschung, die wir in den sechziger und siebziger Jahren betrieben haben.” Er vergleicht hier gerne mit der Fraunhofer-Gesellschaft, die in Größe und Institutsvielfalt der MPG gleichkommt, aber angewandt und industrienah forscht. Weil damals die Nachfrage der Wirtschaft fehlte, habe Fraunhofer das biotechnologische Feld kaum beackert. Das – freut sich Ebersold – sei ein schlagender Beweis dafür, dass man Innovation nicht auf die Verwertungsinteressen der Industrie verkürzen könne.
Die großen Umbrüche der letzten 15 Jahre, angefangen von der Wiedervereinigung bis hin zur Krise öffentlicher Finanzen, haben auch die MPG getroffen. Dennoch: Ihr Aufbau Ost ist eine Erfolgsgeschichte. 18 Institute sind von Grund auf neu entstanden – mit internationalen Spitzenforschern, mit neuen Forschungsfeldern und mit exzellenter Architektur. Zwar musste die MPG im Westen dafür Institute und Abteilungen abbauen. „Doch unterm Strich”, stellt Wolf Singer stolz fest, „ist die Max-Planck-Gesellschaft gewachsen und hat sich diversifiziert. Es war eine große Chance, die wir sehr gut genutzt haben.”
Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich der Schwerpunkt auf die Lebenswissenschaften verlagert, scheint es. „Nur vordergründig”, meint Bernd Ebersold, denn das Forschungsspektrum der MPG lasse sich kaum in klassischen Grenzen fassen. Die Gesellschaft habe auf interdisziplinäre Grundlagenforschung gesetzt – etwa durch die Überlagerung von Material- und Lebenswissenschaften. So betreibe das Stuttgarter MPI für Metallforschung mehr und mehr „bio-inspirierte Materialforschung” . Die Forscher studieren etwa die Wechselwirkung von Biomolekülen und Nanostrukturen. Oder sie finden heraus, wie es Insekten und Geckos fertig bringen, sich an Wände zu haften – und setzen diese Erkenntnisse in technische Systeme um.
Grenzüberschreitungen gibt es auch bei den neuen Instituten. Paradebeispiel ist das Leipziger MPI für evolutionäre Anthropologie, wo Natur- und Geisteswissenschaftler zusammen die Evolution des Menschen erforschen. Ein Sprachforscher, ein Kognitionswissenschaftler, ein klassischer Genetiker, ein Primatenforscher und ein Anthropologe leiten jeweils die fünf Abteilungen des Instituts. Alle fünf kommen aus dem Ausland, „ alle konnten wir aus guten Positionen in eine nicht ganz einfache soziale Forschungslandschaft locken”, sagt Ebersold. Ausschlaggebend war die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die in dieser Form nirgendwo sonst auf der Welt existiert.
Das Institut für demografische Forschung in Rostock ist ein Beispiel dafür, dass die MPG verstärkt Grundlagenforschung für gesellschaftliche Innovationen betreibt. Die Rostocker untersuchen die Dynamik der Bevölkerungsentwicklung und deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Ökonomie. Die Hälfte aller heute geborenen Mädchen – so eine Erkenntnis des Instituts – werde 100 Jahre lang leben.
Diese Prognose, so Florian Holsboer, verdeutliche die soziale Brisanz des Themas. „Wenn wir schon so gut sind”, fragt der Direktor des MPI für Psychiatrie, „müssen wir da nicht erst recht einen Beitrag zu diesen großen Fragen unserer Zeit leisten?” Holsboer zählt sein Institut zu jenen Einrichtungen, die Grundlagen für neuartige Arzneimittel schaffen, etwa gegen Depression und Angst. Auch das neu gegründete MPI für Infektionsbiologie in Berlin, das Infektionskrankheiten erforscht – die Haupttodesursache weltweit – und das geplante MPI für Alternsforschung kommen einem großen Bedarf entgegen, ebenso wie das MPI für Bildungsforschung, das für die deutsche PISA-Studie zuständig ist. Einflussreich ist auch das Kölner MPI für Gesellschaftsforschung, an dem man schon seit Jahren über die Zukunft des Wohlfahrtsstaates nachdenkt. Einer der Institutsdirektoren, der Soziologe Wolfgang Streeck, findet stets ein offenes Ohr beim heutigen Bundeskanzler.
