Vor wenigen Tagen weihte der US-Superkonzern General Electric (GE) in Garching sein europäisches Forschungszentrum ein. Was GE dazu bewegte, nach Deutschland zu gehen, erläutert Forschungs-Chef Dr. Armin Pfoh.
bild der wissenschaft: GE ist in seiner wahren Dimension in Deutschland kaum bekannt. Wie stellen Sie Ihr Unternehmen der hiesigen Öffentlichkeit vor, Herr Dr. Pfoh?
Pfoh: GE hat immerhin 70 000 Beschäftigte in Europa und rund 10 500 im deutschsprachigen Raum. Die meisten unserer Geschäfte in Europa machen wir allerdings im Business-Bereich. Endverbraucher kennen uns in der Tat weniger. Die Forschung von GE können wir in Europa am besten dadurch bekannt machen, indem wir wichtige zukünftige Technologie-Entwicklungen ganz wesentlich mitgestalten. Hier denke ich vor allem an erneuerbare Energien. Die ersten ökonomisch arbeitenden Systeme werden aus Europa kommen, nicht aus den USA und nicht aus Asien. Eine der Motivationen, in Europa ein Forschungszentrum zu installieren, bestand darin, mit einem leistungsfähigen Forschungsteam direkt vor Ort präsent zu sein, wenn hier die Standards der Zukunft definiert werden. Hierzu werden wir natürlich unseren konstruktiven Beitrag leisten. Zudem: Bei GE wollen wir für unsere Forschungsarbeit die besten Mitarbeiter gewinnen. Deshalb gehen wir auf globaler Ebene mit unseren Forschungszentren genau dorthin, wo diese arbeiten.
bdw: Ist die GE-Konzernforschung aus diesem Grund in jüngerer Zeit deutlich ausgeweitet worden?
Pfoh: In der Tat. Neben dem mehr als 100 Jahre alten Forschungszentrum in Schenectady im Bundesstaat New York hat GE in den letzten Jahren weitere R&D-Zentren eröffnet: 1999 im indischen Bangalore, 2003 in Schanghai und nun ab Juni 2004 das Global Research Center – Europe (GRC-E) in Garching bei München.
bdw: Welche Rolle spielen die GE-Forschungszentren im Gesamtkonzern?
Pfoh: GE Global Research ist eine Einrichtung, die weltweit allen GE-Unternehmensbereichen zur Verfügung steht und von ihnen etwa zur Hälfte finanziert wird. Dies bedeutet, dass uns die GE Unternehmen direkt mit einer bestimmten anwendungsspezifischen Grundlagenforschung beauftragen. Beispiele hierfür sind: neue Materialien für Flugzeugtriebwerke oder die Automobilindustrie, intelligente Verbundsysteme für die hocheffiziente Nutzung erneuerbarer Energien oder auch innovative Verfahren für die bildgebende medizinische Diagnostik. Ein weiteres Viertel unseres Forschungsbudgets stammt von GE Corporate, also direkt von der Konzernspitze unseres Unternehmens. Das restliche Viertel wird aus Drittmitteln bestritten – etwa von Ministerien in den USA und zukünftig wohl auch durch die EU. Auf dieser Basis erforscht GE Global Research einerseits Technologien, die in 5, 10 oder sogar erst in 15 Jahren in neuen Produkten und Anwendungen genutzt werden. Andererseits entwickeln wir für bestimmte GE-Geschäftsbereiche Technologien, Applikationen und Materialien, die bereits in ein bis in drei Jahren marktreif sind. Bei all diesen Innovationen nutzen wir konsequent die GE-internen Synergien. So wird eine erfolgreiche Neuentwicklung, die wir für einen bestimmten GE-Geschäftsbereich realisiert haben, sehr schnell auch in anderen Geschäftsbereiche eingesetzt. Im Bereich Beleuchtungstechnik haben wir beispielsweise neuartige Keramiken entwickelt für leistungsfähigere Leuchtkörper. Mit leichten Modifikationen setzen wir diese Keramik auch als Röntgendetektoren in der Medizintechnik ein, wo sie Röntgenstrahlen in sichtbares Licht umwandelt.
bdw: Weshalb hat GE für sein europäisches Forschungszentrum gerade den Raum München gewählt?
Pfoh: Ehe wir uns für den Standort Garching entschieden, hat GE umfassende Studien in ganz Europa durchgeführt. Dass Garching – trotz der in Deutschland höheren Personalkosten – letztlich das Rennen machte, hat konkrete Gründe. Zum einen existiert hier ein über viele Jahre gewachsenes kompetentes und ambitioniertes Technologie-Umfeld. Und dieses ist zudem – auf politischer, wissenschaftlicher und industrieller Ebene – von Menschen geprägt, die die Erforschung und Entwicklung neuer Technologien im globalen Maßstab vorantreiben wollen. Zum anderen sehen wir einen zentralen Standortvorteil in unserer direkten Nähe zum Campus der TU München. Vor Ort existieren damit Einrichtungen wie Windkanal, führende chemische Laboratorien, eine Hochflussneutronenquelle und auch ein Max-Planck-Institut, das sich mit Kernfusion beschäftigt. Für das GE-Forschungszentrum eröffnen sich damit vielfältige Kooperationsmöglichkeiten – die aus meiner Sicht die Qualität unserer Arbeit signifikant fördern werden.
bdw: Welche Rolle spielte bei Ihrer Standortwahl, dass in München auch Siemens seinen zentralen Standort hat?
