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Wirklich wahr?
Es gibt eine merkwürdige Stelle in der Bibel, die man leicht überliest. Als Jesus im Amtssitz des römischen Statthalters Pontius Pilatus verhört wird und beteuert, er sei gekommen, um „für die Wahrheit Zeugnis abzulegen“, stellt Pilatus eine Frage: „Was ist Wahrheit?“ Ohne auf Jesu Antwort zu warten, wendet Pilatus…
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von TOBIAS HÜRTER
Es gibt eine merkwürdige Stelle in der Bibel, die man leicht überliest. Als Jesus im Amtssitz des römischen Statthalters Pontius Pilatus verhört wird und beteuert, er sei gekommen, um „für die Wahrheit Zeugnis abzulegen“, stellt Pilatus eine Frage: „Was ist Wahrheit?“ Ohne auf Jesu Antwort zu warten, wendet Pilatus sich ab und verlässt den Raum. Die Wahrheit – sie war Jesus offenbar so wichtig, dass er für sie sein Leben einsetzte. Sie war auch Pilatus wichtig. Ist dieser Jesus schuldig oder nicht? Pilatus wusste es nicht. Er kam ins Philosophieren: Was ist Wahrheit überhaupt?
In Zeiten von Wissenschaftsskepsis und Verschwörungserzählungen hat die Frage nach der Wahrheit eine besonders große Bedeutung.
Nicht die Wahrheit ist dabei abhandengekommen, sondern die gemeinsamen Wege dorthin sind es.
Es bleibt notwendig, Wahrheit zuverlässig zu prüfen.
Es gibt Momente, in denen die Grundsatzfrage nach der Wahrheit besonders wichtig ist. Gerade ist so ein Moment. In einer Zeit, die von Wissenschaftsskepsis und Verschwörungserzählungen geprägt ist, in der etablierte Wahrheit zu wanken scheint und keine neue in Sicht ist, in der so viele widersprüchliche Aussagen vermeintlicher und echter Experten kursieren, verliert man leicht den Durchblick.
Was also ist Wahrheit? Wie spüren wir sie auf? Gibt es prinzipiell unerkennbare Wahrheiten? Für diese Fragen haben Philosophen mehr Geduld als Pilatus, sie denken seit Jahrtausenden darüber nach. Sie beschäftigten Platon und Aristoteles schon Jahrhunderte vor Christus, später Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In den letzten hundert Jahren näherten Philosophen sich der Wahrheit auf neuen Wegen, mit den Werkzeugen der modernen Logik und Mathematik nämlich – mit manchmal erstaunlichen Ergebnissen. Manche Philosophen behaupten sogar, wir könnten uns den Gebrauch des Wortes „Wahrheit“ ganz sparen.
Das Wesen der Wahrheit
Jeder Mensch fragt manchmal nach der Wahrheit. Stimmt meine Theorie? – fragt eine Wissenschaftlerin. Hat der Verdächtige die Tat wirklich begangen? – fragt ein Detektiv. Welche Wahrheit liegt in den Worten der Bibel oder des Korans? – fragt ein Priester oder Imam. Es gibt Wahrheit in der Naturwissenschaft, in der Mathematik, im Rechtswesen, vielleicht in der Ethik, vielleicht in der Ästhetik. Ist es überall dieselbe Wahrheit, oder bedeutet Wahrheit je nach Bereich etwas anderes? Das ist die philosophische Frage: die Frage nach dem Wesen der Wahrheit.
In der Frage sind die Philosophen sich einig. In der Antwort nicht. Im Lauf der Jahrhunderte sind mehrere sehr unterschiedliche Theorien darüber entstanden, was Wahrheit ist. „Es gibt keine Arbeitsdefinition von Wahrheit, auf die sich Philosophinnen und Philosophen bisher verständigen konnten“, sagt Elke Brendel, Professorin für Logik und Grundlagenforschung an der Universität Bonn. Worauf sie sich immerhin verständigt haben: Wahr kann nur etwas sein, das einen Sachverhalt beschreibt – das eine „propositionale Struktur“ hat, wie Philosophen sagen. Das kann eine Aussage sein, eine Meinung, eine Überzeugung, eine Hypothese oder eine Theorie. Wenn diese Beschreibung irgendwie stimmt oder zutrifft, dann ist sie wahr. Eine Plattitüde. Aber was heißt das genau?