Ebersold sieht die Gesellschaft in den kommenden Jahren als „ weltweit sichtbare Forschungseinrichtung, die internationale Forscher nach Deutschland zieht”. Im Gegenzug denken die Strategen der Gesellschaft darüber nach, das „Max-Planck-Prinzip auch über die deutschen Grenzen auszuweiten”. Man plant Institutsneugründungen im europäischen Ausland ebenso wie eine stärkere Zusammenarbeit mit außereuropäischen Forschungseinrichtungen. Zwischen der chinesischen Akademie der Wissenschaften und der MPG bestehen seit 30 Jahren Verbindungen. Etwa ein Dutzend Partnergruppen sind inzwischen dort entstanden.
Im vergangenen Jahr haben Max-Planck-Institute vier Partnergruppen an indischen Forschungseinrichtungen eingerichtet, geleitet von ehemaligen indischen Gastwissenschaftlern. Indische Nachwuchswissenschaftler sollen verstärkt gefördert werden. Bis 2007 soll die Zahl dieser „Max Planck India Fellows” auf jährlich 60 wachsen. Der Trend ins Ausland hat handfeste Gründe: „Manche Dinge lassen sich im Ausland besser, schneller und einfacher machen als hier”, sagt Florian Holsboer.
Auch Geld fließt im Ausland gelegentlich üppiger. Grundlagenforschungsinstitute in Frankreich, Großbritannien und USA konnten und können sich über jährliche Budgetzuwächse von 5, 6 oder gar 15 Prozent freuen. Hierzulande ist die MPG bereits froh, dass Berlin zugesichert hat, die Haushalte der Wissenschaftsorganisationen bis 2010 jährlich um mindestens drei Prozent aufzustocken. Auf lange Sicht wollen die MPG-Oberen mehr. Nur dann, so heißt es, könne man im internationalen Wettbewerb mithalten. ■
HEINZ HOREIS, langjähriger bdw-Autor und Porträtist großer Wissenschaftler, hat erstmals eine Institution für bild der wissenschaft beschrieben.
Heinz Horeis
COMMUNITY Internet
Wer noch mehr über die Max-Planck-Gesellschaft erfahren will:
www.mpg.de
Das aktuelle Ranking der weltweit meist publizierenden Wissenschaftler:
www.isihighlycited.com
Ohne Titel
· An den 80 Instituten forschen 4200 Wissenschaftler sowie 9600 Nachwuchs- und Gastwissenschaftler. • Der Präsident sieht die MPG in der Champions League der Wissenschaften. • Ehe jemand Wissenschaftlicher Direktor wird, befinden ein Dutzend Gutachter über ihn. • Im weltweiten Nobelpreis-Vergleich schneidet die MPG gut ab, doch seit 1996 warten die Forscher dort vergeblich auf eine solche Auszeichnung.
Visionen im Fünf-Jahres-Takt
Wissenschaftliche Entdeckungen lassen sich weder planen noch vorhersehen, geschweige denn nach einem Zeitplan erarbeiten. Im Gegenteil: „In aller Regel müssen sie mühsam in einem langwierigen Prozess der Natur abgerungen werden”, erklärt Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Wo die MPG ansetzt, um der Natur Geheimnisse abzuringen, ist Inhalt der im April erscheinenden „Forschungsperspektiven”. Auf 130 Seiten werden dort derzeitiger Wissensstand, visionäre Projekte sowie Forschungsstrategien vorgestellt.
Auf Vollständigkeit ist der Bericht ebenso wenig angelegt, wie sein Vorgänger „Forschungsperspektiven 2000+”. Im Mittelpunkt stehen gesellschaftsrelevante Themen der Grundlagenforschung, also eine Auswahl wichtiger Fragen, die unser Leben bestimmen. Deshalb sind die Herausgeber bei ihrer zweiten, völlig überarbeiteten Neuauflage der Forschungsperspektiven davon abgekommen, den wissenschaftlichen Status quo und die Zukunftspläne anhand ihrer drei Forschungsbereiche – chemisch-physikalisch-technische, biologisch-medizinische und geistes-, sozial- und humanwissenschaftliche Sektion – zu beschreiben. Stattdessen kommen Institute und Einrichtungen mit 37 Aufsätzen, verteilt auf zwölf übergreifende Kapitel, zu Wort.
