Menschen sind soziale Wesen: Wir unterstützen uns gegenseitig und verhalten uns generell prosozial. Doch wir behandeln nicht alle unsere Mitmenschen gleich. Familie und Freunden begegnen wir beispielsweise wohlwollender als Fremden. Warum das so ist und welche neuronalen Mechanismen im Gehirn unser Sozialverhalten steuern, ist noch nicht vollständig geklärt.
Subregion der Amygdala im Visier
Ein Team um Tobias Kalenscher von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) ist nun der Frage nachgegangen, wie großzügig wir uns gegenüber nahe und weniger nahestehenden Personen verhalten und was dabei in unserem Gehirn passiert. Dafür arbeiteten die Forschenden mit fünf Patienten in Südafrika zusammen, die an dem äußerst seltenen „Urbach-Wiethe-Syndrom“ (UWD) leiden. Weltweit sind weniger als 150 Betroffene dieser Erbkrankheit bekannt. Sie haben ein verändertes Gefühlsleben und Sozialverhalten. Beispielsweise können sie aus Gesichtsausdrücken nicht auf die darin ausgedrückten Emotionen schließen.

Grund dafür ist, dass bei den Betroffenen die sogenannte basolaterale Amygdala (kurz BLA) geschädigt ist. „Von dieser Hirnregion wird vermutet, dass sie für das mitfühlende Verhalten gegenüber anderen Menschen maßgeblich sind“, sagt Kalenscher. Um diesen Zusammenhang zu überprüfen, führten die Forschenden mit den Patienten sowie 16 gesunden Kontrollpersonen Spielexperimente durch. Die Teilnehmenden erhielten Geld, welches sie an acht andere Menschen verteilen konnten. Dabei sollten sie selbst entscheiden, wie viel sie jeweils engen Freunden, Bekannten, Nachbarn oder Fremden abgeben. Familienmitglieder als nächste Bezugspersonen waren im Spiel nicht erlaubt, um die Abstufung der sozialen Nähe besser untersuchen zu können.
„Die Ergebnisse waren eindeutig: Menschen mit BLA-Schädigung waren gegenüber nahestehenden Personen genauso großzügig wie gesunde Kontrollpersonen. Doch sobald es um Personen ging, zu denen ein geringeres emotionales Verhältnis bestand, verhielten sie sich auffallend egoistischer“, berichtet Co-Autorin Luca Lüpken von der HHU. Die Probanden mit Urbach-Wiethe-Syndrom gaben Fremden und losen Bekannten demnach deutlich weniger Geld ab als Menschen mit intakter basolateraler Amygdala. „Die Bereitschaft der UWD-Teilnehmer zum Teilen nahm mit zunehmender sozialer Distanz stärker ab“, schreibt das Team.