Pfoh: Dass Siemens hier nach wie vor so prominent präsent ist, liegt an den guten Standortfaktoren für Technologieentwicklung. Genau dies ist eben der entscheidende Grund dafür, dass auch GE hier ansässig wurde. Mit der starken lokalen Präsenz von Siemens selbst hat unser Engagement im Raum München nichts zu tun. Beide Unternehmen sind Global Players und weit davon entfernt, so kleinkariert zu denken, dass eine Standortentscheidung allein darauf gründet, einen Wettbewerber nebenan zu haben.
bdw: Wie viele Forscher kommen aus den USA herüber?
Pfoh: Garching ist unser europäisches Forschungszentrum. Unser Ziel ist es daher, Europäer einzustellen und nicht, Ressourcen aus den USA zu importieren. Wir fokussieren uns in Garching auf vier Forschungsschwerpunkte: erneuerbare Energien, Sensortechnik, medizinische Bildgebung und Materialwissenschaft. Die verantwortlichen Laborleiter sind bereits an Bord und stammen allesamt aus Europa. Einer von ihnen ist innerhalb von GE zu uns gewechselt, die anderen drei kommen aus externen Unternehmen. Insgesamt werden in Garching rund 100 Mitarbeiter direkt für Global Research arbeiten. Weitere 50 Forschungsmitarbeiter unterstützen von hier aus die Forschungsarbeiten diverser GE-Unternehmen.
bdw: Wie finden Sie Ihre Mitarbeiter?
Pfoh: Wir haben sehr viele Initiativbewerbungen erhalten – sicherlich nicht zuletzt deshalb, weil wir als amerikanisches Unternehmen sehr flache Strukturen haben. Für die konkrete Forschungstätigkeit bedeutet dies, dass man bei uns schnell eigenverantwortlich arbeiten kann. Zudem ist bei GE die Vergütung unmittelbar an dem orientiert, was man de facto leistet. Darin unterscheiden wir uns strukturell von vielen deutschen Firmen.
bdw: Wie kann man jemanden leistungsgerecht bezahlen, der an Dingen arbeitet, die frühestens in fünf Jahren marktreif sind?
Pfoh: Wir haben das statistische Werkzeug, die Arbeitsleistung ganz rational zu bewerten. Bei GE sind auch im Personalbereich alle Entscheidungen datenbasiert. Diese Prozesse lassen sich auf die Forschungsarbeit anwenden. Dies bedeutet, dass unsere Wissenschaftler keineswegs ausschließlich am positiven Projektausgang gemessen werden. Wir wollen vielmehr, dass unsere Mitarbeiter Risiken eingehen. Ein Resultat, das den ursprünglichen Erwartungen nicht entspricht, heißt ja nicht, dass das Projekt nicht professionell realisiert wurde. Ich habe es bei GE erlebt, dass Teams für ihren kreativen Ansatz ausgezeichnet wurden, obwohl ihr Projekt nicht zu dem erwarteten Ergebnis geführt hat. Was nur logisch ist: Denn in dem einen oder anderen Fall ist es für uns eben entscheidend, wenn empirisch belegt ist, dass diese oder jene theoretisch mögliche Technologie in der Praxis eben aktuell doch noch nicht anwendbar ist.
bdw: Was erwarten Sie von frischen Hochschulabsolventen, die sich bei Ihnen bewerben?
Pfoh: Das Wichtigste ist sicherlich ein sehr hohes Maß an technologischer Kompetenz. Die Amerikaner sagen „Waterwalkers” und meinen damit Menschen, die in ihrem Fachbereich so glänzen, dass man meint, sie könnten auf dem Wasser gehen. Doch Fachkompetenz allein reicht uns bei weitem nicht aus. Ein neuer Mitarbeiter muss auch menschlich zu unseren Teams und der GE-Kultur passen. Dies ist keinesfalls eine reine Floskel. Wenn jemand nicht bereit ist, eigenverantwortlich, proaktiv, ergebnis- und teamorientiert und mit einem gehörigen Maß an Kundenfokus zu arbeiten, dann wird er bei GE nur schwer glücklich. Dazu kommt: Auch im Forschungsbereich setzen wir auf die Antriebskräfte des Wettbewerbs – intern und extern. Hierauf müssen sich neue Mitarbeiter so schnell wie möglich mental einstellen.
bdw: Welche Arbeitsbedingungen bieten Sie Ihren Mitarbeitern?
