Nicht-hörende Menschen können in verschiedenen Gebärdensprachen kommunizieren. Die Informationen werden dabei nicht durch Lautäußerungen, sondern durch die gleichzeitige Bewegung mehrerer Körperteile übermittelt. Zum Einsatz kommen dabei vor allem Hände und Finger, zudem Oberkörper, Kopf, Blickrichtung, Augenbrauen und Mund. Im Schnitt produzieren die Sprecher zwei Bewegungssignale pro Sekunde – Gebärdensprache ist damit deutlich langsamer als Lautsprache. Aber wie genau übersetzt unser Gehirn diese visuellen Informationen in Wörter? Wie wandelt sich die Sprachverarbeitung mit mehr Übung? Und gibt es Parallelen zur Verarbeitung von gesprochener Sprache?

Spanische und russische Gebärdensprache im Vergleich
Wie das menschliche Gehirn Gebärdensprache verarbeitet, haben nun Forschende um Chiara Rivolta vom Baskischen Zentrum für Kognition, Gehirn und Sprache in Donostia-San Sebastián näher untersucht. Dafür nahmen sie Videos von Kurzgeschichten in spanischer und russischer Gebärdensprache auf und ließen anschließend 28 hörende Probanden diese Videos betrachten. Die Hälfte der Testpersonen beherrschte nur die spanische Gebärdensprache, die andere Hälfte keine der beiden Sprachen. Parallel dazu nahmen die Forschenden mithilfe von Magnetoenzephalographie die Hirnaktivität der Probanden auf. Zudem analysierten sie die feinen Bewegungen der Sprecher.
Die Analyse ergab: Bei allen Testpersonen waren Hirnareale und neuronale Netzwerke aktiv, die für die Verarbeitung visueller Signale zuständig sind, darunter der rechte Temporallappen. Bei allen Teilnehmenden synchronisierte sich zudem diese Hirnaktivität mit den sichtbaren Bewegungen der Gebärdensprecher, vor allem der Handbewegungen. Entsprechend der Frequenz der Bewegungssignale von rund zwei Hertz, waren an dieser zeitlichen Synchronisation vor allem Delta-Hirnwellen im Frequenzbereich zwischen 0,5 und 2,5 Hertz beteiligt. „Höhere Frequenzbänder wie Theta scheinen bei der Erzeugung und Verarbeitung von Zeichen hingegen keine relevante Rolle zu spielen“, so das Team um Rivolta. Bemerkenswert auch: Die Synchronisierung im Deltabereich war bei den Probanden, welche die verwendete Gebärdensprache verstanden, stärker und ausgeprägter als bei den Probanden ohne Kenntnisse der genutzten Gebärdensprache, vor allem im rechten Temporallappen.
Bessere Sprachkenntnisse, bessere neuronale Verarbeitung
Die Befunde zeigen, dass sich unser Gehirn nicht nur mit den rhythmischen Mustern der gesprochenen Sprache synchronisiert – ein Phänomen, das bereits aus früheren Studien bekannt war –, sondern auch mit den Bewegungsmustern der Gebärdensprache. Rivolta und ihre Kollegen vermuten, dass diese zeitliche Synchronisation von neuronalen Signalen in beiden Fällen das Sprachverständnis erleichtert. Je vertrauter ein Mensch mit der verwendeten Laut- oder Gebärdensprache ist, desto mehr feine Signale werden in den Sprachzentren des Gehirns verarbeitet und desto stärker ist dabei die Synchronisation mit dem Gehörten beziehungsweise Gesehenen, schließt das Team.
Quelle: Chiara Rivolta (Baskisches Zentrum für Kognition, Gehirn und Sprache) et al.; Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2512665122