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Im 13. Jahrhundert definierte der Philosoph und Theologe Thomas von Aquin Wahrheit als die „Übereinstimmung zwischen dem Wissen und dem Seienden“. Er formulierte damit die sogenannte Korrespondenztheorie der Wahrheit: die klassische und intuitiv plausibelste Theorie der Wahrheit. Wahr ist, was stimmt, also mit den Tatsachen übereinstimmt. Bei näherem Hinsehen jedoch wirft die Korrespondenztheorie mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Was ist eine Tatsache? Was heißt es, dass eine Aussage und eine Tatsache „übereinstimmen“? Bei einer Aussage wie „Ein Glas Wasser steht auf dem Tisch“ mag man sich das noch gut vorstellen können. Aber welcher Tatsache entspricht eine verneinte wahre Aussage wie „Es gibt keinen Berg höher als der Mount Everest“? Und was ist mit einer kontrafaktischen Aussage wie „Hättest du den Drahtzaun berührt, dann hättest du einen Schlag gekriegt“ – welche Tatsache entspricht ihr, wenn der Zaun unberührt geblieben ist? Noch schwieriger wird es bei ästhetischen Urteilen wie „Rembrandt war ein großer Künstler“ oder moralischen Aussagen wie „Du sollst deiner Mutter helfen“. Sind diese Sätze wahre Aussagen? Es ist ganz und gar unklar, welche Tatsachen ihnen entsprechen könnten.
Aus solchen Zweifeln am herkömmlichen Verständnis der Wahrheit entstand eine Konkurrentin der Korrespondenztheorie: die Kohärenztheorie. Ihr zufolge ist etwas wahr, wenn es zu einem zusammenhängenden Verbund von Aussagen oder Überzeugungen gehört. Auch die Kohärenztheorie hat Tradition. Sie wurde von Philosophen wie Baruch de Spinoza und Johann Gottlieb Fichte vertreten. Der Grundgedanke: Wahrheit ist Kohärenz der Ideen. Die Vorstellung einer Übereinstimmung zwischen Ideen und Welt, die in der Korrespondenztheorie steckt, weist sie zurück. Jenseits der Ideen können wir nicht schauen. Vollendete Kohärenz, glaubten die frühen Vertreter der Kohärenztheorie, könne nur das Gedankenwerk eines unendlichen Geistes sein, vielleicht Gottes. Wahrheit sei der ideale Zielpunkt menschlicher Erkenntnis, wir könnten uns ihr zwar immer weiter nähern, sie aber nie ganz erreichen.
Aber auch die Kohärenztheorie hat Schwächen. Eine davon legte der englische Philosoph Bertrand Russell bloß, mit seinem berühmten „Bischof-Stubbs-Einwand“. Russell hielt entgegen, dass wir auch die Aussage „Bischof Stubbs starb am Galgen“ für teilweise wahr halten müssten, weil auch diese – offensichtlich falsche – Aussage zu einer schlüssigen, aber fiktiven Geschichte des Lebens des Bischofs gehören könnte. Doch der angesehene Bischof William Stubbs war Jahre zuvor friedlich in seinem Bett entschlafen. Die Überzeugungen eines Menschen können in sich schlüssig und kohärent sein – und trotzdem falsch. Denn Wahrheit ist mehr als Kohärenz.
Es ist also schwierig, das Wesen der Wahrheit theoretisch zu klären. Das bewog manche Philosophen zu einem Strategiewechsel: alle Theorie von Korrespondenz und Kohärenz zu vermeiden und sich der Praxis des Umgangs mit der Wahrheit zuzuwenden. Voran gingen am Ende des 19. Jahrhunderts die Vordenker des Pragmatismus wie der Amerikaner Charles Sanders Peirce. Wahrheit sei jene Meinung, sagte Peirce, zu der irgendwann alle kommen, die lange genug danach forschen: der Konvergenzpunkt der Erkenntnis. Wir erreichen ihn nie ganz, doch wir können uns der Wahrheit weiter und weiter annähern. Unsere Beschreibungen der Welt werden immer zutreffender. Wahrheit ist, was aller Prüfung standhält.
Überschätzt und entbehrlich?
Im frühen 20. Jahrhundert ereignete sich in der Philosophie das, was heute die „linguistische Wende“ heißt. Metaphysische Spekulationen kamen aus der Mode. Philosophen untersuchten den Gebrauch der Wörter „Wahrheit“ und „wahr“, statt das Wesen der Wahrheit zu ergründen. Der deutsche Logiker Gottlob Frege stellte damals fest, dass es wenig hinzufügt, eine Aussage „wahr“ zu nennen. Der Unterschied zwischen „Caesar wurde ermordet“ und „Es ist wahr, dass Caesar ermordet wurde“ ist gering. Wofür brauchen wir dann überhaupt das Wörtchen „wahr“?
