Wenn wir uns anderen Menschen verbunden fühlen – etwa, weil sie die gleiche Sprache sprechen wie wir, aus dem gleichen Ort, Land oder Kulturkreis stammen oder ähnliche Interessen pflegen – neigen wir üblicherweise dazu, sie bevorzugt zu behandeln. Zahlreiche Experimente haben belegt, dass wir gegenüber Angehörigen unserer eigenen Gruppe großzügiger und vertrauensvoller sind als gegenüber Personen außerhalb der Gruppe. Konkurrenzsituationen wurden bislang allerdings weniger erforscht und existierende Studien haben dazu teils widersprüchliche Ergebnisse erbracht.
Testpersonen aus 51 Ländern
„Aus der Beobachtung der Bevorzugung von Gruppenmitgliedern könnte man ableiten, dass Menschen stärker mit Personen außerhalb ihrer Gruppe konkurrieren als mit Gruppenmitgliedern“, erklärt ein Team um Angelo Romano von der Universität Leiden in den Niederlanden. „Doch der Nachweis, dass die eigene Gruppe in Szenarien der Zusammenarbeit bevorzugt wird, bedeutet nicht unbedingt, dass der Wettbewerb gegenüber eigenen Gruppenmitgliedern verringert ist.“
Um Gruppeneffekte in einem Konkurrenz-Szenario zu testen, nutzten Romano und sein Team ein sogenanntes Angreifer-Verteidiger-Spiel. Zwei Testpersonen erhalten dabei einen bestimmten Geldbetrag. Beide können einen selbst gewählten Anteil ihres Geldes investieren, der damit für sie verloren ist. Liegt der investierte Betrag des “Angreifers” höher, bekommt er das gesamte verbliebene Geld des Verteidigers, während dieser leer ausgeht. Hat der Verteidiger hingegen gleich viel oder mehr investiert, darf er sein verbliebenes Geld behalten. Dieses Spiel führten die Forschenden online mit 12.863 Menschen aus 51 Ländern durch. Dabei erfuhren die Teilnehmenden jeweils vor ihrer Entscheidung, aus welchem Land ihr Gegenüber stammte.
Gruppeninterne Konkurrenz
Gemäß den Erkenntnissen zur Bevorzugung eigener Gruppenmitglieder stellten Romano und sein Team die Hypothese auf, dass Menschen weniger in Angriff und Verteidigung investieren würden, wenn sie gegen eine Person der gleichen Nationalität spielten. „Wenn Menschen eher geneigt sind, bei der Interaktion mit einem Mitglied der eigenen Gruppe gemeinsames Wohlergehen zu schaffen, dann liegt es nahe, dass sie auch davor zurückschrecken, persönliche und kollektive Ressourcen für den Wettbewerb mit einem Mitglied der eigenen Gruppe zu ‚verschwenden‘“, erläutert das Team.
Doch zur Überraschung der Forschenden zeigten die Ergebnisse genau das Gegenteil: „Entgegen den Vorhersagen investierten die Testpersonen mehr Ressourcen in Konflikte mit Mitgliedern der eigenen Gruppe als mit Mitgliedern der anderen Gruppe oder Personen, bei denen die Nationalität nicht angegeben war“, berichten sie. „Der Effekt zeigte sich sowohl bei der Attacke als auch bei der Verteidigung und ging in allen Ländern in die gleiche Richtung.“ Faktoren auf Länderebene wie etwa der nationale Wohlstand spielten dabei keine Rolle.





