Wie Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und Forschungsgruppenleiter „Zukünftige Energie- und Mobilitäts- strukturen”, die Situation des deutschen Stromnetzes beurteilt.
bild der wissenschaft: Seit Juni 2009 gibt es in Deutschland ein Energieleitungsausbaugesetz. Warum reicht das nicht aus, um die notwendigen Stromfernleitungen zu bauen, Herr Prof. Fischedick?
Manfred Fischedick: In den letzten Jahren konnte das Stromnetz nur marginal an die heutigen Erfordernisse angepasst werden. Eine Ursache dafür ist die unklare Lage, wie man mit Einsprüchen der Bürger umzugehen hat. Gebaut wurden in den letzten fünf Jahren nur 90 Kilometer neue Stromfernleitungen, Hunderte von Kilometern werden aber zukünftig nötig sein. Aktuell wird deshalb über einen Bundesnetzplan diskutiert – als Bestandteil des neuen Energiekonzeptes der Bundesregierung –, der stärker partizipativ angelegt ist und dazu führen soll, dass der Netzausbau beschleunigt werden kann.
Viele Bürger scheren sich inzwischen nicht mehr um Gesetze und bekämpfen auch rechtmäßig entstandene Entscheidungen. Glauben Sie wirklich, dass sich daran bald etwas ändert?
Solange nicht klar ist, wie sich einzelne Projekte in den Gesamtzusammenhang einordnen, sind solche Proteste nicht verwunderlich. Wir brauchen deshalb einen gesellschaftlichen Konsens über die Eckpfeiler unserer künftigen Energieversorgung. Der Druck, diesen Konsens zu erreichen, ist durch Fukushima größer geworden. Die Politik hat erkannt, dass die Öffentlichkeit bei großen Vorhaben besser als früher beteiligt werden muss. Viele Umweltverbände sind bereit, sich aktiv für Infrastrukturmaßnahmen einzusetzen, wenn die Gesamtrichtung stimmt.
Seit sechs Monaten gibt es eine zweite Netzstudie der Deutschen Netzagentur dena. Durch die jüngste Kehrtwendung in der Energiepolitik ist sie Makulatur geworden.
Diese Studie hat für den notwendigen Ausbau der Leitungen ohnehin eher eine Obergrenze abgesteckt: Viele neue technische Möglichkeiten der Stromtrassen-Führung und -Optimierung wurden nicht betrachtet. Auch die kompensierenden Möglichkeiten von Speicherung und Lastmanagement wurden nicht genügend berücksichtigt. Wenn wir diesen Punkten mehr Beachtung schenken, werden wir weit weniger als die von der dena ausgewiesenen 3600 Kilometer Stromleitungen bauen müssen.
Gibt es Argumente, die gegen unterirdische Leitungen sprechen?
Weniger als die Energieversorger immer wieder beteuern. Obwohl sie fünf bis zehn Mal soviel kosten wie herkömmliche Leitungen, dürften sie künftig dort eine Lösung bringen, wo es unüberwindbar viele Widersprüche zum Landschafts- und Naturschutz gibt. Mehr noch: Wenn man dadurch ein langjähriges Genehmigungsverfahren abkürzen kann, spart man an anderer Stelle Kosten ein. Unter Gesamtgesichtspunkten könnte eine unterirdische Verkabelung damit gar nicht mehr so viel teurer sein.
Welcher Part kommt Stromspeichern künftig zu?
Bei Pumpspeicherkraftwerken, die heute insbesondere in südlichen Bundesländern und in Österreich zum Einsatz kommen, haben wir nur begrenzte Möglichkeiten zur Erweiterung. Druckluftspeicher sind eine Option, lassen sich aber sicher nicht von heute auf morgen in großer Zahl realisieren. Eine dritte Möglichkeit ist Stromspeicherung über chemische Energie – beispielsweise durch die elektrolytische Erzeugung von Wasserstoff. Diese Variante ist interessant, weil man den Wasserstoff direkt in das Erdgasnetz einspeisen und so eine bestehende Infrastruktur nutzen kann. Überschussstrom aus Windenergie lässt sich dadurch leicht auffangen. Die vierte Option – und meiner Meinung nach eine häufig vernachlässigte Möglichkeit – ist das sogenannte Lastmanagement.
Was heißt Lastmanagement konkret?
Lastmanagement bedeutet, beispielsweise große Kühlhäuser oder industrielle Aggregate so zu betreiben, dass sie via Preisgestaltung vor allem dann Strom abnehmen, wenn er im Überschuss da ist. Auch elektrische Wärmepumpen oder Elektrofahrzeuge können so eingesetzt werden, dass sie Schwankungen bei der regenerativen Stromproduktion intelligent ausgleichen. Es gibt übrigens noch eine fünfte Option: die dezentralen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Durch sie können Strom und Wärme parallel und flexibel produziert werden. Mit einem hinreichenden Wärmespeicher ausgestattet lassen sich dadurch Schwankungen im Stromnetz elegant ausbalancieren.
Ausstieg aus der Kernenergie bis 2018 oder sogar schon 2015: Wie beurteilen Sie diese Ziele unter dem Blickwinkel leistungsfähiger Stromnetze?
Wie die Gegenwart beweist, kommen wir ohne die stillgelegten älteren Kernkraftwerke gut aus. Um uns vollständig von der Kernenergie zu verabschieden, brauchen wir zwischen fünf bis zehn Jahren – auch um den Ausstieg klimaneutral zu gestalten. Ein großer Beitrag dazu kann über die Stromeinsparung realisiert werden, die im Übrigen auch beim Netzausbau Erleichterung bringen wird. Nach den Berechnungen des Wuppertal Instituts lassen sich zwischen 20 und 30 Prozent des derzeitigen Stromverbrauchs in den nächsten fünf bis zehn Jahren durch den Einsatz der effizientesten Technologien bereits im Rahmen des üblichen Erneuerungszyklus einsparen. Das fängt bei effizienten Gefriertruhen im Haushalt an und geht bis hin zu Drucklufterzeugungs-Anlagen und Antrieben in der Industrie. Und was das Gute dabei ist: Die höheren Investitionskosten würden durch die Energieeinsparung in wenigen Jahren kompensiert werden – also eine volkswirtschaftlich hochattraktive Option. ■