Gar nicht, behauptete der englische Mathematiker Frank Ramsey. Er stellte im Jahr 1927 die Redundanztheorie der Wahrheit auf: Wahrheit habe keine tiefere Bedeutung, behauptete Ramsey. Sie sei zu banal, um sich über sie den Kopf zu zerbrechen. Auf die Frage des Pilatus „Was ist Wahrheit?“ hätte Ramsey vielleicht erwidert: Sag du es mir! Was interessiert dich so am Wesen der Wahrheit? Finde lieber heraus, ob Jesus von Nazareth schuldig oder unschuldig ist. Es sind nicht zwei Probleme: Ist er schuldig – ist es wahr, dass er schuldig ist? Es ist ein und dasselbe Problem, und zwar deins.
Fast scheint es demnach, als sei Wahrheit ein Luxusbegriff und in ihrer Bedeutung von der klassischen Philosophie völlig überschätzt. Manche Philosophen der Postmoderne bestritten, dass es absolute Wahrheit überhaupt gebe. Wahrheit sei abhängig von der subjektiven Perspektive, also Ansichtssache. Eine „Erzählung“ unter vielen. Das postmoderne Verständnis von Wahrheit zeigt sich heute in Schlagwörtern wie „alternative Wahrheit“, „Fake news“ und „postfaktisch“. Und darin, dass Donald Trump sein soziales Netzwerk truth.social nennt sowie seine erwiesenen Lügen „wahrheitsgetreue Übertreibung“ (truthful hyperbole).
Andere Philosophen nehmen die Wahrheit in Schutz. „Wir leben in einer Zeit, in der seltsamerweise viele recht kultivierte Menschen der Meinung sind, die Wahrheit verdiene keinen Respekt“, schrieb der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt 2006. Eine Entwicklung, die ihm Sorgen mache. Vom Wahr oder Falsch wissenschaftlicher Theorien hänge ab, ob Brücken halten und Flugzeuge fliegen. Ohne Wertschätzung der Wahrheit funktioniere kein Rechtssystem und kein Finanzwesen. „Wie könnte eine Gesellschaft, die sich zu wenig um die Wahrheit kümmert, ausreichend informierte Urteile und Entscheidungen über die am besten geeigneten Bedingungen für ihre öffentlichen Angelegenheiten treffen?“, fragte er.
Differenzierter Begriff
Doch das heißt nicht, dass „Wahrheit“ in allen Bereichen dasselbe bedeuten muss. Die gescheiterte Suche nach einer allgemein gültigen Definition von Wahrheit spricht für eine neue Sicht auf die Wahrheit, die derzeit Anhänger gewinnt: für einen Wahrheitspluralismus. Wahrheit ist ihm zufolge kein gleichförmiger Begriff. Sie hat zwar eine Kernbedeutung, die sich aber unterschiedlich ausdifferenziert. Sie bedeutet etwas anderes in einer Bundestagsrede als in einer Satiresendung, etwas anderes in der Mathematik als in der Physik, etwas anderes vor Gericht als in der Kneipe. Zum Beispiel passt für die Naturwissenschaften die Korrespondenztheorie der Wahrheit. „Für die meisten Physiker gibt es wirklich Tatsachen da draußen“, sagt Logikerin Brendel. „Sie untersuchen diese Tatsachen durch empirische Methoden und geben sie durch wahre Aussagen wieder.“ Auf der einen Seite stehen die Theorien und Hypothesen, auf der anderen Seite steht eine objektive Wirklichkeit: das ist die klassische Idee der Korrespondenz.
Für die Mathematik hingegen passt besser das Verständnis von Wahrheit, das sich in der Kohärenztheorie zeigt. Wenige Mathematiker würden sagen, dass sie in ihrer Disziplin eine von ihnen unabhängige Realität erforschen, wie es Physiker tun. Eher sehen sie mathematische Dinge wie Zahlen oder Mengen als Konstrukte des Geistes. Mathematische Aussagen sind wahr, wenn sie sich in einem mathematischen System beweisen lassen. Die Aussage 12+7=19 ist wahr, nicht weil es eine mathematische Tatsache in der Welt gibt, mit der sie übereinstimmt, sondern weil sie aus den Axiomen der Zahlentheorie folgt – also zu einem schlüssigen Verbund von Aussagen gehört. Der Große Fermatsche Satz, jahrhundertelang ein offenes Problem, gilt als wahr, weil er vor 30 Jahren vom englischen Mathematiker Andrew Wiles bewiesen wurde – und dieser Beweis ist Menschenwerk. Wiles hat nicht in der Welt nachgeschaut, ob der Satz wahr ist.
