Wenn es um komplexe Fakten oder neue Phänomene geht, arbeiten sich auch Wissenschaftler oft erst schrittweise zu einem Verständnis des ganzen Bildes vor. Die aktuelle Corona-Pandemie illustriert diesen typischen Prozess des Erkenntnisgewinns sehr deutlich: Anfangs war nur wenig über das Virus und seine Auswirkungen bekannt und die Daten beruhten auf kleinen, oft lokalen Studien. In dem Maße, indem mehr Daten hinzugekommen sind, haben sich einige anfängliche Vermutungen erhärtet, andere mussten revidiert oder zurückgezogen werden. Im Laufe der Pandemie haben sich dadurch auch die Aussagen und Empfehlungen der Experten in Teilen gewandelt – Stichwort Masken. In der Bevölkerung sorgte dies teilweise für Unverständnis und Verunsicherung. Doch die Fähigkeit, auf Basis neuer Erkenntnisse alte Annahmen immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren, ist letztlich der Motor des wissenschaftlichen Fortschritts – und eine wichtige Säule der internen Qualitätskontrolle.
108 Hirnscans und neun Hypothesen
Doch was passiert, wenn 70 Forscherteams unabhängig voneinander dieselben Datensätze analysieren, um dieselben Hypothesen zu testen? Das hat ein internationales Forscherteam nun ganz praktisch ausprobiert. “Der wissenschaftliche Prozess umfasst viele Schritte: Eine Theorie wird entwickelt, Hypothesen erstellt, schließlich Daten gesammelt und ausgewertet”, erklärt Co-Autor Simon Eickhoff vom Forschungszentrum Jülich. “Jeder dieser Schritte kann die endgültigen Schlussfolgerungen potenziell beeinflussen, aber in welchem Umfang? Werden zum Beispiel verschiedene Forscher auf der Grundlage derselben Daten und Hypothesen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen?” Um das zu testen, wählten die Forscher unter Leitung von Tom Schonberg von der Universität Tel Aviv Aufnahmen der Hirnaktivität von 108 Versuchspersonen aus, die an einer neuropsychologischen Studie teilgenommen hatten. Diese mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) gemachten Aufnahmen zeigten, welche Hirnareale aktiv waren, wenn die Teilnehmer bestimmte finanzielle Entscheidungen trafen.
Die Wissenschaftler verschickten diese 108 Datensätze an 70 Forscherteams in der ganzen Welt. Jedes Team analysierte diese Daten mit ihren jeweiligen Standard-Methoden und überprüften anhand der Ergebnisse neun allen vorgegebene Hypothesen. Als Endergebnis sollten sie die Hypothesen jeweils mit Ja oder Nein beantworten. “Bei jeder dieser Hypothesen wurde gefragt, wie sich bestimmte Aspekte der Entscheidungsfindung auf die Hirnaktivität auswirken”, erläutert Eickhoff. Die Analyseteams hatten drei Monate Zeit, um die Daten auszuwerten. Danach lieferten sie Schonberg und seinem Team ihre Resultate für die verschiedenen Hypothesen, ihre Zwischenergebnisse sowie detaillierte Informationen über ihr Vorgehen bei der Analyse.