Pfoh: Nach längeren Diskussionen konnte ich bei meinen amerikanischen Kollegen durchsetzen, dass fast allen unseren Wissenschaftlern neben den modernsten Werkzeugen auch großzügige Einzelbüros mit Fenstern zur Verfügung stehen. In den USA ist dies nicht unbedingt üblich. Doch wenn wir in Europa die Besten an uns binden wollen, müssen wir auch ein optimales Arbeitsumfeld bieten. Bei den Arbeitszeiten sind wir sehr flexibel. Natürlich müssen Abteilungsmeetings wahrgenommen werden. Aber ob jemand lieber von 9 bis 18 arbeitet, von 12 bis 23 oder von 6 bis um 15 Uhr, ist uns einerlei. Entscheidend ist der Fokus auf das Projektergebnis.
bdw: Vor Ihrer GE-Tätigkeit waren Sie in Deutschland tätig. Was unterscheidet die beiden Forschungskulturen?
Pfoh: Nach meiner langjährigen Absenz von Europa kann ich manche Details noch nicht umfassend beurteilen. Ein grundlegender Unterschied, der mir stets auffiel, ist jedoch das persönliche Verhalten von Forschern, die ein wichtiges Karriereziel bereits erreicht haben. In Deutschland führt ein solcher Forschungserfolg teilweise zu der Auffassung, dass man künftig ruhig etwas kürzer treten könne. Ein wesentlicher Grund hierfür ist aus meiner Sicht, dass deutsche Forscher in einem eher statischen Umfeld tätig sind. Erfolgreich nachgewiesene wissenschaftliche Kompetenz wird nur in Ausnahmefällen adäquat honoriert – durch Beförderung oder einen erweiterten Verantwortungsbereich. In den USA sieht man sich dagegen ständig mit der Forderung nach Höchstleistung konfrontiert: Wer sich als gut erwiesen hat, dem werden zukünftig Ziele vorgegeben, die nur mit einer sehr guten Leistung erreicht werden können. Dies führt zu herausragenden Leistungen und motiviert Mitarbeiter jeden Alters dazu, sich immer wieder voll zu engagieren. Nur wenn sie weiterhin exzellente Ergebnisse präsentieren, erhalten sie die Möglichkeit, immer anspruchsvollere Forschungsprojekte zu verantworten – und dies unabhängig davon, wie lange der jeweilige Abteilungsleiter bereits im Amt ist.
bdw: Welche Themen sind für Sie die Herausforderungen der nächsten Jahre?
Pfoh: Die umweltfreundlichere Energie-Erzeugung wird ein großes Thema bleiben. Ich sehe zum Beispiel bei der Kohlevergasung ausgezeichnete Perspektiven, weil dadurch die globalen Kohlevorräte weitaus umweltfreundlicher genutzt werden können als bei der Verbrennung. Ein weiterer Schwerpunkt sind die erneuerbaren Energien, für die zukünftig gelten muss, dass sie sich auch ohne Subventionen effizient nutzen lassen. Dass uns dies gelingen wird, ist meine feste Überzeugung. Ein großes Zukunftsthema für uns sind zudem neue medizinische Bildgebungsverfahren, die dokumentieren, was sich auf molekularer Ebene abspielt. Dadurch werden wir die Abläufe im Körper besser verstehen lernen. Mittelfristig werden damit die derzeitigen reaktiven Verfahren durch eine Medizintechnik ersetzt, die Krankheiten bereits dann erkennt, vorbeugt und gegensteuert, wenn sie noch gar nicht zum Ausbruch gekommen sind.
bdw: Wie beurteilen Sie die Diskussion um den Niedergang des Technologiestandorts Deutschland?
Pfoh: Den hierzulande teilweise kommunizierten Fatalismus kann ich nicht teilen. Ganz im Gegenteil sehe ich in Deutschland auch weiterhin ein außergewöhnliches Potenzial an technologischer Expertise und ein exzellentes Umfeld für Initiativen, die vorwärts gerichtetes Denken belegen und befördern. Ich sehe auch sehr viele hochmotivierte Wissenschaftler. Insofern ist es heute noch mehr als vor einem oder zwei Jahren seitens GE genau die richtige Entscheidung, in Deutschland ein neues Forschungszentrum einzurichten. Ich bin auf jeden Fall fest davon überzeugt, dass wir hier Ergebnisse präsentieren werden, die auf globaler Ebene zur intelligenten und effizienten Nutzung neuer Anwendungstechnologien führen werden.
Dr. Armin H. Pfoh
wurde 2003 mit der Gesamtleitung des europäischen Forschungs- und Entwicklungszentrums von General Electric (GE) beauftragt, das soeben eingeweiht wurde. Bis 1984 arbeitete Pfoh (Jahrgang 1955) am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg. Anschließend war er in den USA in verschiedenen Positionen tätig. 1990 wechselte der Physiker zu GE, wo er unter anderem die Computertomographie revolutionierte. Pfoh hält 13 Patente. General Electric machte 2003 einen Gesamtumsatz von 134,2 Milliarden US-Dollar und beschäftigte weltweit 315 000 Mitarbeiter. Für Forschung und Entwicklung gab GE 2,7 Milliarden Dollar aus.
Das Gespräch führte Wolfgang Hess ■