In manchen Bereichen der Mathematik und Logik gibt es verschiedene Axiomensysteme, die jeweils in sich schlüssig sind, sich aber nicht miteinander vertragen. In den einen gelten Axiome, die in anderen falsch sind. Es gibt zum Beispiel die Theorie der reellen Zahlen, in denen –1 keine Quadratwurzel hat, und die Theorie der imaginären Zahlen, in der diese Wurzel existiert. Die Frage, ob diese Wurzel „wirklich“ existiert, ist sinnlos.
Eine Ingenieurin wiederum hat in ihrer Arbeit womöglich eine wieder andere Haltung zur Wahrheit als ein Mathematiker oder ein Naturwissenschaftler: eine pragmatische Haltung. Als wahr gilt ihr, was funktioniert. Für eine Historikerin ist eher eine kohärenztheoretische Haltung die richtige. Sie kann nicht in die Vergangenheit reisen, um ihre Hypothesen zu überprüfen. Aber sie kann belegen, dass ihre Hypothesen zur Quellenlage passen.
In alltäglichen Zusammenhängen kann Wahrheit ganz anderen Gesetzen folgen: Sie kann von subjektiver Perspektive, von Präferenzen oder Interessen, vom Kontext abhängen. Zum Beispiel kann ein ästhetisches Urteil wie „Die Musik von Taylor Swift ist schön“ für eine Person wahr sein, für eine andere falsch. Die Wahrheit des Satzes „Ich bin groß“ hängt davon ab, ob er am Standard durchschnittlich gebauter asiatischer Frauen gemessen wird oder an den Spielerinnen der NBA. Brendel illustriert die Kontextabhängigkeit alltäglicher Wahrheit am Beispiel einer Kaffeedose, in der noch eine einzige Bohne übrig ist. Wer eine Kanne Kaffee kochen will, wird den Satz „Die Dose ist leer“ bejahen. Wer nur eine Bohne braucht, um einen Kuchen zu verzieren, wird ihn verneinen.
Unverhandelbare Tatsachen
Schwierigkeiten entstehen, wenn die verschiedenen Ausdifferenzierungen von Wahrheit durcheinandergeraten. Wenn ein Physiker zum Beispiel sagen würde, ihm passe es nicht, dass die Gesetze der Relativitätstheorie gelten, dann würde er am Widerstand der Realität scheitern. Er kann die empirischen Befunde nicht ignorieren. Wenn in einem politischen Diskurs der Grundkonsens über objektive Tatsachen verloren geht und es nur noch um „gefühlte Wahrheit“ geht, dann wird die Suche nach einem Kompromiss mühsam.
Manchmal scheint es, als sei uns die gemeinsame Wahrheit abhandengekommen, als sei sie zerfallen in „deine Wahrheit“, „meine Wahrheit“ und „ihre Wahrheit“ – als sei die Wahrheit eben Ansichtssache geworden: „anything goes“. Aber es gibt nun mal unverhandelbare Tatsachen: wahr und falsch. Als etwa der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau nach dem Ersten Weltkrieg gefragt wurde, wie wohl künftige Historiker die Schuldfrage beantworten würden, antwortete er: Jedenfalls werde keiner behaupten, Belgien habe Deutschland überfallen.
Es ist also wichtig, über Wahrheit zu reden – gerade in einer Zeit wachsender Wahrheitsignoranz. Es ist wichtig, klar zu bestimmen, wo Wahrheit von individuellen Präferenzen abhängt und man nicht weiter diskutieren muss, und wo es lohnt, um die Wahrheit zu streiten. Nicht die Wahrheit ist uns abhandengekommen, Wahrheit verschwindet nicht. Vielmehr fehlen die gemeinsamen Wege zur Wahrheit: das Einvernehmen darüber, wie wir Wahrheit zuverlässig erkennen und prüfen können. Die Welt ist komplizierter und schwerer durchschaubar geworden. Es gibt seriöse Medien und solche, die nur so tun. Es gibt Wissenschaftler und Pseudowissenschaftler. Was wahr und was falsch ist, ist nicht mehr so leicht zu klären. Aber das Bemühen darum bleibt notwendig.
„Jede Gesellschaft, die es schafft, auch nur einigermaßen zu funktionieren, muss, so scheint es mir, ein starkes Bewusstsein für den unendlichen, vielfältigen Nutzen der Wahrheit haben“, so der US-Philosoph Harry Frankfurt. Wer besser urteilen will als einst der römische Statthalter Pontius Pilatus, der sollte nicht wie jener den Raum verlassen, bevor die Frage nach der Wahrheit beantwortet ist.
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