Das erste Kapitel „Mit dem Urknall anfangen” beschäftigt sich mit der Entwicklung des Kosmos. Astrophysiker der Max-Planck-Gesellschaft hatten großen Anteil daran, dass entscheidende Durchbrüche bei der Entdeckung von Schwarzen Löchern, extrasolaren Planeten und bei der Vermessung der dunklen Materie und dunklen Energie gelangen. Die Identifizierung dieser „ Dunklen Welt” ist eines der fundamentalsten Probleme astrophysikalischer Grundlagenforschung. An den geplanten Großteleskopen im gesamten Bereich des elektromagnetischen Spektrums, die überwiegend in globaler Kooperation entwickelt und finanziert werden, will sich die MPG beteiligen. Auch die Plasmaforscher der Max-Planck-Gesellschaft erhoffen sich in den nächsten Jahren mit Hilfe von internationalen Forschungsprojekten neue Erkenntnisse über Plasmen, ein fundiertes Verständnis von Sternexplosionen und die Kontrolle der Kernfusion: Etwa durch den Forschungsreaktor ITER, der erstmals auf der Erde ein brennendes Kernfusionsplasma erzeugen soll, oder durch die Solar-Orbiter-Mission, die sich der Sonne so nahe wie nie zuvor nähern soll.
Die Erforschung des Erdsystems und der Wechselwirkungen zwischen menschlichen Aktivitäten, Landökosystemen, Ozeanen und Atmosphäre liegt im Fokus der Max-Planck-Institute in Mainz, Hamburg und Jena und ist Thema des Kapitels „Raumschiff Erde”. Langfristig wollen die Wissenschaftler Strategien zur optimalen Nutzung der natürlichen Ressourcen und technologische sowie ökonomische Alternativen einer nachhaltigen Energieversorgung entwickeln.
Als wahrscheinlichste Variante für eine langfristig tragfähige Energieversorgung – abgesehen von der „Vision der Energieerzeugung durch Kernfusion” – erscheint den Max-Planck-Forschern neben der Solarenergie ein System, das auf Wasserstoff aus erneuerbaren Ressourcen basiert. Ziel der Arbeiten sind wissenschaftliche Grundlagen und Komponenten für solche Kreislaufsysteme.
Im Bereich biomimetische Materialforschung werden derzeit neue Funktionsmaterialien mit Nanostrukturierung entwickelt. Ziel sind: bessere Batterien, hochempfindliche Sensoren, Membranen für die Brennstoffzelle oder neue elektronische Komponenten. Ein Beispiel für kleinste Festkörper, die in der Max-Planck-Gesellschaft erforscht werden, sind Kohlenstoff-Nanoröhren. Sie eignen sich zum Aufbau klassischer und quantenmechanischer Bauelemente in der Elektronik. Transistoren und Mikroprozessoren werden in ein bis zwei Jahrzehnten möglicherweise Strukturgrößen im atomaren Bereich erreichen. Dann eröffnet die Quantenphysik neue Einsatzgebiete, da die Informationsträger nicht nur die beiden Zustände „an” oder „aus”, sondern beliebige Überlagerungen annehmen können. Quantencomputer bieten die Chance, komplexe Systeme zu verstehen, die mit klassischen Computern nicht simuliert werden können. Eine andere Forschungsrichtung, die in der MPG forciert werden soll, ist die Entwicklung eines „Quanten-Netzwerks”: Die Verarbeitung von Information geschieht darin rein optisch, und die Daten gelangen abhörsicher über große Entfernungen von einem Knoten zum anderen (Kapitel „Materialien und Zeitalter”).
Angesichts der Bedeutung der Informatik hat sich die Max-Planck-Gesellschaft zur Gründung eines Instituts für Software-Systeme entschieden. Es soll die wissenschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung komplexer Softwaresysteme erforschen. Von ihrem reibungslosen Funktionieren sind Geschäftsprozesse, Telekommunikationsnetze und große Teile der Automobil- und Flugzeugfertigung abhängig. Als weiteres Thema wurde das Forschungsgebiet „Intelligente Computersysteme” identifiziert. Da hier vielfältige Verbindungen zu den Lebens- und Geisteswissenschaften sowie der Hirnforschung und der Neuropsychologie bestehen, plant die Max-Planck-Gesellschaft sektionsübergreifende Projekte (Kapitel „Information”).
Kaum ein Gebiet der Biomedizin wird so kontrovers diskutiert wie die Stammzellforschung. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die durch einen pathologischen Zellabbau verursachten Erkrankungen mit therapeutisch eingesetzten adulten und embryonalen Stammzellen behandelt oder gar kuriert werden können. Eine Antwort darauf kann nur die Grundlagenforschung in Verbindung mit geeigneten Tiermodellen geben, davon sind die Max-Planck-Forscher überzeugt. Charakteristika adulter und embryonaler Stammzellen werden dabei auf molekularer Ebene analysiert, so dass darauf aufbauend neue therapeutische Ansätze entwickelt werden können. Darum geht es im Kapitel „Gesundheit” – und auch um die Krankheitsprävention, mit dem Ziel, den Menschen ein möglichst langes und gleichzeitig gesundes Leben zu ermöglichen. Das halten die Max-Planck-Forscher für eine der größten Zukunftsaufgaben der Medizin. Eine wichtige Rolle spielt auch die Infektionsbiologie, die sich mit dem komplexen Zusammenspiel von mikrobiellen Krankheitserregern und ihrem menschlichen Wirt beschäftigt. Gerät diese Wechselbeziehung aus dem Gleichgewicht, werden pathologische Prozesse in Gang gesetzt, die nach neueren Forschungsergebnissen auch an der Entstehung von Demenzen und Herzkreislauf-Erkrankungen beteiligt sein können. Das in den Max-Planck-Instituten erarbeitete Detailwissen soll besser zwischen Grundlagen- und praktischer Therapieforschung vernetzt werden. Die MPG will deshalb ihr Aufgabenfeld an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und klinischer Anwendung neu definieren und Kliniken sowie die Industrie in diesen Prozess mit einbeziehen.
Die Menschen werden zwar immer älter, doch die genetischen und biochemischen Mechanismen des Alterns sind bis heute weitgehend unbekannt: Um die Gerontologie stärker voranzutreiben, hat die MPG zwei neue Forschungsinitiativen beschlossen (Kapitel „Altern” ): die Neugründung eines Instituts zur interdisziplinären Erforschung der biologischen Grundlagen des Alterns und das „ MaxNet Aging”, ein auf fünf Jahre angelegtes internationales Netz zur Erforschung des Alterns in den Verhaltens-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Langfristiges Ziel des Instituts für Biologie des Alterns ist es, durch Verständnis der molekularen Prozesse und der Fremdeinflüsse die Bedingungen für ein gesundes Altern des Menschen zu verstehen. Untersuchungen an Modellorganismen sollen mit einer vergleichenden Genom-Analyse am Menschen verknüpft werden. Dabei sollen 3000 über 90 Jahre alte Geschwisterpaare über ihre Lebensgewohnheiten befragt und um Blutproben gebeten werden.
Auch die Neurowissenschaften sind weltweit enorm im Aufschwung: Die MPG hat sie durch sieben Institutsneugründungen zu einem Schwerpunkt ausgebaut. Die künftigen Forschungsschwerpunkte sind: Wie entwickelt sich das Gehirn und besonders die Großhirnrinde – was ist durch die Gene festgelegt, und was wird durch Erfahrung und Lernen „eingeprägt”? Wie lassen sich kognitive Funktionen erforschen, und welche Beiträge liefern tierexperimentelle Befunde? Wie unterscheidet sich die geistige Leistungsfähigkeit in der Jugend und im Alter? Da diese Forschung von komplexen Technologien abhängig ist, die nicht schlüsselfertig angeboten werden, beschäftigen sich die MPG-Forscher auch mit der technischen Weiterentwicklung von Methoden der virtuellen Realität und Magnetresonanztomographie. Ein Durchbruch könnte die neurokognitive Forschung (Kapitel „ Komplexes Netzwerk Gehirn”) erheblich voranbringen. Heidi Wahl ■





